Bullshit-Themen statt Politik

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Bullshit-Themen statt Politik

Von Pia Holenstein, 10.02.2021

Was sagt es aus über den politischen Zustand einer Gesellschaft, wenn Einzelne ganz konkret «jeden Blödsinn» in die Verfassung schreiben wollen und es letztlich dank der Hälfte der Abstimmenden sogar erreichen?

Haben Sie irgendeine, wenn auch nur die geringste positive Auswirkung des Minarettverbots festgestellt? Es ist die Folge einer islamophoben Initiative einer kleinen Männergruppe ganz rechtsaussen, deren politische Aussagen niemand ernst nehmen kann.

Unsinniges Verbot

Wieviel hat uns dieser absurde Verfassungsartikel gekostet? Viel wurde bezahlt für einen Schildbürgerstreich, mit dem sich die Schweiz nur lächerlich macht. Nun scheinen wir drauf und dran, das Verbot einer bestimmten Frauenbekleidung in die Verfassung zu schreiben. Diese Bekleidung betrifft bekanntlich in der Schweiz nur wenige Personen, in einigen andern Ländern oder Kulturen ist sie jedoch Vorschrift. Das unsinnige Verbot zwingt uns, sämtliche Arten von Verhüllung aufzulisten – in der Verfassung! – welche man explizit ausnehmen muss, die Hygienemaske, die Fasnachtsbräuche – und alles, was noch dazukommen könnte. Die Absicht ist ganz klar nur gegen Frauen gerichtet, die sichtbar nicht schweizerisch gekleidet sind.

Mitglieder des Egerkinger Männerkomitees haben schon oft durch Frauenverachtung und Ausländerfeindlichkeit Staub aufgewirbelt. Sie haben sich gegen die EU, gegen internationale Zusammenarbeit, internationales Recht und vieles andere ausgesprochen. Es ist ganz klar, dass sie darauf abzielen, in der Schweiz nur deshalb Regeln aufzustellen, um zu zeigen, dass sie Herr im Haus sind. 

Weisse Bräute

Nun haben es diese Initianten geschafft, die Frauen in der Schweiz darauf aufmerksam zu machen, dass die Verschleierung etwas mit Unterdrückung zu tun hat. Natürlich bedeuten Kopftücher, Gesichtsschleier und überhaupt alle religiösen und staatlichen Kleidervorschriften für Frauen deren Unterdrückung. Nur: Die Kleidung, als Zeichen verstanden, ist für sich genommen keine zusätzliche Einschränkung für die Trägerin. Denn eine Burka ist ihr nicht nur vorgeschrieben, sondern auch unentbehrlicher Schutz für die Trägerin in ihrer Gesellschaft. Das erklärt auch, warum wir überhaupt nicht zu beurteilen haben, ob die Verhüllung nun freiwillig oder gezwungen sei. Wenn eine Frau genügend Schutz ohne Überwurf hat und – ob in ihrem Land oder in der Schweiz – sich in ihrer Familie und Umgebung sicher fühlt, wird sie ihn bestimmt von selbst ablegen.

Schliesslich ist das – abgeschwächte – Zeichen auch Teil vieler Kulturen. Es gibt auch in vornehmen katholischen Kreisen Südamerikas die Sitte, dass Frauen das Gesicht zart durchsichtig verschleiern; trauernde Witwen verhüllen das Gesicht, Bräute sind in mehreren Ländern von Kopf bis Fuss bedeckt. 

Auch unsere weissen Bräute, die als Geschenk für den Gatten verpackt über die Schwelle getragen werden, tragen Schleier. Das sind liebgewordene Relikte der Vorstellung, dass sie in das Haus des Mannes als Bestandteil eingesetzt werden. Während die Frauenforschung das längst weiss, erwachen nun plötzlich die Spätzünderinnen aufgrund der Debatte um ein Verhüllungsverbot und möchten mit einem JA die Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen, obwohl das JA nur die vorgeschriebene Kleidung von ein paar Frauen, mit denen sie nie gesprochen haben, verbietet. Damit kommen wir ihrer Befreiung aber keinen Schritt näher. Denn jedem denkenden Menschen muss klar sein, dass man durch das Verbot eines Zeichens nicht dessen Bedeutung abschafft.

Unanständige Tanzbewegungen

Abgesehen davon, dass es fast keine Burkaträgerinnen in der Schweiz gibt und noch nie von einer Bedrohung durch sie die Rede war, also keinerlei Interesse des Staates an einer Regelung besteht, kann man auch davon ausgehen, dass bis zur Realisierung des entsprechenden Gesetzes die Zeiten sich wieder geändert haben. Wie sich Kleidermoden verändern – das ist das Wesen der Mode – können auch andere Religionen als bedrohlich betrachtet werden. Vor allem aber lösen sich Kleidervorschriften von innen. Nonnentrachten waren einst auch hier äusserst bewegungseinschränkend, früher trugen Frauen auch hier Kopftücher. In vielen muslimischen Ländern war die Verhüllung für Frauen eine Zeitlang verboten, wurden dann wieder erkämpft (Türkei) oder von oben wieder befohlen (Iran). 

Übrigens beobachtet man in verschiedenen Religionen, auch christlichen, eine steigende Orthodoxisierung, so dass sich vielleicht irgendwann auch Angehörige anderer Religionen verhüllen – zwangsläufig wären dann die Ausnahmen entsprechend zu ergänzen, wenn es zum Beispiel Evangelikale beträfe. Oder wollen freie Schweizerinnen sich einen allfälligen Modetrend verbieten lassen? Mit den vorgesehenen und zukünftigen Ausnahmen wird unsere Verfassung schliesslich aussehen wie eine spätmittelalterliche Stadtverordnung, die nicht nur die Länge und Farbe der Gugel und Ärmel vorschreibt, sondern auch zwischen Ledigen und Verheirateten unterscheidet, Schnabelschuhe sowie die Halskrausen für Nichtadelige verbietet. Auch dort wurde den einen verboten, was den andern als Privileg erlaubt war. Übrigens sahen sich die Stadtherren auch veranlasst, alle unanständigen Tanzbewegungen einzeln aufzulisten, um sie zu verbieten, weil ja das Tanzen nicht unterbunden werden konnte.

Scheingefechte

Damit bin ich bei der Ausgangsfrage: Was ist los in einem Land, in dem man solche ausgesuchten Details – Gebäude einer bestimmten Religion und jetzt noch ein bestimmtes Kleidungsstück derselben Kultur – in millionenteuren Abstimmungskämpfen monatelang abhandelt und deren Verbot schliesslich zum Gesetz erhebt? Wie von Anfang an klar war, ist der Nutzen für unser Land gleich Null. Es ist ein Zeichen. Gegen ein Zeichen gerichtet.

Der Grund für diese Scheingefechte ist, dass die Tatsachen dahinter nicht verändert werden dürfen und können. Diese betreffen die Wirtschaft. Alles, was wirtschaftliche Bedeutung hat und unseren Wohlstand betrifft, ist im Kern unantastbar. An dem darf nicht gerüttelt werden. Da spricht man lieber über Burka-Verbote. Die Politik ist eine Bühne, Unterhaltung, im besten Fall Spektakel, aber die Geschicke der Länder und Bevölkerung werden ganz woanders bestimmt.

Eine Frau mit Burka ist Eine zuviel.
Eliane Studer

...so argumentieren Fundamentalisten, finden Sie nicht auch ?

Frankreich kennt das Burka-Verbot seit genau 10 Jahren. Ganz Frankreich nur eine "islamophobe kleine Männergrupppe ganz recht aussen"? Ich meine, Frau Djemila Benhabib hat in dieser Sache doch etwas mehr Glaubwürdigkeit als Frau Holenstein. Ihre Rede vor dem Parlament in Paris ist eindrücklich:
www.emma.de/artikel/burkaverbot-der-schrei-von-djemila-265041
Frauen in schwarze Säcke einzusperren ist entwürdigend, kommunikativ verstümmelnd – und unter keinem Titel zu rechtfertigen. Auch wache SP-Leute und Grüne stimmen darum am 7. März ja. N. Ramseyer,BERN

Liebe Frau Hollenstein,
bleiben Sie doch bitte in Ihrem Fachgebiet Mittelalter. Da gehören Sie auch hin mit Ihren Ansichten. Frauen die als bessere Tiere behandelt werden - Ihre Vorliebe und Ihr Fachgebiet.

Ihre elitären Ansichten verhöhnen unsere Demokratie. Wenn Ihnen die Verfassungsinitiative nicht gefällt, kämpfen Sie für eine Gesetzesinitiative. Das hätte zwar nichts am Erfolg des Egerkinger Komitees geändert! Diese Leute haben ein echtes Problem unserer Zeit angegangen - den politischen Islam und hatten Erfolg entgegen allen Erwartungen.
Wenn Ihnen das nicht gefällt, organisieren Sie ein Komitee zur Abschaffung. Viel Erfolg.

beschimpfen zeigt höchstens, dass die sachlichen argumente ausgegangen sind (trotz corona :-} )

Könnten Sie bitte noch fünf Beispiele /Probleme dieses politischen Islams in der Schweiz aufzählen und darlegen, wie diese durch eine Kleidungsvorschrift gelöst werden können?
Vielen Dank

Herr Schmid, ihre Aussagen sagen mehr über Sie selbst aus, als Sie meinen, Frau Holenstein über Demokratie belehren zu können.
Und das, was Sie von sich preisgeben, hat nichts mit Demokratie zu tun.

Es ist bezeichnend, wie Sie mit keinem Wort auf den Inhalt eingehen. Was sagen Sie dazu, eine Kleidervorschrift in der Verfassung zu verankern, die 1000 Ausnahmen benötigt, nur damit Herr Schmid zeigen kann, wer der Herr im Hause Schweiz ist?

Sie unterstellen Frau Holenstein, dass sie etwas gegen das schweizerische Initiativrecht hat. Wie kommen Sie darauf? Ich habe den Text jetzt mehrmals durchgelesen und sehe nicht den kleinsten Hinweis darauf.

Gehen Sie doch nächstes Mal auf den Inhalt ein, dann kann sich vielleicht eine Diskussion entwickeln. Aber einfach mit Schlagwörtern und Unterstellungen um sich zu werfen, ist doch eines erwachsenen Menschen unwürdig.

Beste Grüsse

Lieber Herr Wolf,
Ist die Aussage "...wenn Einzelne ganz konkret «jeden Blödsinn» in die Verfassung schreiben wollen ...." nicht genügend klar für Sie? Wer dann noch den Titel "bullshit" obendrauf stellt, deutet klar an dass Sie/er ein Problem hat mit dem Initiativrecht. Wichtiger ist dass der Wille der StimmbürgerInnen klar zum Ausdruck kommt.

Herr Schmid, Ihren Kommentar finde ich etwas unter der Gürtellinie. Man kann anderer Meinung als Frau Holenstein sein, aber nicht mit einem solchen Angriff.

Ich erlaube mir, anzufügen, dass besagte Partei sicher noch eine Initiative zum Verbot von Covid-19 auf den Weg bringen könnte. Ich kenne noch deren Reaktion auf HIV-AIDS inden 90er Jahren.

Vielen Dank für diesen klugen Beitrag!
ich stimme voll und ganz zu (zu Ihren Überlegungen) nicht zum
Verhüllungsverbot.

Oh je! Es scheint fast so, als wäre man da jemandem «auf den Schlips» gestanden. Es ist natürlich nicht so, dass «Einzelne ganz konkret «jeden Blödsinn» in die Verfassung schreiben wollen». Auch ich bin der Meinung, dass weder Bauvorschriften (Minarett) noch Kleidervorschriften in unsere Verfassung gehören. Und dass mir das sogenannte Egerkinger Komitee auch suspekt ist, darf ich auch gleich noch sagen.

Es ist aber leider so, dass solche Initiativen zwingend Verfassungsänderungen bedingen. Wenn Ihnen das nicht passt, wie man ja leicht aus Ihren Zeilen lesen kann, dann dürfen Sie nicht die Initianten verantwortlich machen dafür, und mögen sie Ihnen noch so suspekt sein. Sie müssten – vermutlich – via Parlament anregen, dass künftig mal einfach «ein gewöhnliches Gesetz» genügt, statt immer die Verfassung zu belasten.
Soviel zum Blödsinn in der Verfassung.

Auch ich finde die Initiative überhaupt nicht zwingend. Die Niqab-Trägerinnen aus der Schweiz – provozierende Konvertitinnen – braucht’s echt nicht. Diese Schweizerinnen, die auf Ämtern ihren Schleier nicht lüften wollen, sind doch der eigentliche Grund für die Initiative. Die verschleierten Araberinnen in Interlaken etc. tun niemandem weh. An Touristenorten (Tessin, Österreich, Frankreich, …), wo Niqab- und Burka-Verbot bereits gilt, hat’s offenbar bislang keine Probleme gegeben. Die Damen laufen jetzt halt in westlicher Kleidung 2 Meter hinter ihren Männern her.

Ihre ausführlichen Erklärungen in allen Ehren, aber ehrlich: Die paar Vollverschleierten stören eigentlich nicht. Aber brauchen tut’s die auch nicht. Also spielt’s keine Rolle, wenn die Vermummung/Verschleierung verboten wird. In der Hälfte der Kantone gibt’s eh schon ein Vermummungsverbot, jetzt wird’s halt eidgenössisch.

Übrigens: Erstaunlich, dass Sie sich nur aufregen über solche Vorschriften in der Schweiz und nicht auch über die entsprechenden Vorschriften in arabischen Ländern. Da müssen «wir Westler» uns ja auch an die dort herrschenden Vorschriften halten. Und wie man immer mal wieder vernimmt, sind Widerhandlungen dort dann nicht mit einer simplen Busse von 100 Stutz erledigt.

Also: Stimmen Sie problemlos Nein, ich kann gut damit leben, aber regen Sie sich ab.

wir in der schweiz habens auch nicht gerne, wenn sich andere länder in unsere gebräuche und sitten einmischen (also warum umgekehrt?)

Offenbar hat die Verfasserin übersehen, dass es uns in der parlamentarischen Beratung dieser Verfassungsvorlage nicht so sehr um Burka oder Niqab gegangen war, sondern um die vermummten Chaoten, Hooligans, gewaltätigen Links- und Rechtsextremisten usw. gegangen war. Mit verdecktem Gesicht lässt sich leider viel ungehemmter losprügeln, Mitmenschen einschliesslich Polizisten attackieren, hohe Sachschäden anrichten oder Raubüberfälle auf Tankstellen, Bijouterien oder Banken begehen.

Geehrter Herr Reimann
Mag ja sein, dass es bei der parlamentarischen Beratung viel mehr um Chaoten und Hooligans usw. ging.... Aber glauben Sie wirklich, dass in Zukunft auch nur ein Bankräuber, Hooligan sich weniger vermummen wird, weil es gemäss Verfassung verboten wäre? Diese Leute begehen wissentlich Straftaten. Zu meinen, dass sie dabei ihr Gesicht zeigen, weil es gemäss Verfassung nicht vermummt sein darf, halte ich doch für SEHR blauäugig.
Oder direkter formuliert: die Verfassungsänderung hilft niemandem, nützt niemandem und befreit auch keine einzige Frau vor Unterdrückung..... Wofür brauchen wir also einen neuen Verfassungsartikel genau???
Wie der Titel des Artikel es bereits zugespitzt formuliert:
Dass sind wahrlich Bullshit-Themen statt Politik.
MfG Max Grob

Bankraub ist auch verboten und hält Menschen davon nicht ab. Ihnen folgend sollt Bankraub nicht mehr strafbar sein.

Ach, Herr Reimann, halten Sie die journal21 Leser und Leserinnen intellektuell und zwischenmenschlich auf dem selben Niveau wie die federführende Partei? Schauen Sie die Werbung Ihrer eigenen Partei denn gar nicht mehr an?
Erzählen Sie doch nicht solchen Chabis...

Sie haben recht. Bankräuber werden es sich zwei Mal überlegen, ob sie unverhüllt auf Beutezug gehen. Da hilft so ein Verbot garantiert...
Wenn es der SVP nicht um Muslimas geht, können Sie mir dann erklären, wieso die ganzen Abstimmungsplakate mit verschleierten Frauen vollgestopft sind und kein Hooligan, Chaot oder Bijouterieräuber drauf zu finden ist?
Vielleicht, weil es nur darum geht, ein Zeichen zu setzen und nicht um Inhalte?

Das sagen Sie jetzt so, Herr Reimann. Nach den an den Strassenrändern hängenden Plakaten zu schliessen geht es allerdings zu 100% um Niqab-Trägerinnen.
(Warum muss die Frau den Plakaten eigentlich so einen hässigen Blick drauf haben? Wissen Sie das?)

Ja, ich teile Ihre klar dargelegte Meinung vollständig.
Eine Kleidervorschrift, welche max. 30 Frauen in der Schweiz betrifft, gehört nicht in die Schweizerische Verfassung. Das ist Schildbürgertum, so wie wenn wir ein Gesetz erlassen würden, welches verbietet, dass im Zürichsee Walfische gefangen werden.

Diese total überflüssige sog. "Verhüllungsinitiative" ist schon ein seltsamer Schritt in individuelle Kleidervorschriften und diese gehören ganz sicher nicht in die Verfassung. Was nützt ein Verbot von Burkas und ähnlichem, wenn in den Köpfen derer, die das vorschreiben, noch das Mittelalter steckt? Wenn wir nicht in der Lage sind dieses Gedankengut zu ändern, helfen wir den betroffenen Frauen keinen Schritt weiter. Keine muslimische Frau wird freier, wenn sie ihre Verhüllung ablegen muss, solange die gesellschaftlichen Vorschriften von Männern mit unerträglichen Machtgebaren erlassen werden.
Verhüllte Hooligans und Kravallmacher*innen können schon mit den bestehenden Gesetzen bestraft werden.
Wie Frau Holenstein schreibt geht es den Männern des Egerkinger-Komitees lediglich um frauen- und ausländerfeindliches Gedankengut, und das gehört definitiv nicht in unsere Gesellschaft.

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