Bücher zu Weihnachten

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Bücher zu Weihnachten

Von Journal21, 14.12.2016

Welche Bücher möchten Sie schenken, welche möchten Sie selber lesen? Autorinnen und Autoren von Journal21.ch empfehlen Ihnen 30 Werke.
  • STEPHAN WEHOWSKY EMPFIEHLT

Steve McCurry: Lesen

Der Fotograf Steve McCurry hat, darin seinem Vorbild André Kertész folgend, über Jahrzehnte lesende Menschen fotografiert: Kinder, Greise, Arme, Reiche, Gesunde und Kranke in aller Welt. Sein begnadeter Blick für Situationen trifft die Magie des Lesens in den verschiedensten Kontexten, und seine Bildkompositionen haben durch ihre Perfektion und Farbgebung etwas Surreales. Aber seine Bilder sind authentisch und spiegeln die wunderbare Welt des Lesens an vielen realen Orten.

Prestel, München 2016, 144 Seiten

Arnold Odermatt: Feierabend

Arnold Odermatt wurde einer breiteren Öffentlichkeit mit seinen Fotos von Verkehrsunfällen beziehungsweise Autowracks bekannt: Karambolagen. In diesem Herbst ist der dritte Band von Odermatt im Göttinger Verlag Steidl erschienen: „Feierabend“. Meisterhaft hält Odermatt Szenen aus dem Schweizer Alltag fest, er fotografiert Bauwerke und Landschaften und nicht zuletzt jede Menge skurriler Szenen. Dieser Band ist eine Hommage an die Schweiz und ein Fest für die Liebhaber erstrangiger Fotografie.

Steidl, Göttingen 2016, 345 Seiten

Kunstsalon Cassirer

Der Kunstsalon, den Paul Cassirer im Herbst 1898 in Berlin gründete, entwickelte sich schnell zum Goldstandard der zeitgenössischen Kunst. Die herausragenden Vertreter der Moderne wurden in einer Dichte und Qualität präsentiert, wie sie heute nicht mehr geboten werden kann. Bernhard Echte und Walter Feilchenfeldt haben die Werke dokumentiert und die Kontroversen in bisweilen höchst amüsanter Form nachgezeichnet. In diesem Herbst kam der dritte Teil heraus, der die Werke bis 1914 dokumentiert.

Bernhard Echte, Walter Feilchenfeldt, Kunstsalon Cassirer, 1‘440 Seiten mit 1370 Illustrationen, Nimbus Verlag, Wädenswil 2016

  • KLARA OBERMÜLLER EMPFIEHLT

Gabrielle Alioth: Die entwendete Handschrift

Tote gibt es auch in Gabrielle Alioths neustem Roman, zwei sogar, und dazu die fintenreiche Geschichte einer wissenschaftlichen Fälschung sowie eine Fülle maliziöser Impressionen aus der wohlbehüteten Welt des Basler „Teig“, dem die Autorin einst selbst durch Heirat angehört hatte. Wie schon in früheren Büchern mischt Gabrielle Alioth auch hier wieder historische Fakten, fiktive Elemente und persönliche Erfahrungen zu einem neuen, überzeugenden Ganzen und spinnt daraus eine Romanhandlung, die nicht nur äusserst amüsant und informativ daherkommt, sondern auch von der ersten bis zur letzten Seite Spannung auf hohem Niveau bietet.

Lenos, Basel 2016, 223 Seiten

Robert Harris: Konklave

Der Autor von „Vaterland“, „Imperium“ und „Ghost“ hat erneut zugeschlagen und sich diesmal die geheimste aller geheimen Organisationen vorgenommen, den Vatikan, genauer: das Konklave, jene Versammlung der Kardinäle, die zusammentritt, wenn ein Papst gestorben ist und ein neuer gewählt werden muss. Einmal mehr beweist Harris in seinem jüngsten Buch, wie geschickt er mit facts and figures zu jonglieren versteht. Seine Beschreibung des intrigenreichen Prozedere hinter den verschlossenen Türen der Sixtinischen Kapelle ist so präzise, so anschaulich und kenntnisreich, dass man sich als Leser wie das sprichwörtliche Mäuschen vorkommt, das die ruchlosen Machenschaften der Kardinäle aus nächster Nähe verfolgen kann.

Heyne, München 2016, 351 Seiten

Edmund de Waal: Die weisse Strasse

Mit seiner Familienrecherche „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ hatte er seine Leser verzaubert. Nun nimmt Edmund de Waal sie erneut mit auf eine Suche, die diesmal allerdings nicht der eigenen Familie, sondern der einen grossen Leidenschaft seines Lebens gilt: dem Porzellan, der Töpferkunst, in der es der Autor lange, bevor er zu schreiben begann, zu höchster Perfektion gebracht hatte. Die Reise führt zu den Entstehungsorten des „weissen Goldes“ in China, in Deutschland und Grossbritannien und wird so wunderbar genau beschrieben, dass sich mit der Lektüre des Buches manch ein dunkler Winterabend bei knisterndem Feuer und einer Porzellantasse aromatischen Tees verbringen lässt.

Zsolnay, Wien 2016, 464 Seiten

  • SILVIA KÜBLER EMPFIEHLT

Ernst Burren. Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina. Roman

Ohne Punkt und Komma schreibt Ernst Burren seinen ersten „Roman“ mit 24 balladenartigen Kapiteln. Sechs Personen erzählen abwechselnd in inneren Monologen. Wie in früheren Büchern fängt Burren in den Mundarttexten präzise die Sprache des Alltags ein, mit der Menschen ihr Leben bewältigen. Abrupte Themenwechsel, Ungesagtes und Banalitäten sind dabei genauso bedeutungsvoll wie überraschende Wendungen. Empfehlung: Lesen Sie sich Passagen laut vor!


Cosmos Verlag, Muri bei Bern 2016, 128 Seiten

Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte

„The Sense of an Ending“: Die schillernde Mehrdeutigkeit im englischen Titel spiegelt wie ein Rätsel die zentralen Themen des Buchs. Es erzählt die Geschichte einer Freundschaft und den – letztlich scheiternden – Versuch, aus den wenig verlässlichen Erinnerungen Verlauf, Sinn und Bedeutung der Geschehnisse bis zum Tod des Freundes zu verstehen und Bilanz zu ziehen – am Ende der Geschichte und am Lebensende. Dicht und meisterhaft leicht geschrieben. Warnung: Es kann sein, dass Sie das Buch am Schluss nicht zuklappen, sondern gleich nochmals lesen.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011, 192 Seiten

  • IGNAZ STAUB EMPFIEHLT

Lewis L. Lapham: Age of Folly – America Abandons Its Democracy

Zwar ist der Band mit Essays des früheren Chefredaktors von “Harper’s Magazine” noch vor der Wahl Donald Trumps ins Weisse Haus erschienen. Das aber tut der Schärfe und der Lesbarkeit von Lewis L. Laphams Analysen der Entwicklung des amerikanischen Imperiums seit dem Fall der Mauer keinen Abbruch. Mit unbestechlichem Blick und grosser Wortgewalt schildert der Autor, wie die stolze Nation, die diesbezüglich einst als Vorbild galt, ihre demokratischen Prinzipien immer häufiger verrät, ohne sich dessen bewusst zu sein.    

Verso, London/New York 2016, 384 Seiten

Lee Child: Jack Reacher – Night School

Wer gern intelligente Thriller liest, ist beim Briten Lee Child an der richtigen Adresse. Zwar strickt er seine Bestseller nach ähnlichem Muster und sein Held Jack Reacher, ein asketischer früherer Militärpolizist der US-Armee, bleibt sich treu–  hartnäckig, lakonisch und skrupellos gewaltsam, wenn es die Situation erfordert. Doch obwohl der Leser zum Voraus weiss, dass Reacher am Ende erneut grosses Unheil abwenden wird, folgt er gebannt der temporeichen Handlung , im jüngsten Fall einem US-Soldaten, der beinahe mit nahöstlichen Terroristen ins Geschäft kommt.

Delacorte Press, New York 2016, 369 Seiten     

Robert Bösch: Aus den Bündner Bergen

Ein grossformatiger Bildband mit attraktiven Aufnahmen wird gemeinhin als „coffee-table book“ eingestuft - mehr standesgemässe Dekoration als ernst zu nehmendes Werk. Doch Robert Böschs Fotografien aus den Bündner Bergen, meist in Schwarzweiss, sind die Frucht zweijähriger harter Arbeit und strafen dieses Vorurteil Lügen. Dem erfahrenen Bildreporter und Alpinisten ist es gelungen, auf an sich bekannte Sujets völlig neue Perspektiven zu eröffnen und so den Betrachter in eine Welt zu entführen, deren Magie ihm sonst verborgen bleibt.   

NZZ Libro, Zürich 2016, 208 Seiten

  • ALEX BÄNNINGER EMPFIEHLT

Boris Sawinkow: Das fahle Pferd

Der Untertitel ist die Inhaltsangabe: Roman eines Terroristen. Das Buch gibt gerade mit seiner Sachlichkeit einen atemberaubenden Einblick ins Denken eines Handwerkers der umstürzlerischen Gewalt. Obwohl bereits 1913 veröffentlicht, besitzt es eine brennende Aktualität, die mit den Essays von Jörg Baberowski und Alexander Nitzberg verstärkt wird.

Galiani, Berlin 2015, 288 Seiten

 

 

Daniel Badraun: Schwarzmost

Ein lesevergnüglicher Krimi, der im Engadin beginnt, sich im Thurgau fortsetzt und dort spannend Abgründe öffnet, die zwischen den sanften Hügeln und blühenden Apfelbäumen überraschen und unseren idyllischen Vorstellungen zusetzen. Das lässt sich von einem bündnerischen Autor, der im Thurgau lebt und sich in seiner Wahlheimat politisch engagierte, durchaus auch gesellschaftskritisch interpretieren.

Emons Verlag, Köln 2016, 224 Seiten


Bora Ćosić: Die Tutoren

Eine Familienchronik. Aber die Familie spielt nicht die entscheidende Rolle. Wesentlich sind die Sprachkunst, der Sprachwitz und die Sprachakrobatik. Bora Ćosić zieht fabulierend die Register des Absurden, der Entlarvung, des Bitteren und der Heiterkeit. Er hilft dem Verständnis des für uns geheimnisvollen Balkans auf die Sprünge. Die Kenner des Serbischen loben die Übersetzung von Brigitte Döbert als grossartig.

Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2015, 787 Seiten

 

  • URS MEIER EMPFIEHLT

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel.

Mankell schaut in seinem letzten Roman auf ein zu Ende gehendes Leben. Der Ich-Erzähler, ein 70-jähriger Arzt, der sich nach einer beruflichen Katastrophe und diversen privaten Havarien auf eine Schäreninsel zurückgezogen hat, rettet sich knapp aus seinem brennenden Haus. Nach ergebnislosen Ermittlungen wird er selbst als Täter verdächtigt. Der mitlaufende Kriminalfall ist nur Metapher einer existentiellen Krise. Ein stilles spannendes Buch.

Roman, Zsolnay Verlag 2016, 477 Seiten


Robert Seethaler: Der Trafikant

Wien 1937. Der junge Franz lernt bei seinem Onkel den Beruf des Trafikanten (Kioskinhabers). Zweierlei bricht in seine Welt herein: die Liebe und die Machtübernahme der Nazis, beides mit schlimmen Folgen. Mit einem Kunden von nebenan, dem alten Professor Freud, bahnt sich ein Kontakt an. Lakonisch erzählt Seethaler von Menschen, die dem kollektiven Wahnsinn widerstehen – und dabei untergehen. Trotzdem ist die Geschichte von verhaltener Heiterkeit.

Roman, Kein & Aber 2012, 250 Seiten

  • CHRISTOPH KUHN EMPFIEHLT

Marcel Proust: Briefe 1879–1992

Ein wunderbares Weihnachtsgeschenk! Zwei schön gestaltete Bände, im Schuber verpackt, aufs sorgfältigste ediert, mit einem Verzeichnis der Adressaten und einem fast alle Fragen beantwortenden Fussnotenapparat versehen. Die Briefe, von Jürgen Ritte, Achim Russer und Bernd Schwibs stimmig übersetzt, verhelfen uns zu intensiven Kontakten mit den verschiedenen Ichs des Dichters: den zeitlebens Kranken und den Lebenshungrigen lernen wir kennen, den Schmeichler und Zuneigungsbedürftigen, den Formvollendeten, den sich verspekulierenden Börsenspieler, den Männerliebhaber und Frauenfreund und natürlich den scharf- und tiefsinnigen Schriftsteller, der mit bewundernswerter Energie noch auf dem Totenbett um die Fertigstellung seines Jahrhundertwerks ringt.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2016, 1479 Seiten

Alan Pauls: Geschichte des Geldes

Dieser thematisch originelle und stilistisch brillante Roman ist der letzte Teil einer Trilogie und handelt, im weitesten Sinne, vom Geld. Erzählt wird vom international bekannten argentinischen Autor, wie sich angehäuftes  und verprasstes Geld in den Seelen und Körpern der Protagonisten einnistet, was es an- und ausrichtet. Der Junge, aus dessen Perspektive erzählt wird, muss in jeder Beziehung bezahlen. Dass argentinische Zustände und Krisen im Sub- und Kontext berücksichtigt werden, macht den Roman noch reicher.



Aus dem Spanischen von Christian Hansen, Klett Cotta Verlag, Stuttgart 2016, 271 Seiten

Matthias Zschokke: Die Wolken waren gross und weiss und zogen da oben hin

Der Schweizer Autor lässt einen Mann mit dem sprechenden Namen Roman durch den Berliner Alltag flanieren. Er tut es mit viel Understatement, feinem Humor und charmantem Eigensinn. Zschokke beweist uns, wie sich aus einem Nichts an Handlung, aus ganz unspektakulären Umständen und Situationen ein Sprachkunstwerk, ein Stück epischer Poesie kreiern lässt, die reines Lesevergnügen bereiten.

Wallstein Verlag, Göttingen 2016, 220 Seiten

 

  • ROLAND JEANNERET EMPFIEHLT

Thomas Bornhauser: Die Schneefrau

Es muss nicht immer ein Schneemann sein. Für Krimi-Fans. Noch ahnungslos begibt sich der Gstaader Heinrich v. Siebenthal mit seinem Hund auf den winterlichen Abendspaziergang. Im parkähnlichen Garten der grossen Villa „Svoboda“ steht ein stattlicher Schneemann. Das Tauwetter hat ihm allerdings ziemlich zugesetzt: Sein Hut steht schief, die Rüeblinase liegt am Boden. Doch Hund „Mephisto“ interessiert sich mehr fürs linke Bein des Schneemanns: denn dort lugt knapp ein Fuss in einem schwarzen Frauenschuh heraus ... Handelt es sich bei der toten „Schneefrau“ um die gesuchte Valeria Morosowa? Es darf auch mal etwas Gruseliges unter dem Weihnachtsbaum liegen – Krimifreunde wird‘s freuen: Thomas Bornhauser, der ehemalige Mediensprecher der Migros Aare, schreibt jetzt Krimis. Mit präzisen Details und packenden Dialogen.
 
Weber Verlag, Thun/Gwatt 2016, 180 Seiten

Florian von Langenscheidt: Langenscheidts Handbuch zum Glück

Eine Schatztruhe voll Glück.
Sind wir nicht alle auf der Suche nach dem Glück? „Die Werbung allerdings entwertet den Glücksbegriff“, meint Autor Florian von Langenscheidt. Was kann das für ein Glück sein, wenn es durch saubere Wäsche, ein neues Auto oder eine gute Margarine auf dem Frühstückstisch innert Sekunden uns „Glück“ verspricht? Im Raum steht die selbstkritische Frage: „Wenn du das Glück wärst, würdest du bei dir vorbeischauen?“ Glück beginnt also bei uns selbst – bloss: Wie finde ich es in mir? Glück liegt im Jetzt, Glück setzt sich Ziele, Glück wechselt den Blickwinkel; dies nur einige Anregungen aus dem Buch, das der Gründer des Instituts für angewandte Glücksforschung geschrieben hat.
 
Heyne Verlag, München 2012/Taschenbuch 2014
 
Michael Hanlon: 10 Fragen, die die Wissenschaft (noch) nicht beantworten kann

Wie wirklich ist die Realität? Das Buch stellt zehn Fragen „die die Wissenschaft (noch) nicht beantworten kann“. Wie zum Beispiel: Was sollen wir mit den Dummen anfangen? Warum ist Zeit so schwer fassbar? oder: Sind wir noch derselbe Mensch wie vor einer Minute? Die Wissenschaft scheint schon fast die meisten grossen Fragen beantwortet zu haben – dies jedenfalls denken wir oft aus Überheblichkeit heraus. Der bescheidenere Denker weiss jedoch: Hundert gelöste Antworten ergeben tausend neue Fragen ... Ein bewegendes Buch als Lektüre für stillere Festtage geradezu gemacht.
 
Spektrum, Akademischer Verlag, 2008

  • REINHARD MEIER EMPFIEHLT

John Williams: Augustus

Der Amerikaner John Williams, 1994 in Arkansas gestorben, lässt für den Leser ein packendes, facettenreiches Bild von Octavius, dem Adoptivsohn Julius Cäsars entstehen, der als Kaiser Augustes in die Geschichte eingegangen ist. Dieses Bild fügt sich aus (fiktiven) Briefen und Aufzeichnungen historischer Persönlichkeiten zusammen. Die Lektüre lässt das alte Rom lebendig werden und regt zum Nachdenken an über das Wesen der Macht.

John Williams: Augustus. Roman. dtv, München 2016, 480 Seiten


Die Maiski-Tagebücher. Ein Diplomat im Kampf gegen Hitler 1932-1943

Iwan Maiski, ein gebildeter sowjetischer Diplomat, war von 1932 bis 1943 Botschafter Moskaus in London. Er genoss dort den Umgang mit wichtigen Leuten und führte ein persönliches Tagebuch. Dieses ist vom israelischen Historiker Gorodetsky in den 1990er Jahren im russischen Aussenministerium entdeckt worden und wird nun in Auszügen publiziert. Ein anregender Fund für Leser, die an sowjetischer Geschichte interessiert sind – wenn auch ohne  grundlegend neue historische Fakten.


C.H. Beck, München 2016, 896 Seiten

Lew Tolstoi: Auferstehung

„Auferstehung“ ist Tolstois letzter grosser Roman. Er erzählt die Geschichte des jungen Fürsten Nechljudow, dem als Geschworener beim Prozess gegen eine  Magd, die er einst verführt und geschwängert hatte, bewusst wird, was für ein nichtswürdiges Leben er bisher geführt hat. Er folgt der Verurteilten in die Verbannung nach Sibirien. Tolstoi übt dabei scharfe Kritik am orthodoxen Klerus und an den ungerechten sozialen Zuständen im Zarenreich.

Aus dem Russischen übersetzt und kommentiert von Barbara Conrad. Hanser, München 2016, 720 Seiten

  • GISELA BLAU EMPFIEHLT

Saul Friedländer: Wohin die Erinnerung führt. Mein Leben

Saul Friedländer ist einer der wichtigsten (Zeit-)Historiker unserer Epoche. Sein Leben wurde, seit er ein Kind war, durch den Holocaust geprägt, persönlich, und später als Grundlage seines historischen Lebenswerks, das zur Standardliteratur zählt. 2013, nach seinem 81. Geburtstag, begann er, seine gesamten Erinnerungen aufzuschreiben, die bis 2015 reichen und den grössten Teil des 20. Jahrhunderts umfassen. In seiner wunderbaren, freundlichen Erziählweise berichtet Friedländer, was dieses Jahrhundert ihm angetan hat, ohne ihn zu zerstören, im Gegenteil. Eine Rolle spielt auch die Schweiz.

C.H. Beck Verlag, München 2016, 329 Seiten

Eric H. Cline: Warum die Arche nie gefunden wird
Biblische Geschichten archäologisch entschlüsselt

Es macht Spass, mit einem Buch in der Hand Orte aufzusuchen, die darin vorkommen. Bei der Mythologie beginnt es zu hapern. Wurde das Hoersche Troja wirklich entdeckt oder war dies nur die fixe Idee eines reichen Amateurs? Doch mit dem Buch der Bücher, der Bibel, wird es endgültig schwierig. Hier vermischen sich echte Informationen, Mythen und Theologie. Gralshüter sind die Archäologen, die tatsächlich schon vieles ausgruben, das seinen Platz in der Bibel hat. Hier erklärt ein preisgekrönter Archäologe, was möglich ist und was nicht. Seine Behauptug, auf dem Berg Ararat werde nie ein Überrest der Arche Noah zu finden sein, tönt überaus plausibel. Eine vergnügliche Schnitzeljagd.

Theiss Verlag – WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Stuttgart 2016. Aus dem Englischen von Michael Sailer, 308 Seiten

Daniela Kuhn: Charles Weissmann. Ein Leben für die Wissenschaft

Blickt ein Wissenschaftler auf Leben und Werk zurück, kann es staubtrocken werden. Doch die Biografie von Charles Weissmann ist abwechslungsreich und vor allem sehr persönlich. Daniela Kuhn, freie Journalistin, interviewte Weissmann ausführlich und liess viel vom Ambiente dieser Gespräche einflissen. Weissmann ist ein Pionier der Molekularbiologie. Berühmt wurde er durch die Klonung von Interferon. Zu lesen gibt es Interessantes über seine Leidenschaft für die Forschung und auch für Menschen.

NZZ Libro Buchverlag der Neuen Zürcher Zeitung 2016, 148 Seiten

  • HEINER HUG EMPFIEHLT

Oliver Nachtwey: Die Abstiegsgesellschaft

Die Welt ist kompliziert geworden, unübersichtlich, viele haben die Orientierung verloren. Viele befallen Abstiegsängste und fürchten, zu „Modernisierungsverlierern“ zu werden. Das ist ein Nährboden für abstruseste Interpretationen. Der Frankfurter Ökonom Nachtwey seziert das rechtsnationale Gedankengut, porträtiert die Orientierungslosen und erklärt, weshalb autoritäre Bewegungen Zulauf haben. Es ist die Zeit, in der die Einzelnen mehr Eigenverantwortung übernehmen müssen und in der das Sicherheitskorsett des Staates löcherig geworden ist. Die einfachen Leute kriegen immer weniger ab vom Kuchen. Uni-Abschlüsse bedeuten längst keine Sicherheit mehr. In einer Welt, die weniger Sicherheit bietet als früher, zum Beispiel wegen befristeter Verträge, fühlen sich viele verloren und laufen zu Bewegungen wie der AfD über. Der 41-jährige Nachtwey schliesst nicht aus, dass es auch in Deutschland zu sozialen Unruhen kommen könnte.

Edition Suhrkamp, Berlin 2016, 268 Seiten

Jack London: Martin Eden

Vor 100 Jahren, am 22. November 1916, ist Jack London im Alter von 40 Jahren gestorben. Ob er sich umgebracht hat, ist umstritten. Nur wenige Leben sind so turbulent, so prall gefüllt und voller Abenteuer wie seines. Aus Anlass des hundertsten Todestages ist eine neue Übersetzung seines Schlüsselromans „Martin Eden“ erschienen. Darin kämpft ein einfacher, eher ungebildeter Mann um die Liebe einer sehr gebildeten jungen Frau. Sie gehört zur gehobenen Gesellschaft. Durch eine autodidaktische Par-Force-Leistung versucht der junge Mann, Zugang zu dieser Gesellschaft zu finden und damit die Liebe seiner Angehimmelten zu erobern. Alles scheitert. Jahrestage, wie der 100. Todestag Jack Londons, sind auch dazu da, geniale Romane eines genialen Autors neu zu entdecken.

Neu übersetzt von Lutz-W. Wolff, dtv, August 2016, gebundene Ausgabe ca. CHF 25.—. Auch in der Kindle Edition

 

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Kommentare

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