Blick in die Zukunft

Stephan Wehowsky's picture

Blick in die Zukunft

Von Stephan Wehowsky, 29.06.2012

"Sollen wir das, was sowieso kommt, auch noch gut finden?", fragte einmal der Philosoph Robert Spaemann. Natürlich nicht. Aber was machen wir sonst?

Uns bleibt nicht viel übrig. Entweder wir merken schon gar nicht mehr, was uns zugemutet wird, oder wir blasen zur Kritik. Aber wenn wir kritisieren: Erstarren wir dann nicht in alten Vorurteilen, in alten Mustern, die zu gar nichts Neuem führen?

Was die Abkehr von alten Mustern und die Orientierung auf ein neues Denken - heute würde man von Paradigmenwechsel sprechen - bedeutet, führt die Zeitschrift GDI Impuls vier Mal im Jahr vor. Da wird unsere Gegenwart gründlich seziert. Aber das geschieht immer in praktischer Absicht. Das ist kein Räsonieren ohne Ziel.

Trendforschung

Die Zeitschrift steht im Zusammenhang mit der Arbeit des Gottlieb Duttweiler Instituts. Das wurde 1963 eröffnet. Der Name geht auf den Gründer der Migros zurück. Ursprünglich war das Institut als „Ort der Besinnung und Begegnung“ angelegt, heute ist das „GDI eine praxisorientierte und unabhängige Früherkennungsinstitution“, in der "Handel und Konsum" den inhaltlichen Schwerpunkt bilden.

In dieser Selbstbeschreibung liegt der Kern des Paradigmenwechsels. Denn die Analysen zielen darauf, Veränderungen und sich anbahnende Entwicklungen so wahrzunehmen, dass die in der Wirtschaft Handelnden sich darauf einstellen können. Dieser Paradigmenwechsel hat unter dem Begriff „Trendforschung“ auch die breite Öffentlichkeit erreicht.

Das Billige des Marketings

Die Kunst besteht nun darin, die richtige Beobachterperspektive zu wählen. Im Mainstream der Managementliteratur werden Entwicklungen allein unter ihrer Vermaktungsmöglichkeit analysiert. So ist grundsätzlich alles gut, was die Basis für Marktstrategien abgibt. Deswegen hat der Begriff des Marketings etwas Billiges: Dahin schwimmen, wohin alle schwimmen.

Den Gegensatz dazu bildet der kulturkritische Blick. Aber so scharf er analysiert, so folgenlos bleibt er. Denn erhellend ist dieser Blick nur für diejenigen, die ähnliche Standpunkte einnehmen, die also entsprechende Literatur lesen, Ausstellungen oder Filme anschauen.

"The Mensch is the Message"

Die besondere Beobachterperspektive von GDI Impuls zeigt sich schon an den Titeln der einzelnen Hefte. In dem Heft „Workstyle“ (4/2010) geht es um die Neuorientierung in einer Welt, in der die Arbeit ganz neue Bedeutungen annimmt. In scharfem Kontrast dazu trägt das erste Heft des Jahres 2011 den Titel: „Wir erklären den Krieg .... .... um Märkte, Daten, Staaten“. Das folgende Heft, „Orientierung à la carte“, handelt von der digitalen Bündelung von Daten mittels Navigationssystemen etc. Das Jahr 2011 schliesst mit „Die Zukunft des Megatrends“ ab, das Jahr 2012 beginnt mit einer Besinnung auf anthropologische Konstanten im Zeichen des Digitalen: „The Mensch is the Message“. Das aktuelle Heft trägt den Titel: „Nicht zu fassen!“ und beschäftigt sich mit den gerade akuten Krisen.

Der Kreis der Autoren erweist die breite und vor allem internationale Ausrichtung des GDI. Bekannte Namen wie Malcolm Gladwell, Nouriel Roubini oder Norbert Walter sind darunter. Im neuesten Heft interviewt der Chefredakteur Detlef Gürtler den Autor des Bestsellers „Schulden“ und Occupy-Aktivisten David Graeber. Das Interview ist auch deswegen interessant, weil es zeigt, dass Graeber trotz seiner zutreffenden Analysen keine wirklich überzeugenden Antworten auf Fragen nach den nächsten Schritten hat.

Reprimatisierung

Der Paradigmenwechsel zu einer kritischen Trend-Beobachtung lässt sich in zahlreichen Beiträgen verfolgen. Im Heft über die „Zukunft des Megatrends“ beschreibt Lionel Tiger die „Reprimatisierung“ unserer Kommunikationen dank der neuen Medien wie Twitter, Facebook oder SMS. Seine Beobachtung: Je einfacher es ist, kurze Mitteilungen auszutauschen, desto banaler wird der Inhalt. Denn es geht im Grunde nur noch um das Mitteilen, nicht mehr um den Inhalt der Mitteilung. Reprimatisierung heisst also: „Wenn Schimpansen sich mit Technologien auskennen würden, hätten auch sie so etwas wie Facebook erfunden.“

In einem Beitrag von Christian Rauch, „Wenn`s die Masse macht“, heisst es im Heft 1/2012: „Je mehr wir von dem wissen, was die anderen denken, desto dümmer wird der Schwarm.“ Und im Heft „Workstyle“ erklärt Matt Richtel in einem Interview, warum Handys, E-Mails und SMS-Nachrichten so unwiderstehlich sind. Das Gehirn sei so konstruiert, dass es auf Ablenkungen unmittelbar reagiere und das Langzeitdenken in diesem Moment abschalte.

Denn das plötzlich Auftretende kann bedrohlich sein oder umgekehrt etwas Positives bedeuten. Rauch berichtet, Untersuchungen hätten gezeigt, dass sich die Gehirne der „Digital Natives“ inzwischen so verändert haben, dass sie extrem leicht ablenkbar seien. „Jedes Mal, wenn sie ihre E-Mails checken, wenn sie das vertraute Vibrieren des Handys in ihrer Hosentasche spüren, bekommen sie eine kleine Dopamin-Injektion im Hirn. Es ist ein kleiner Adrenalinrausch.“

Das Ende der Weltwirtschaft

Es geht immer auch darum, welche Konsequenzen sich aus solchen Analysen für das Marketing ergeben. So beschäftigt Martina Kühne sich im Heft „Global Playing“ (3/2010) mit dem „Unstoring“. Sie versucht, den „Laden“ im Zeichen des Internets oder des Einkaufs per Handy neu zu denken.

Immer wieder enthält GDI Impuls Beiträge, in denen die grundlegenden Strukturen von Wirtschaft und Gesellschaft analysiert werden. Im Heft 2/2010, „Die Transparenz-Revolution“ wird ein Beitrag von Nouriel Roubini, „Einführung in die Krisenökonomie“, gebracht. Nouriel Roubini war der erste Ökonom, der im Jahre 2008 in seinen „Zwölf Schritte zur Kernschmelze des Finanzsystems“ den Zusammenbruch von ein oder zwei der fünf führenden amerikanischen Investmentbanken vorhergesagt hat.

In seinem Buch, „Das Ende der Weltwirtschaft und Ihre Zukunft“, auf den sich der Beitrag in GDI Impuls bezieht, weist Roubini nach, dass nur eine fundamentale Reform des gesamten Finanzsystems einen Ausweg aus der finalen Apokalypse weist: „Andernfalls könnten wir – wie so viele vor uns – feststellen, dass die zurückliegenden Entwicklungen erst der Auftakt waren.“

Sinnlosenquote

Als Think Tank versammelt das GDI mit seinen zahlreichen Veranstaltungen und Konferenzen weltweit führende Köpfe. Der CEO David Bosshart, der sich als Trendforscher bezeichnet, ist unverkennbar der Spiritus Rector des Ganzen. Er tritt immer wieder mit bemerkenswerten Büchern an eine breitere Öffentlichkeit, und in GDI Impuls schreibt er die grundlegenden Beiträge.

Dabei kann er durchaus witzig sein, etwa wenn er im Heft „Workstyle“ im Zuge einer Neudefinition der Arbeit und ihrer Bewertung fordert, dass neben die Arbeitslosenquote auch eine „Sinnlosenquote“ gestellt werden solle. Denn es sei an der Zeit, endlich einmal die von den Ausführenden erlebte Sinnlosigkeit vieler bezahlter Tätigkeiten zu bemessen.

Im Heft 1/2011, „Wir erklären den Krieg ....“, diagnostiziert Bosshart in seinem Eröffnungsbeitrag „die Rückkehr der Macht“. Die uns prägende Zeit friedlicher Wettbewerbe, hoher Rechtssicherheit und weitgehender Gewaltfreiheit auf den internationalen Märkten sei vorüber. Wir müssen uns nun auf eine andere Zeit einstellen, in der uns das Gefühl, dass sich die Welt in unserem Sinne zum Besseren entwickele, zunehmend abhanden kommen wird.

The Age of Less

Wir stehen am Beginn eines Rückgangs des Konsums, „The Age of Less“, wie sein neuestes Buch heisst. Im Heft 3/2011,„Sie sind durchschaut“, bezieht er sich auf sein Buch und formuliert gegenüber dem Postulat des Verzichts: „Der Verzichtsansatz bleibt im gleichen Denkmodus verhaftet wie das Wachstumsdogma – nur eben mit umgekehrten Vorzeichen.“ Demgegenüber empfiehlt Bosshart, „Wohlstand“ und „Wohlbefinden“ qualitativ anders wahrzunehmen.

Aber er sieht die Schwierigkeiten, die mit einer neuen Orientierung verbunden sind: "Das bleibt wohl, wie aller echter Luxus etwas für wenige weit fortgschrittene Zeitgenossen."

GDI Impuls ist an grösseren Kiosken erhältlich, und im Herbst gibt es diese Zeitschrift seit 30 Jahren. Sie ist übrigens nicht billig: 35 Franken kostet ein Heft im Einzelverkauf. Ein liebenswertes Utensil unterstreicht dabei die Besonderheit dieser ungewöhnlichen Zeitschrift: ein Lesebändchen wie in einem Buch.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren