Bethanien jenseits des Jordans

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Bethanien jenseits des Jordans

Von Georg Gerster, 11.03.2016

Bethanien jenseits des Jordans Beide Jordan-Anrainer haben ja eigentlich mit Jesus nicht viel am Hut. Aber weder Israel noch Jordanien will darauf verzichten, die Taufstelle Jesu touristisch zu vermarkten. Der Evangelist Johannes nennt den Ort, wo Johannes der Täufer Jesus taufte und an den sich Jesus später, als er vor seinen Feinden aus Jerusalem floh, nochmals zurückzog, „Betanien (Bethanien) auf der anderen Seite des Jordans“. Unser Bild zeigt die Furt bei Al-Maghtas in der Talaue des Jordans. Auf dem Bild ist Norden – das Tote Meer in knapp 10 Kilometer Entfernung – unten, links (östlich) des Flusses liegt Jordanien, rechts (westlich) Israel. In die Gegend von Al-Maghtas verlegte die Überlieferung seit Anfang die Taufstelle Jesu. Nur: auf welcher Seite des Jordans? In der von der Politik angeheizten Rivalität des Heiligland-Tourismus optierte Israel natürlich für die westliche Seite. Es investierte Millionen in eine Infrastruktur, die Pilgerströme anlocken und bewältigen soll. Jordanien andererseits liess sich nicht lumpen und promovierte das Ostufer zum Nationalpark. Bei dem Wettstreit hatte Jordanien von Anfang an bessere Karten, im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn. Die Mosaikkarte von Madaba aus dem 6. Jahrhundert, die älteste Landkarte Palästinas, verzeichnet an der Stelle Bethaniens zwei Quellorte – und es darf ja vorausgesetzt werden, dass Johannes nicht in dem schon damals trüben, weil sedimentverschmutzten, und in dem zu Zeiten reissenden Jordan taufte. „Jenseits des Jordans“ sprudelten Quellen am Fuss des östlichen Steilabfalls zur Talsohle. Auf dem westlichen Ufer verzeichnet die Madaba-Karte nur Betabara, „das Haus der Furt“. Jordanien kam auch die Archäologie zu Hilfe. Ausgrabungen seit 1996 legten einen ausgedehnten Wallfahrtskomplex frei. Die Fundamente von Kirchen, Kapellen, Klöstern, Zisternen und Taufbecken sowie Einrichtungen für Pilger verdeutlichen die Anziehungskraft Bethaniens seit römischer und byzantinischer Zeit. In die Verehrung einbezogen war der Hügel, vom dem ein Wirbelwind den Propheten Elia – 2. Könige 2 – in den Himmel entrückt hatte. Ein Aqädukt leitete Wasser aus einem nahen Wadi nach Bethanien. Als im Laufe der Jahrhunderte das Wassserangebot am östlichen Ufer knapp wurde, wichen Bethaniens Baumeister mit Bauten auch nach Betabara auf dem Westufer aus. Aber im Juli 2015 zertifizierte die Unesco endgültig das jordanische Bethanien als die Taufstelle Jesu. Der jordanische Antrag, der die für eine Welterbestätte geforderte Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität als erfüllt sah, überzeugte das Welterbekomitee. Es würdigte Bethanien als Weltkulturerbe. Am andern Jordanufer wurde die Ernennung mit säuerlicher Mine akzeptiert. Nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 war die Furt jahrzehntelang von beiden Seiten unzugänglich, sie lag in militärischem Sperrgebiet. Später entriegelten sowohl Israel wie Jordanien den Zugang immer wieder, aber nur zeitweilig. Sie erlaubten wenigstens Gruppen auf Ersuchen den Zutritt. Seit einigen Jahren ist die Furt von beiden Seiten jederzeit frei zugänglich. Die Auszeichnung als Welterbe wird diese Offenheit noch sichern, Welterbestätten müssen frei zugänglich sein. Freilich, die Pilgerfahrt endet auf beiden Seiten am Jordan, die Furt kann nicht durchschritten werden. Das wäre heute an und für sich ein Kinderspiel. Der Jordan präsentiert sich jetzt nach den Wasserentnahmen im Norden und bei der periodischen Dürre als ein eher trauriges Rinnsal. Zu Johannes des Täufers Zeiten führte er dagegen grosse Mengen Wassers, jahreszeitlich konnte er zu einem reissenden, lebensbedrohenden Ungeheuer anschwellen. Pilger meisterten die Furt nur mit Mühe und Aufwand. Und so sollte es ja auch sein: Die Täuflinge liessen mit Betabara die alte Welt zurück, um nach existenzieller Herausforderung in Bethanien durch die Taufe des Johannes neue Menschen zu werden. – Jahr des Flugbilds: 2004 (Copyright Georg Gerster/Keystone)
Beide Jordan-Anrainer haben ja eigentlich mit Jesus nicht viel am Hut. Aber weder Israel noch Jordanien will darauf verzichten, die Taufstelle Jesu touristisch zu vermarkten.

Der Evangelist Johannes  nennt den Ort, wo Johannes der Täufer Jesus taufte und an den sich Jesus später, als er vor seinen Feinden aus Jerusalem floh, nochmals zurückzog, „Betanien (Bethanien) auf der anderen Seite des Jordans“.

Unser Bild zeigt die Furt bei Al-Maghtas in der Talaue des Jordans. Auf dem Bild ist Norden – das Tote Meer in knapp 10 Kilometer Entfernung – unten, links (östlich) des Flusses liegt Jordanien, rechts (westlich) Israel. In die Gegend von Al-Maghtas verlegte die Überlieferung seit Anfang die Taufstelle Jesu. Nur: auf welcher Seite des Jordans? In der von der Politik angeheizten Rivalität des Heiligland-Tourismus optierte Israel natürlich für die westliche Seite. Es investierte Millionen in eine Infrastruktur, die Pilgerströme anlocken und bewältigen soll. Jordanien andererseits liess sich nicht lumpen und promovierte das Ostufer zum Nationalpark.

Bei dem Wettstreit hatte Jordanien von Anfang an bessere Karten, im übertragenen wie im buchstäblichen Sinn. Die Mosaikkarte von Madaba aus dem 6. Jahrhundert, die älteste Landkarte Palästinas, verzeichnet an der Stelle Bethaniens zwei Quellorte – und es darf ja vorausgesetzt werden, dass Johannes nicht in dem schon damals trüben, weil  sedimentverschmutzten, und in dem zu Zeiten reissenden Jordan taufte. „Jenseits des Jordans“ sprudelten Quellen am Fuss des östlichen Steilabfalls zur Talsohle. Auf dem westlichen Ufer verzeichnet die Madaba-Karte nur Betabara, „das Haus der Furt“. Jordanien kam auch die Archäologie zu Hilfe. Ausgrabungen seit 1996 legten einen ausgedehnten Wallfahrtskomplex frei. Die Fundamente von Kirchen, Kapellen, Klöstern, Zisternen und Taufbecken sowie Einrichtungen für Pilger verdeutlichen die Anziehungskraft Bethaniens seit römischer und byzantinischer Zeit. In die Verehrung einbezogen war der Hügel, vom dem ein Wirbelwind den Propheten Elia – 2. Könige 2 – in den Himmel entrückt hatte. Ein Aqädukt leitete Wasser aus einem nahen Wadi nach Bethanien. Als im Laufe der Jahrhunderte das Wassserangebot am östlichen Ufer knapp wurde, wichen Bethaniens Baumeister mit Bauten auch nach Betabara auf dem Westufer aus. Aber im Juli 2015 zertifizierte die Unesco endgültig das jordanische Bethanien als die Taufstelle Jesu. Der jordanische Antrag, der die für eine Welterbestätte geforderte Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität als erfüllt sah, überzeugte das Welterbekomitee. Es würdigte Bethanien als Weltkulturerbe. Am andern Jordanufer wurde die Ernennung mit säuerlicher Mine akzeptiert.

Nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 war die Furt jahrzehntelang von beiden Seiten unzugänglich, sie lag in militärischem Sperrgebiet. Später entriegelten sowohl Israel wie Jordanien den Zugang immer wieder, aber nur zeitweilig. Sie erlaubten wenigstens Gruppen auf Ersuchen den Zutritt. Seit einigen Jahren ist die Furt von beiden Seiten jederzeit frei zugänglich. Die Auszeichnung als Welterbe wird diese Offenheit noch sichern, Welterbestätten müssen frei zugänglich sein. Freilich, die Pilgerfahrt endet auf beiden Seiten am Jordan, die Furt kann nicht durchschritten werden. Das wäre heute an und für sich ein Kinderspiel. Der Jordan präsentiert sich jetzt nach den Wasserentnahmen im Norden und bei der periodischen Dürre als ein eher trauriges Rinnsal. Zu Johannes des Täufers Zeiten führte er dagegen grosse Mengen Wassers, jahreszeitlich konnte er zu einem reissenden, lebensbedrohenden  Ungeheuer anschwellen. Pilger meisterten die Furt nur mit Mühe und Aufwand. Und so sollte es ja auch sein: Die Täuflinge liessen mit Betabara die alte Welt zurück, um nach existenzieller Herausforderung in Bethanien durch die Taufe des Johannes neue Menschen zu werden. –  Jahr des Flugbilds: 2004 (Copyright Georg Gerster/Keystone)

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Kommentare

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Sehr geehrter Herr Gerster
Als Liebhaber Ihres fotografischen Werkes - zwei dicke Bildbände stehen auch in unserem Büchergestell - bin ich irritiert über diesen Bericht zu Bethanien jenseits des Jordan.
Ihre Luftbilder sind nicht nur ein ästhetischer Genuss, sie haben auch gerade in diesem Fall eine geschichtliche und damit auch eine politische Komponente.

In der Bildunterschrift lese ich:
"Aber weder Israel noch Jordanien will darauf verzichten, die Taufstelle Jesu touristisch zu vermarkten.“ und dann im Text
"In der von der Politik angeheizten Rivalität des Heiligland-Tourismus optierte Israel natürlich für die westliche Seite. Es investierte Millionen in eine Infrastruktur, die Pilgerströme anlocken und bewältigen soll.“

Wo genau sich diese heilige Stätte befindet beschreiben Sie nicht. Die Situation im Jordantal ist mir gut vertraut, auch wenn ich noch nie die Taufstelle Jesu aufgesucht sondern zu Besuch bei der einheimischen, palästinensischen Bevölkerung im Jordantal war.

Was soll ich daraus schliessen, dass Sie dem Leser keinen Hinweis darauf geben, dass wir uns hier in der Nähe von Jericho und damit etwa in der Mitte der am Jordan liegenden, seit 1967 von Israel besetzten Westbank und deshalb NICHT in Israel befinden? Dass Sie das sehr wohl wissen, darf ich wohl annehmen. Auch, dass die israelische Besatzung von den meisten Ländern dieser Welt und nicht zuletzt auch von der offiziellen Schweiz klar verurteilt wird, kann Ihnen nicht entgangen sein.

Ich danke Ihnen deshalb für eine Klärung - die Kommentarfunktion steht auch Ihnen zur Verfügung.

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