Berlin – Hauptstadt der Obdachlosigkeit

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Berlin – Hauptstadt der Obdachlosigkeit

Von Heinz Moser, 30.09.2013

In Berlin bietet das Projektteam «querstadtein» eine Führung in die Obdachlosigkeit der deutschen Hauptstadt an. Doch wie kann man das Elend der Ärmsten in der Gesellschaft zeigen?

Nein, es ist kein Spektakel, das die zwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Nollendorfplatz erwartet. Obdachlosigkeit wird nicht dramatisch für die Touristen inszeniert. Vielmehr soll das Projekt ein Beitrag sein, um «Berlin mit anderen Augen zu sehen». «Querstadtein» berichtet vom anderen Leben auf der Strasse und zeigt Orte und Anlaufstellen mit Geschichten von Berliner Strassen, Parks und Plätzen. Durch Berlin führt die Touristengruppe Carsten Voss, der selbst obdachlos war und mit seinen Erklärungen das Leben in der Obdachlosigkeit plastisch macht.

Der Schöneberger Kiez

«Parallelwelten» ist ein Stichwort, das immer wieder fällt. In Berlin findet man auf engstem Raum die livrierten Angestellten des Waldorf Astoria und zwei Strassen weiter den Strassenstrich am Bahnhof Zoo. Schöneberg, der Schwerpunkt dieser Stadtführung, hat die grösste Obdachlosenszene in Berlin – gleich neben dem Luxus des Kaufhauses KaDeWe. Der Schöneberger Kiez, wie die Berliner ihre Stadtviertel nennen, ist bunt und liberal, eine Ausgangsmeile mit vielen Passanten und hellen Strassen auch in der Nacht – was auch das Leben auf der Strasse sicherer macht.

Doch die Obdachlosen fallen im Strassenbild nicht besonders auf – das Klischee von abgerissenen Menschen, die Ihre ganze Habe im Einkaufswägeli mitführen, ist für Carsten Voss eine Zerrbild. «80 Prozent aller Obdachlosen sind unauffällig, und man erkennt sie auf der der Strasse kaum», meint er dazu. Wer den ganzen Tag im öffentlichen Raum lebt, will nicht auffallen – wenn man auf Parkbänken sitzt, eine Bibliothek oder einfach einen Ort aufsucht, wo es im Winter warm ist. «Es ist ein grosser Stress», meint Voss, «keine Privatsphäre mehr zu haben».

Hauptstadt der Obdachlosen

In Deutschland rechnet man, so Voss, mit ca. 24’000 Obdachlosen, die ausschliesslich auf der Strasse leben, davon über 4’000 in Berlin. Das gute soziale Netz, das in Berlin vorhanden ist, zieht die Menschen in die Hauptstadt der Republik. Doch wer sind diese Obdachlosen? Auch unter ihnen gibt es Parallelwelten, die sich gegenseitig kaum zur Kenntnis nehmen. Neben deutschen Obdachlosen kennt man die Migranten-Obdachlosigkeit – Menschen, die sich in Deutschland einen gut bezahlten Job versprachen und dann in allen Hoffnungen enttäuscht wurden. Und es gibt junge Menschen, oft punkige «Nestflüchter», die von zu Hause auszogen, um die Freiheit zu suchen. Viele von ihnen glauben, die Lebensform gefunden zu haben, die ihnen entspricht. Doch so unterschiedlich diese Gruppen sind, alle brauchen zum Überleben genügend zu essen und im Winter Orte, wo sie in der Kälte nicht erfrieren.

Unbürokratische Hilfe

Berlin hat keinen Pfarrer Sieber, der wortgewaltig für die Obdachlosen einsteht und Institutionen wie «Brothuuse» oder den «Pfuusbus» geschaffen hat. In Berlin heisst das Netz von Tagesstätten administrativ-nüchtern Wohnunglosentagesstätten oder kurz: WoTas. Die Gäste erhalten hier ein warmes Essen, sie können Kleider waschen und duschen. Und vor allem erhalten sie auch unbürokratisch Hilfe für den Umgang mit Behörden und Ämtern. «Fast genauso wichtig ist aber auch die Bahnhofsmission», erklärt Voss an der nächsten Station des Rundgangs am Bahnhof Zoo. Hier erhalten 600 Menschen ohne lange Erklärungen etwas zu essen.

Für Carsten Voss gehörte die WoTa zum Schritt zurück in ein normales Leben. Er begann spontan kleine Aufgaben zu übernehmen – in der Küche, oder wo gerade angepackt werden musste. Heute arbeitet er selbst ehrenamtlich in einer WoTa mit und ist vom Mode-Manager zum beredten Stadtführer geworden.

Ratzfatz in die Obdachlosigkeit

Voss erzählt auf dem Rundgang auch von seinem eigenen Schicksal und wie schnell es gehen kann, ganz unten zu landen. Er zeigt auf ein bürgerliches Mietshaus, in welchem er früher einmal gewohnt hatte, berichtet von Stress und einem anschliessenden Burn-Out. Die Arbeitslosigkeit führte zum Verlust seiner Wohnung. Helfen lassen wollte er sich lange nicht. «Das kann ratzfatz gehen, bis du auf der Strasse landest», so sein Fazit der eigenen Geschichte.

Zum Schluss weist Voss darauf hin, was man tun kann, um die Obdachlosen zu unterstützen. Er berichtet von bessergestellten Damen, die in kalten Nächten eine Türe aufschliessen, um Obdachlosen einen warmen Schlafplatz zur Verfügung zu stellen oder eine warme Suppe bringen. Spontane Nachbarschaftshilfe sei wichtig, und Schöneberg sei da ein gutes Beispiel, meint Carsten Voss.

Nach einem kurzen Tschüs kommt auf dem Heimweg die Frage auf, was von diesem Rundgang übrig bleibt. Etwas viele Zahlen und Daten schwirren dabei im Kopf herum – und der eloquente Vortrag eines ehemaligen Obdachlosen, der nicht zum Durchschnitt seiner Gruppe gehört. Und trotzdem versteht man danach von dem Leben in der Obdachlosigkeit mehr. Eine solche Stadtführung wäre doch auch was für Zürich oder andere Schweizer Städte, um einmal einen Blick hinter die Fassade des Reichtums an der Bahnhofstrasse zu werfen.

 

Kommentare

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Ja, Berlin verdient den "Obdachlosigkeitspreis" (neudeutsch: Homeless Award)
zugesprochen. Andere Hauptstädte, Bombay (pardon: Mumbai), Nairobi, Johannesburg, Rom, Paris, Calcutta, et alii laufen eindeutig in zweiter Liga. Sie haben zwar mehr Obdachlose, aber diese werden von weniger Steuerzahlern unterstützt. Wie belastbar ist der deutsche Mittelstand?

nicht!
Wenn jetzt "weniger" Steuerzahler für "mehr Obdachlose" aufkommen müssen ("andere Hauptstätte"), dann würde "der deutsche Mittelstand" doch auch mehr belastet werden.
Ich wusste auch nicht, dass nur der Mittelstand in Deutschland die Obdachlosen unterstützt. Oder reicht hier der Mittelstand genau bis zu der steuerbefreiten Unterschicht und den Obdachlosen?

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