Bedeutendste britische Reformerin im 20. Jahrhundert

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Bedeutendste britische Reformerin im 20. Jahrhundert

Von Roger Bernheim, 09.04.2013

Roger Bernheim war lange Jahre NZZ-Korrespondent in London. Er hat die Thatcher-Ära hautnah erlebt und beobachtet. Hier seine Würdigung einer eindrucksvollen Persönlichkeit und ihrer imposanten Leistungen mit zum Teil ambivalenten Folgen.

Margaret Thatcher, die am Montag in London im Alter von 87 Jahren starb, war von 1979 bis 1990 britische Premierministerin, länger als irgendein anderer britischer Regierungschef im 20. Jahrhundert. Sie war die erste und bisher einzige Frau in diesem Amt in Westminster. Sie gewann nacheinander drei Parlamentswahlen, besiegte in jahrelangem erbittertem Kampf die Gewerkschaftsbarone, die sich politische Macht angemaßt hatten und durch Streiks die britische Wirtschaft praktisch lahmlegten.

Revitalisierung des kranken Mannes von Europa

Ihren ersten Wahlsieg errang sie im Mai 1979 als die streikenden Müllabfuhrleute die auf den Strassen und Plätzen Londons haushoch auftürmende und weitherum stinkende Müllberge liegen liessen und auf den Friedhöfen die streikenden Totengräber sich weigerten, die Toten zu begraben. Grossbritannien, damals auf einem wirtschaftlichen Sturzflug, galt als der kranke Mann Europas.

Tochter eines Kolonialwarenhändlers und methodistischen Laienpriesters in einer nordenglischen Provinzstadt, wuchs sie in einem religiösen und vom Dienst an der Gemeinschaft geprägten Elternhaus auf. Ihr vom Vater ererbtes Wirtschafts- und Lebensprinzip gipfelte in dem einfachen Credo: „Niemand hat ein Anrecht auf ein Gratisessen.“ Sie selber war erfüllt von einer wahren Arbeitsmanie, gönnte sich kaum Freizeit oder Ferien und pro Nacht maximal 4 Stunden Schlaf.

Eigensinnig, willensstark, rechthaberisch und ein Familienmensch

Sie war eine komplexe Person: eigensinnig, willensstark, rechthaberisch, engstirnig, herrisch und rücksichtslos bei der Verfolgung ihrer Ziele; gleichzeitig spiessbürgerlich und in rührender Weise um das Wohl ihrer Familie und ihrer Mitarbeiter besorgt. Selbst als Regierungschefin erledigte sie häufig selber die Einkäufe im Supermarkt, kochte auch selber für ihre Familie die Mahlzeiten, die in der Zubereitung ganz und gar englisch waren, ohne Feinschmeckereien und frei von jeglichen exotischen Ideen.

Und als ihr Sohn während einer Auto-Ralley, an der er teilnahm, in der arabischen Wüste verschwand, gelang es ihr, die algerische Regierung zu veranlassen, ihn durch algerische Armeepatrouillen suchen zu lassen. Man fand ihn in einer kleinen Oase, unversehrt und im fröhlichen Genuss der Zweisamkeit mit einer Gefährtin.

„What a man! What a husband! What a friend!“

Margret Thatcher heiratete einen liebenswürdigen, leicht kauzigen, um zehn Jahre älteren geschiedenen Geschäftsmann, der es im Ölgeschäft zu einem Vermögen gebracht hatte und der es ihr ermöglichte, frei von Erwerbssorgen den für eine Frau in Grossbritannien damals (und immer noch) extrem hindernisreichen Aufstieg in der Politik zu erkämpfen. In ihren Memoiren widmete sie ihrem Gatten das schöne Epitaph: „What a man! What a husband! What a friend!“

Ihre Politik war während ihrer Amtszeit umstritten und ist es immer noch. Sie hat – wie die meisten Menschen – Richtiges und Falsches getan. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass sie die bedeutendste britische Regierungschefin in Friedenszeiten des 20. Jahrhunderts war. Sie veränderte die Wirtschaftsstruktur des Landes: vom Staat weg zum freien Markt hin. Unbekümmert über die enorme Arbeitslosigkeit, die sie mit ihrer Wirtschaftspolitik verursachte, ließ sie Tausende von maroden Unternehmen, die nur noch mittels Subventionen und Kartellvereinbarungen überlebten, Bankrott gehen.

Fachleute statt Pfründen-Profiteure

Sie bändigte die Gewerkschaften, deren Führer sich in den sechziger und siebziger Jahren politische Macht angemaßt hatten und unzählige politisch motivierte Streiks organisierten, die mitunter fast die ganze britische Wirtschaft lähmten.

Gleichzeitig sorgte sie dafür, dass sowohl in der Staats- wie in der Privatwirtschaft fähige Fachleute an die Spitzenposten gelangten, anstelle der ausgedienten Generäle, denen man solche Posten als Sinekuren zu geben pflegte, obwohl ihnen die Ausbildung und die Fähigkeit dafür fehlten.

Veränderung der britischen Arbeitsmentalität

Tatsächlich ist gerade dies eine ihrer wichtigsten und oft übersehenen Leistungen: die Arbeitsmentalität unter den Briten geändert zu haben. Im viktorianischen Zeitalter, also in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, war in Großbritannien eine industrie- und unternehmensfeindliche Haltung entstanden. Das frühere puritanische Arbeitsethos, das die industrielle Revolution hervorgebracht hatte, wich einem Streben nach Muße in ländlichem Idyll. Dem machte sie ein Ende.

Aufgewachsenen in einem streng methodistischen Elternhaus – ihr Vater war Laienpriester gewesen –, predigte sie den Briten, was ihr Vater ihr eingehämmert hatte, nämlich dass Arbeit des Menschen erste Pflicht sei. Sie verachtete Leute, die sich mit einer mittelmäßigen Leistung zufrieden gaben. Sie forderte Spitzenleistungen, pries den Fleißigen, den Unternehmungswilligen, den Aufsteiger. Sie verhieß dem Tüchtigen freie Bahn und verschrie die staatliche Sozialversicherung als eine Verlockung zum Faulenzertum.

Verkürzte Lunches im Herrn-Club

Die Briten beherzigten ihre Lehre. Es schickte sich wieder, zu arbeiten, einen Job zu haben, und zwar auch in der obersten Gesellschaftsschicht. Ich war als Korrespondent der NZZ Mitglied des altehrwürdigen Reformclubs, eines exklusiven, damals nur Männern zugänglichen Clubs aus dem 19. Jahrhundert, in welchem Jules Vernes Roman „Reise um die Erde in 80 Tagen“ beginnt. Vor der Ära Thatcher zogen sich da die Mittagessen der Bankiers, Direktoren und Politiker über drei Stunden hin und wurden ausgiebig mit Wein begossen. Nach drei Jahren Thatcher dauerten die Lunches – sofern die Mitglieder sich nicht mit einem Sandwich in ihrem Büro begnügten – höchstens noch anderthalb Stunden und wurden mit Mineralwasser eingenommen.

Linker Labourflügel kaltgestellt

Thatcher veränderte auch eigenhändig und zunächst mit geringer Unterstützung ihrer eigenen Partei von Grund auf die politische Landschaft sowie die soziale und wirtschaftliche Struktur des Landes. In ihrer eigenen Partei verdrängte sie den bisher führenden alten Besitzadel zugunsten aufstrebender junger Fachleute; gleichzeitig trug sie dazu bei, dass in der Labourpartei die damals dort tonangebenden Linksextremisten kalt gestellt werden konnten.

Und sie veränderte die soziale Struktur des Landes, nahm den Faulenzern und unfähigen Industriemanagern die Hoffnung auf Staatshilfen und öffnete fähigen, mitunter rücksichtslosen Aufsteigern freie Bahn.

Förderung von Wohneigentum und Aktien-Besitzern

Nachhaltig war ihr Entscheid, den Mietern einer Sozialwohnung zu ermöglichen, ihre Mietwohnung zu einem stark subventionierten Preis zu erwerben. Nicht nur entstand dadurch eine neue, große Gesellschaftsgruppe von Wohneigentümern, die betroffenen, durch Vernachlässigung heruntergekommenen Armenviertel wurden nun von ihren neuen Besitzern saniert und verschönert.

Ebenso nachhaltig – und zwar in mancherlei Hinsicht – war die Privatisierung staatlicher Industrien und Dienstleistungsbetriebe. Die Regierung warf die Aktien unter dem eigentlichen Wert der Betriebe auf den Markt, jedermann kaufte sich ein Bündel davon und verkaufte es am nächsten Tag mit Gewinn, wodurch vielen Leuten, die bisher nie daran gedacht oder vermocht hätten, Aktien zu kaufen, den Blick dafür geöffnet wurde, dass sich an der Börse Geld machen lasse. Die Zahl der Kleinaktionäre wuchs in kürzester Zeit um Millionen.

Fragwürdiger Big Bang an der Londoner Börse

Am nachhaltigsten, und möglicherweise nicht zum besten Ergebnis, wirkte sich die am 27. November 1986 von einem Tag auf den anderen durchgesetzte völlige Deregulierung der Börse in der Londoner City, in der Folge von den Börsianern als „Big Bang“ bezeichnet. Augenblicklich siedelten sich amerikanische, japanische und andere bedeutende internationale Finanzhäuser dort an. Der plötzlich einsetzende Geldstrom aus neuen Quellen kombiniert mit der völligen Freiheit des Agierens verursachte einen wahren Geldrausch.

Es ging den in die City strömenden, mehr mit Geschäftsflair als mit Fachkenntnissen ausgerüsteten jungen Maklern nicht mehr darum, ein Einkommen zu verdienen, sondern darum, nach dem Wort eines damaligen Kabarettisten „Loads of Money!“ einzubringen, genügend an einem Tag, um einen Zentner-Kartoffelsack damit zu füllen. Millionäre schossen wie Pilze aus dem Boden. Wer es innerhalb von ein bis zwei Jahren nicht zum Millionär gebracht hatte, galt als untauglich. Tonangebend waren nicht mehr die muffigen Herrenclubs von Mayfair, sondern die Wein- und Likörbars in der City und entlang des Themseufers. Arbeiter- und Bauernsöhne, die ihr Glück in der City suchten und machten und kaum gewusst hatten, dass man Austern essen kann, schlürften nun solche dutzendweise, bewässert mit Veuve Cliquot der teuersten Klasse.

Ende des Geldrausches

Das Ende dieses Geldrauschs – in dem bald einmal nur noch der Milliardär etwas galt und der Millionär mitleidig als Anfänger betrachtet wurde – ist bekannt. Viele Leute, auch in der Konservativen Partei, sind der Meinung, der Bankenkrach von 2008 sei eine direkte Folge der wohl notwendigen, aber in der Durchführung nicht richtig überlegten Deregulierung der City. Als uneingeweihter Laie in Wirtschaftdingen kann ich dies nicht beurteilen. Sicher ist, dass sich damals, im Zusammenhang erstens mit dem Verkauf von Sozialwohnungen, zweitens dem geöffneten Zugang zur Börse für Kleinanleger sowie drittens der Deregulierung der Börse vor allem unter der jungen Generation von 20- bis 30-Jährigen eine grenzenlose Habgier ausbreitete, die noch heute nachwirkt, und zwar nur gering verkleinert.

Gute Chemie mit Gorbatschow – Ambivalenz zur EU

Lady Thatcher gewann einen Krieg und griff mehrmals in die Weltpolitik ein, wobei ihr diesbezüglicher Einfluss heute meistens unterschätzt wird. Nach ihrem ersten Treffen mit Michail Gorbatschow, der damals noch nicht Kremlchef war, sprach sie an einer gemeinsamen Pressekonferenz die wegweisenden, das künftige west-östliche Klima prägenden Worte: „I can do business with him“ (mit ihm kann ich ins Geschäft kommen, verhandeln.) Sie vermochte daraufhin in Washington – wenn nicht voll und ganz ihren Freund und engen geistesverwandten Präsident Reagan, so doch verschiedene seiner Mitarbeiter von diesem Klimawechsel zu überzeugen.

Den Respekt, den Gorbatschow ihr entgegenbrachte, zeigte sich unter anderem daran, dass er auf dem Flug nach Washington zu seinem ersten Treffen mit Reagan einen kurzen Zwischenhalt in London einschaltet, um Frau Thatcher zu konsultieren.

Ihr ambivalentes Verhältnis zur EU verursachte manchen Streit und viel böses Blut unter ihren Kollegen in der EU. Sie war sich völlig im Klaren darüber, dass Großbritannien ohne Rückhalt der EU eine völlig belanglose, dem europäischen Kontinent vorgelagerte Insel wäre, demzufolge die Mitgliedschaft in der EU unerlässlich war; aber sie widersetzte sich vehement allen stärkeren Integrationstendenzen, namentlich der Bildung einer föderativen Struktur sowie zusätzlichen Finanzabgaben. Ihre knappe, berühmt gewordene Antwort an Brüssels diesbezüglichen Vorstösse bestand aus einem dreifachen Nein („No! No! No!“)

Die Lippen der Monroe und die Augen Caligulas

Ihre Unionskollegen traten mit gemischten Gefühlen in Verhandlungen mit ihr ein. Der ehemalige Bundeskanzler Schmidt beklagte sich, dass sie ungeniert ihren weiblichen Charme spielen lasse und es dadurch einem Mann verunmögliche, mit der gleichen Härte und Unnachgiebigkeit gegen sie zu verhandeln wie sie dem Verhandlungspartner gegenüber. Der französische Präsident Mitterand seinerseits sagte von ihr, sie habe die Lippen Marylin Monroes und die Augen Caligulas.

Oftmals reagierte sie rein instinktiv. Ihre Reaktion auf die Besetzung der Falkland Inseln durch Argentinien am 2. Mai 1982 war charakteristisch: Ohne lange zu überlegen oder ihre Berater zu konsultieren, gleichsam aus dem Bauch heraus, entschied sie, dass man sich dergleichen nicht könne bieten lassen. Auf ihren Befehl wurden umgehend und innert weniger Tage 2 Flugzeugträger, 11 Zerstörer und Fregatten, 3 U-Boote, 1 Kreuzer, 2 Landeschiffe und mehrere Einheiten zur logistischen Unterstützung bereitgestellt und um die halbe Welt herum in den Krieg geschickt – insgesamt eine Armada von über 100 Schiffen mit Flugzeugen und 25‘000 Mann Elitetruppen an Bord.

Tollkühner Falklandkrieg

Es war eine Glanzleistung sondergleichen. Allerdings erschien die Sache im ersten Augenblick wahnwitzig oder surrealistisch. Geradezu hörbar war das Kopfschütteln in den westlichen Hauptstädten über dieses tollkühne Unterfangen, dessen Sinn das Ausland nicht unmittelbar einsah und dessen Erfolgsaussichten man dort gering einschätzte. Insbesondere der amerikanische Präsident Reagan, den Frau Thatcher zu ihren treuesten Freunden gezählt hatte, nahm zu ihrem Ärger zunächst eine neutrale Haltung ein, schlecht beraten von seiner damaligen Uno-Botschafterin Kirkpatrick.

Diese hielt es für wichtiger, in Lateinamerika eine Militärdiktatur als Bollwerk gegen vermeintliche kommunistische Vorstöße zu stützen, anstatt das Recht der 2000 ausschließlich britischen Inselbewohner zu verteidigen, die ihren Wunsch, unter britischer Flagge zu bleiben, eindeutig bekundet hatten. Innert zehn Wochen hatten die britischen Truppen den Archipel zurückerobert. In Argentinien wurde die Junta weggefegt, und in Großbritannien gewann Thatcher ein Jahr später die Unterhauswahlen mit überwältigender Mehrheit.

Am Ende von der eigenen Partei gestürzt

Es war jedoch nicht zum Popularitäts- und Stimmengewinn, dass Thatcher sich zum Krieg gegen Argentinien entschlossen hatte. Allerdings war sie zuvor höchst unpopulär geworden, nachdem sich ihre radikalen Massnahmen zur Sanierung der Wirtschaft für die Bevölkerung schmerzhaft auszuwirken begonnen hatten. Sie entschloss sich auch nicht aus einer kolonialistischen Denkweise heraus zum Krieg. Sie tat es, weil sie, wie die meisten ihrer Landsleute, sich so etwas nicht wollte gefallen lassen. Verschwiegen wurde, dass der Anspruch Londons auf die Inselgruppe nicht hundertprozentig einwandfrei war und dass man in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten nichts Ernsthaftes unternommen hatte, um mit den Argentiniern zu einer Vereinbarung zu gelangen.

Sie hatte viele Gegner, auch und gerade im Innern ihrer Partei. Am Ende wurde sie ja von den Mitgliedern ihres eigenen Kabinetts gestürzt. Damals, gegen Ende 1990, hatte sich ihre Rechthaberei und ihr Glaube, sie allein kenne den richtigen Weg, in eine wahre Hybris gesteigert. Gegen alle Einwände ihres Kabinetts wollte sie eine Kopfsteuer durchsetzen, die dazu geführt hätte, dass ein Herzog und ein Hilfsarbeiter die gleiche Summe hätten entrichten müssen. Hinzu kamen kabinettsinterne Uneinigkeiten über die Europapolitik. Das Kabinett versagte ihr schließlich die Gefolgschaft und zwang sie zum Rücktritt.

Weinend verließ sie damals die Nummer 10 Downing Street. Das Ereignis hatte eine tiefe traumatische Wirkung auf die Partei, von der sie sich immer noch nicht erholt hat. Die andauernden kabinetts- und parteiinternen Streitigkeiten, Vorwürfe, Intrigen und Machtkämpfe zeugen davon.

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