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Von Heiner Hug, 28.01.2019

Andreas Scheuer, der deutsche Verkehrsminister, erntet massiv Kritik – zu Recht.

In fast allen europäischen Staaten gibt es auf Autobahnen ein Tempo-Limit. In Deutschland gilt: Freie Fahrt. Für manche Deutsche scheint Rasen ein unveräusserliches Menschenrecht zu sein – die Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer inbegriffen.

Eine Klimaarbeitsgruppe der Bundesregierung hat in Erwägung gezogen, auch auf deutschen Autobahnen eine Tempobeschränkung von 130 km/h einzuführen. Das sei „gegen jeden Menschenverstand“, sagte Scheuer. „Was soll der Ansatz der ständigen Gängelung“, fügte er bei. „Die deutschen Strassen sind die sichersten Strassen weltweit“, sagte er am Sonntag. Nur stimmt das nicht.

Laut einer Statistik des Europäischen Rates für Verkehrssicherheit (ETSC) steht Deutschland nur an zehnter Stelle mit 2,97 Toten pro Milliarde gefahrener Autobahnkilometer. Vor Deutschland liegen alles Länder, die eine Tempobegrenzung auf Autobahnen kennen. Am sichersten ist das Autofahren in der Schweiz mit 1,41 Toten pro Milliarde gefahrener Kilometer – also mit halb so vielen Toten wie in Deutschland. Die deutsche Polizeigewerkschaft widerspricht Scheurer deutlich: „Geschwindigkeit ist der Killer Nummer eins.“

Herr Scheuer geht freizügig mit Zahlen und Statistiken um. Ein Tempolimit würde den CO2-Ausstoss um weniger als 0,5 Prozent reduzieren. Scheuer kann diese Behauptung nicht belegen. Sie steht im Widerspruch zu allen seriösen internationalen Untersuchungen. Alle wissen: Je schneller man fährt, desto grösser der Luftwiderstand, desto höher steht der Zeiger auf dem Tourenzähler, desto schneller ist der Tank leer, desto mehr CO2 wird in die Luft befördert. Um das zu kapieren, braucht es kein Physikstudium.

Scheuer griff eine sehr umstrittene Untersuchung einiger Lungenärzte auf, die die geltenden Grenzwerte für Stickoxid in Frage stellen. Diese Untersuchung wird von den meisten Ärzten und auch von der Gesundheitsorganisation WHO als „unseriös“ und „an den Haaren herbeigezogen“ bezeichnet. Fazit: Je schneller man fährt, desto mehr werden die Lungen belastet, desto mehr werden Verkehrsteilnehmer gefährdet.

Scheuer erhielt plötzlich Unterstützung von seinem CSU-Parteigenossen Markus Söder. Der sagte: „Das Tempolimit ist eine typisch ideologische Verbotsdiskussion aus der grünen Mottenkiste.“ Als ob ganz Europa von Grünen regiert würde.

Scheuer und Söder setzen sich dem unschönen Verdacht aus, dass sie im Dienste der schwer gebeutelten und angeschlagenen deutschen Autoindustrie Politik machen. Darauf deutet eine Aussage Scheuers hin: Als Erstes müsse „die masochistische Debatte beendet werden, wie wir uns in Deutschland mit immer schärferen Grenzwerten selbst schaden und belasten können“. Mit „wir“ meinte er wohl die deutsche Autoindustrie mit ihren Abgasproblemen.

Kommentare

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So geht halt die Schneller-grösser-teurer-mehr-und Weltmeister-haben-wollen-ichdannreichundpotentsein-Gehirnwäsche der globalisierten Konsum-Sklaverei. Mit Geschwindigkeits-Limiten global wären die 0-100 Beschleunigungs-Sekunden /max. Kmh Top-Geschwindigkeit /Kg/PS/ Preis/Leistungs-Parameter der locken&begehren -Kaufanreize für Automobile etwas weniger wirkungsvoll. Und Umsätze könnten einbrechen, wenn auch für den EUR 300'000.- Turbo GTS-R XLWD plötzlich bei 120 Kmh fertig lustig ist. Beim grossen Offroader- und Motorräder-Wahn ist es ja aber auch in der Schweiz das Selbe, trotz 30/50/80/120 Kmh Limiten. Muss man haben, für Spass, Hobby und Enstpannung. Aber sicher hätte es weltweit Signalcharakter, und in Deutschland würden etwas mehr Menschen etwas rationaler werden und ihr Fortbewegungsmittel mehr nach rechnerischer und umweltbewusster Vernunft Cent/Km/Komfort/repräsentiert adäquat mein soziales Niveau, meinen Style und meine vernünftige Entscheidung/ auswählen und nicht nach Überholprestige. In Asien hingegen reissen die Autofreaks oft als erstes den Katalysator aus dem neuen Auto und am Diesel die Filteranlage. Und dann gibt's Diesel-Pumpen- und Chip-Tuning, bis beim Beschleunigen alles dahinter in eine schwarze Rauchwolke getaucht ist, worin die Millionen und Abermillionen Motorrollerfahrer_innen, die ebenfalls alle keinen Kat drin haben und das sinnlose Herumfahren wie ich auch (und zur Fitness noch im Gelände) täglich geniessen, statistisch einer Krebsbehandlung noch näher kommen. Wenn schon global überall Speedlimiten, dann sofort auch weltweit Verkehrssicherheitsmassnahmen nach Schweizer Vorbild und totale scharfe Abgas- Russ- Kat- und Filter-Kontrollen, bis E- (und Null-Punkt-Energie-) Fahrzeuge überhaupt keine Emissionen mehr freisetzen. JETZT!

Ja , ja unser Herr Scheuer !
Ich habe ihm schon vor Monaten meine Meinung gesagt und kann sie gerne wiederholen : Er ist eine totale Fehlbesetzung - wie sein Vorgänger Dobrind - komischerweise alle von der CSU !!!
Für mich sind beide nur damit beschäftigt Bewerbungsschreiben bei der Autoindustrie zu verfassen !! Endlich sollte es reichen !
Wir haben schon seit Jahren keine Verkehrspolitik mehr, sondern es wird nur versucht dem " goldenen Kalb" - Autoindustrie zu huldigen obwohl es dringend notwendig wäre eine Wende in der Verkehrpolitik einzuleiden. Die Städte müssten wieder für Menschen gebaut sein und nicht fürs Auto, dem alles untergeordnet wird. Es würde zu weit gehen die richtigen Schritte zu erläutern, aber wir sollten uns von dem über hundertjährigen Verbrennungsmotor verabschieden und uns an guten beispielen orientieren : Oslo, Victoria (E)

Herzlichen Dank für den Klartext und das passende "Stich-Wort" darüber. In Tat und Wahrheit sind diese CSU-Statements Ausdruck ihrer Gefangenschaft in den Fängen der Autolobby. BMW und Mercedes wie VW wären in ihrer TechnikErneuerung längst weiter, wären sie und ihre Lobby nicht bei CDU und CSU geradezu zum Fortschrittswiderstand "gehätschelt" worden, seit Jahrzehnten und die reale Gefährdung von Arbeitsplätzen wäre mindestens aufgefangen. Ideologie macht blind, auch im Autogewerbe, und löst keine Probleme wie die Bewältigung der Diesel-lügen-Katastrophe zeigt.
A. Imhasly

Ksnn ich nur voll zustimmen !!

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