Australisches im Val de Travers

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Australisches im Val de Travers

Von Annette Freitag, 07.06.2018

Zeitgenössische Kunst australischer Ureinwohner an ungewohntem Ort: In Môtiers feiert das Museum «La Grange» sein zehnjähriges Jubiläum mit einer neuen Ausstellung.

Die Sehnsucht nach alten Gemäuern und geschichtsträchtiger Umgebung war es, die Theresa und Gérard Burkhardt nach 25 Jahren in Australien kurz nach der Jahrtausendwende wieder in die alte Heimat Schweiz zurückbrachte. Genau 13'922 km Luftlinie liegen nun zwischen ihrem ehemaligen Wohnsitz Perth im Westen Australiens und Môtiers, dem vergleichsweise winzigen Städtchen im Val de Travers.

Hier, im Westen der Schweiz abseits der grossen Zentren, haben die Burkhardts gefunden, was sie suchten: das Château d’Ivernois, ein prächtiges Anwesen, das in den 1720-er-Jahren entstand. Bauherr war damals Abraham d’Ivernois aus Môtiers, der in Paris als Bankier ein Vermögen verdient hatte. Er liess sich ein Gebäude im Stil eines Pariser «Hôtel particulier» erbauen, ein Stadtpalais für die feine Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts. Und das im abgelegenen Môtiers!

Dreihundert Jahre sind seither vergangen und die verschiedenen Besitzer haben das Château d’Ivernois immer wieder an ihren jeweiligen Lebensstil angepasst. So haben auch die Burkhardts vor zehn Jahren die ehemalige Scheune neben dem Château in ein kleines, aber feines Museum umgebaut: «La Grange». Denn Burkhardts brauchten Platz für die Kunstwerke, die sie aus Australien mitgebracht hatten.

Kunst mit 60'000 Jahren Tradition

Nun sitzen wir im Pavillon, einem schattigen Platz unter den grossen alten Bäumen. Gemütlich ausgestreckt neben uns ein Hund, der nur Englisch versteht. Eine Idylle. Theresa Burkhardt erzählt, wie es war, damals, als sie und ihr Mann nach Australien zogen. Die Regierung hatte begonnen, die Aborigines, also die Ureinwohner Australiens, in Lagern unterzubringen. Dort gab es zwar Schulen, aber noch mehr Probleme. «Ein Lehrer hatte vorgeschlagen, dass die Aborigines malen sollten, und etwa zu diesem Zeitpunkt, Anfang der 80er-Jahre, sind wir auch in Australien angekommen und konnten die Entwicklung verfolgen. Die Aborigines hatten auch vorher schon gemalt, auf Sand oder auch direkt auf den Körper». Nun aber hatten sie neues Material bekommen: Leinwand und Acrylfarben.

Theresa und Gérard Burkhardt, Kunstsammler und Gründer von «La Grange» vor einem Gemälde von Irene Namok, inspiriert durch die Farbenpracht von Landschaft und Vegetation
Theresa und Gérard Burkhardt, Kunstsammler und Gründer von «La Grange» vor einem Gemälde von Irene Namok, inspiriert durch die Farbenpracht von Landschaft und Vegetation

«Die Kunst der Aborigines geht auf eine Zeitspanne von bis zu 60'000 Jahren zurück», sagt Theresa Burkhard, und damit zählt diese Kunst weltweit zu den ältesten kontinuierlichen Kunsttraditionen überhaupt. Die Burkhardts waren fasziniert und begannen, Gegenwartskunst der Aborigines zu sammeln. Inzwischen umfasst die Sammlung mehr als 400 Werke.

Die Burkhardts verstehen ihre Sammlung als «Hommage an die Vielfalt der Kunst der Aborigines». So besteht sie aus Werken, die aus den verschiedensten Gegenden stammen: aus Kimberley, dem Arnhem Land, aus der Weite der Wüste, den Städten und von den Inseln. «Islands in the Seas» nennt sich nun auch die aktuelle Ausstellung. Endlose Sandstrände, tiefblaues Meer, Korallenriffe aber auch geheimnisvolle Regenwälder beflügeln die Phantasie des Betrachters, so wie zuvor das Gestaltungsvermögen der Künstler. Es sind keine Kitschlandschaften, keine Postkartenbilder, es sind abstrakte Werke auf der Basis jahrtausendealter Tradition. Eine eigene Kunstform.

Sie malen, was sie träumen

Beim Gang durch die Ausstellung erzählt Theresa Burkhardt mit viel Liebe und Verbundenheit über Kunst und Künstler der Aborigines. «Ihrer Tradition gemäss dürfen sie nur malen, was sie träumen. Sie haben ihre eigene Weltanschauung. Träumen, das ist quasi eine Religion. Träumen verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.» 

Auch die Ahnen spielen eine wesentliche Rolle. So beschreibt Christine Nicholls von der Universität Adelaide das Träumen der Aborigines im Katalog folgendermassen: «Das Träumen bezieht sich auf Ahnenwesen, die mit Lebenskräften und kreativen Mächten in Verbindung stehen. Das Wissen darüber wird den Menschen gelegentlich über Träume weitergegeben.» Über Träume, und über die Malerei. Denn die Aborigines kannten keine Schrift, sondern überlieferten ihr Wissen durch die Malerei.

Warme Erdtöne dominieren bei den Bildern, vor allem Ocker, grafische Muster, dann aber auch starke, leuchtende Farben, die geradezu explosiv wirken zwischen den gedämpften Farbtönen. Man kann sich Spiegelungen auf dem Wasser vorstellen, Sonne, Blumen, Pflanzen, Tiere. Farben, die sich ergänzen und vermischen. Tiere tummeln sich ohnehin in vielen Bildern. Abstrahiert, aber unverkennbar: Krokodile, Schildkröten, Vögel und Fische natürlich. Bei der Verwendung der Farben gibt es aber auch Besonderheiten, erklärt Theresa Burkhardt. «Die Farben haben sozusagen eine Hierarchie, und einige von ihnen sind älteren Künstlern vorbehalten.»

Sie kamen extra aus Australien, um ihre Werke zu zeigen: Silas Hobson (links), Irene Namok (Mitte) und Enoch Perazim (Manager des  Kunstzentrums in Australien)
Sie kamen extra aus Australien, um ihre Werke zu zeigen: Silas Hobson (links), Irene Namok (Mitte) und Enoch Perazim (Manager des Kunstzentrums in Australien)

Einheitlich ist der Stil der verschiedenen Künstler trotz gemeinsamer Vergangenheit und Tradition allerdings nicht. «Australien ist gross», sagt Therese Burkhardt, «da gibt es grosse Unterschiede zwischen jenen Künstlern, die zum Beispiel in den Weiten der Wüste leben oder jenen, die auf einer Insel am Wasser beheimatet sind.» So, wie in der aktuellen Ausstellung.

Von Australien über Venedig und Paris nach Môtiers

Auffallend sind gerade auch Werke von Frauen. Mit kraftvollem Strich und mutiger Abstraktion gehen viele von ihnen stilistisch in grösseren Schritten vorwärts als manche ihrer männlichen Kollegen. Eine von ihnen ist Sally Gabori. Mit Acryl auf Leinwand stellt sie eine Art Wasserfall dar, Weiss auf Schwarz und voller Dynamik. Sally Gabori war übrigens 2013 schon an der Biennale in Venedig vertreten. Jetzt sind ihre Bilder in Môtiers ausgestellt.

Auch ausserhalb Australiens beginnt die Kunstwelt Werke der Aborigines zu entdecken. «Seit den 90er-Jahren gibt es in Australien auch Kunstzentren, die sich mit der Arbeit der Aborigines beschäftigen», sagt Theresa Burkhardt. Und auch in Europa interessieren sich Museen für die Kunst der Aborigines. Insbesondere das Musée du Quai Branly in Paris setzt sich stark für diese Kunstsparte ein. Und in Genf hat das Ethnographische Museum MEG im vergangenen Jahr die Kunst der Aborigines mit einer grossen Ausstellung gewürdigt.

«La Grange»: früher Scheune, heute Museum
«La Grange»: früher Scheune, heute Museum

«La Grange» in Môtiers gibt es inzwischen seit zehn Jahren und das kleine Museum kann damit ein Jubiläum feiern. Und wer sich für Australien, für Aborigines, für Kunst im Allgemeinen und für diesen Bereich von australischer Kunst im Besonderen interessiert, dem sei eine Abenteuerreise ins Val de Travers empfohlen. Hierher hat es schon Jean Jacques Rousseau gezogen, der drei Jahre in Môtiers verbracht hat, das damals zur preussischen Enklave rings um Neuenburg gehört hat.

Ansonsten ist Môtiers dank mehrerer Brennereien auch sozusagen die Hauptstadt des Absinth. Und auf der Fahrt durchs Val de Travers durchquert man wilde Landschaften mit üppigem Grün, mit Schluchten und Felsen. Und mitten drin: «La Grange» mit einem Blick ins Kunstschaffen auf der anderen Seite der Welt.

La Grange: «Islands in the Seas», Grand-Rue 7, 2112 Môtiers

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