Auf zum letzten Gefecht

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Auf zum letzten Gefecht

Von Journal21, 04.07.2012

Die Wiederholung des ewig Gleichen ermüdet. Das Image der Banker ist versaut. Dennoch will sie niemand missen, hat jeder Angst vor dem Verschwinden von UBS und CS. Aber vielleicht gibt es Hoffnung.

Dem Laien ist die Dimension des aktuellen Skandals nicht klar. Die kriminelle Manipulation des Libor, der Zins-Kernzahl aller Bankgeschäfte, ist aber zweifellos die grösste Schweinerei in der an Skandalen nicht armen jüngsten Geschichte des Banking. Ein Fuld von Lehman Brothers, ein Ospel von UBS, selbst ein Madoff mit seinem Multimilliardenschneeballsystem sind unschuldige Waisenknaben dagegen. Fuld und Ospel sind zudem, das sei betont, Ehrenmänner mit blütenweisser Weste. Aber seit es Banken gibt, gab es nichts Vergleichbares wie dieses Fundamentalverbrechen. Hier stehen Gangster offenkundig und nachweisbar nicht vor, sondern hinter den Bankschaltern.

Klarstellung

Bevor wir weiterfahren, eine nötige Klarstellung. Nein, es geht um keine Sippenhaft für die rund 142 000 im Finanzsektor der Schweiz Angestellten. Wenn sie nicht Mitglied des Kaders sind, verdienen sie im Durchschnitt erträgliche 6700 Franken im Monat. Also Peanuts. Eine andere Zahl ist viel interessanter: Die gesamte Wertschöpfung des Bankensektors machte im Jahre 2010 in der Schweiz lediglich 6,7 Prozent des BIP aus. Die Zahl ist zudem sicherlich geschönt, da sie von der Schweizerischen Bankiervereinigung stammt.

Ein weitgehender Wegfall dieses Sektors wäre also problemlos verkraftbar. Das wäre zwar bitter für die kleinen Angestellten, aber angesichts der existenzbedrohenden Risiken für die gesamte Schweizer Wirtschaft, die von lediglich zwei Grossbanken ausgeht, ein Segen. Und die Chance ist da.

Übel und verfault

Alle Vergleiche, Übertragungen, Bilder und nach Veranschaulichung suchende Metaphern wirken saftlos und matt, wenn man beschreiben will, was die bewusste, organisierte und absichtliche Manipulation der Zahl aller Zahlen, eben des Libor, im weltweiten Geldgeschäft bedeutet.

Das Verschweigen der tödlichen Nebenwirkungen eines Medikaments, der Verkauf eines lebensbedrohenden Produkts, die Einleitung von toxischen Stoffen ins Trinkwassersystem: alles Verbrechen. Aber den Libor zu manipulieren, das ist etwa so, wie wenn man bewusst, absichtlich und um die Versicherungssumme zu kassieren in einem AKW eine unkontrollierbare Kettenreaktion auslöst. Aber auch das ist nur ein eher schwacher Vergleich für diese zutiefst verfaulte und üble Gangstermentalität, die sich hier im Banking offenbart.

Keine persönliche Verantwortung

Es spielt überhaupt keine Rolle, ob bereits der VR-Präsident und der CEO und der COO von Barclays zurückgetreten sind, nachdem die Bank eine lächerliche Busse von 450 Millionen Dollar zahlen musste. Denn mit diesem Skandal sind wir schliesslich im rotglühenden Kern der internationalen Finanzmafia angekommen.

Das ist der rund 18 Grossbanken umfassende Club, der täglich nach den üblichen komplizierten Ritualen die Zahl aller Zahlen festlegt: eben den Libor, den alles bestimmenden Zinssatz für Finanztransaktionen jeder Art. Der ist nicht zu verwechseln mit dem Leitzins, den die grossen staatlichen Notenbanken definieren. Der Libor betrifft jeden: den kleinen Konsumenten, der per Kredit einen neuen Flachbildfernseher kaufen will, den Hausbesitzer mit seinem Lombard-Hypothekarkredit. Und vor allem die Big Boys, die Händler und Zocker im Derivatecasino mit einem jährlichen Volumen von über 600 Billionen Dollar.

Der Kleine und der Grosse

Wenn ein Investmentbanker mal schnell 2 oder 6 oder noch mehr Milliarden verzockt, wie es im modernen Banking immer wieder passiert, dann gibt es einen einzelnen Schuldigen. Und alle Kontrolleure und Chefs bis ins oberste Kader der Bank retten sich mit den üblichen Schuldzuweisungsritualen.

Einige müssen über die Klinge springen, meistens im mittleren Management, und alle sind sich einig, dass niemand davon etwas gewusst hat. Aber keiner, kein einziger der grossen Bosse der am Libor-Club beteiligten 18 Banken kann behaupten, dass er von dieser Schweinerei keine Kenntnis hätte. Er kann höchstens hoffen, dass man es ihm nicht nachweisen kann.

Das letzte Gefecht

Während bislang eigentlich alle an den letzten Finanzkrisen schuldhaft Beteiligten trotz markigen Politikerworten ungeschoren davonkamen, hat hier die Staatsmacht, haben hier die Regierungen die letzte Chance, energisch einzugreifen. Aus Populismus, um vom eigenen Versagen abzulenken, um die nächsten Wahlen zu gewinnen: auch die erbärmlichsten Motive sind begrüssenswert. Aber im Gegensatz zu der mangelhaften Bewältigung der letzten Finanzkrisen darf es diesmal mit einer Auswechslung einiger Frontmänner und, neu, deren Bestrafung, nicht getan sein. Diese 18 Grossbanken müssen zerschlagen werden. Der Plan ist gut und richtig. Dürfen wir hoffen?

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"Auf zum letzten Gefecht" …? Da fehlt mir noch die erste Zeile dazu: "Völker, hört die Signale!" – ich vermute einmal, dass Sie, lieber Herr Zeyer, diesen Bezug zur "Internationale" nicht zufällig gewählt haben, oder? Nicht nur hat ein gewisser Herr Marx schon vor 150 Jahren das Verhalten dieses "Kapitalismus" bis ins Kleinste seziert und daraus die Theorie entwickelt, die alle diese kriminellen Erscheinungen der letzten Jahre bestens erklärt bzw. vorhersagt. Sondern er hat auch nachgewiesen, dass dieses System auf Dauer nicht funktionieren KANN, weil es dem Kapital dient und nicht dem Menschen – sonst hiesse es ja auch "Humanismus" … Aber ich bin überzeugt, dass die Verantwortlichen (also genau die, die sich für ihr Verhalten NIE verantworten müssen) und ihre Marionetten in der Politik nicht nur den kleinen Mann und die solide Wirtschaft brutalstmöglich ausplündern werden, solange man sie nicht einsperrt, sondern sie werden nach dem Motto "Nach mir die Sintflut!" auch alle und alles mit in den Abgrund reissen (wobei der für sie vielleicht aus einer Villa in der Südsee besteht, während in Europa hungernde Massen die Strassen bevölkern werden …?). Und: Sie werden jegliche Gefährdung ihres Vorgehens und ihres zusammen geraubten Besitzes mit Zähnen und Klauen (= Atomwaffen und Panzern) verteidigen. … Auch aus diesem Grund war Marx überzeugt, dass man dieses zerstörerische System nur gewaltsam zerstören kann. Vermutlich wird er Recht behalten … und was danach kommen mag, wird niemandem gefallen, fürchte ich.

Und warum das alles? Weil in einer kranken Ideologie das Wohl und die "Freiheit" des Kapitals (WER ist das überhaupt??) über alles gehen: über Gesundheit und Leben von Menschen, über Wohl und Wehe, Glück und Familie … "über alles" eben … Eben drum heisst sie eben Kapitalismus. Und wir können nur hoffen, dass wir einen Ausweg finden, BEVOR sie uns ökologisch, wirtschaftlich oder in (Wirtschafts-) Kriegen zugrunde richtet. Die sofortige Gefangensetzung, Enteignung und radikale Bestrafung (Steinbruch wäre eine sinnvolle Beschäftigung … dies als Antwort auf die unten stehende Frage, was man mit diesen Leuten tun sollte …) wäre ein Anfang … "Völker, hört die Signale! Auf zum letzten Gefecht!" … aber sie werden hören …

Herr Zeyer hat recht. Diese Banken müssen so kleingehackt werden, dass sie schadlos untergehen können. Schliesslich haben wir eine Krise, welche den Untergang einer grossen Bank zu einem realistischen Szenario macht. Ein kleines Land, dass zwei Gröstbanken beherbergt muss sich echte Sorgen machen.

Nun ist es aber so, dass die Grossbanken UBS und CS unter der Hand beteueren, sie seien systemrelevant - Nicht dass wir so naiv sind und das einfach glauben - Aber sehr gross sind sie schon. Auch Experten, die nicht gerade direkt auf der Lohnliste der Banken stehen behaupten solches. Einige meinen, eine solche Bank könne nicht einfach bankrott gehen.

Meine Frage an Herrn Zeyer: Was passiert genau wenn eine UBS morgen bankrot geht? Welche Auswirkungen hat dies auf unser System? Welche Pensionkassen, Institute, Firmen kantonalbanken, Knatone und Staaten würden tatsächlich mit untergehen - und weshalb/nicht?

Merci und vielen Dank für Ihre Artikel.

Und wie beschäftigt man Tausende von ein- eher als gut aus-gebildeten, sich selbst überbewertenden, einspurig statt vielfältig denkenden, oft zu Suchtverhalten neigenden und narzisstischen, doch bürokratisch kleingeistigen Funktionären, die ausser Rendite und Gewinn kaum etwas antreibt, wenn ihre Wettbüros geschlossen werden und sie danach dort ankommen, wo sie nicht hingehören wollten, in der wirklichen Welt? Wie beschäftigt man die, ohne dass sie, mangels Einsicht, erneut Schaden anrichten? Wie beschäftigt man Arbeitslose, die nicht viel zu bieten und dies über Jahre hinweg nachgewiesen haben?

Die Banker demontieren sich in einer Art und Weise, die nur noch einen Schluss zulässt: Abzocken, was das System noch hergibt. Und diesmal sind es keine hierarchisch untergeordneten Überflieger, sondern es geht um die oberste Führungsriege der wichtigsten Banken. Und sollten noch Nationalbanken involviert sein, handelt es sich um den grössten Betrug, den diese verluderte Szene zu verantworten hat. Etwas ist schon lange klar: Die Bangster haben eine irreparable Gesinnung und folglich sind sie bis zu ihrem Ableben nicht fähig, das Korrektiv zu setzen. Also muss man sie aus dem Verkehr ziehen. Das heisst nichts anderes, als die Führungsriegen der involvierten Banken unter Anklage zu stellen und dann zu verurteilen. Politiker und Justizia müssen sich endlich vom Gedanken verabschieden, dass die Finanzindustrie in einem rechtsfreien Raum zu Hause ist. Aber dies bedeutet einen Wertewandel, der wahrlich galaktisch geworden ist.

Mit der Erhöhung der Zahlen nimmt die Verantwortungslosigkeit zu.

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