Asche aufs Haupt

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Asche aufs Haupt

Von Peter Achten, 20.10.2019

Wenn es um Chinas Souveränität geht, setzt Peking klare Grenzen. Ausländische Unternehmen bekommen das schmerzlich zu spüren. Jetzt hat es auch eine amerikanische Sportgrossmacht getroffen.

Die seit Monaten anhaltenden Unruhen in Hongkong erwiesen sich als Stolperstein. Daryl Morey, Manager des amerikanischen Basketballclubs Houston Rockets, hat leichtfertig auf Twitter gezwitschert. Er lobte die Hongkonger Demonstranten über allen Klee als mutige Kämpfer für mehr Demokratie und schrieb: „Kämpfe für Freiheit! – Unterstütze Hongkong!“. Die chinesische Reaktion auf die wenigen Twitter-Worte liess nicht lange auf sich warten.

Ziemlich einseitig

Dass sich die Kontroverse zwischen dem Sport-Unterhaltungsriesen NBA und China an Hongkong entfachte, kommt nicht von ungefähr. Seit Beginn der Demonstrationen in Hongkong im Juni berichteten die westlichen Medien – auch und gerade solche, die nach eigenem Bekunden der journalistischen Qualität verpflichtet sind –  ziemlich einseitig und profilierten vermummte Chaoten als mutige Freiheitskämpfer. Dass wenige hundert Gewalttätige die politischen Anliegen von Hunderttausenden von friedlichen Demonstranten in Hongkong diskreditieren, wird kaum erwähnt. Faktum ist, dass die seit der Rückkehr zu China 1997 im Grundgesetz garantierte weitgehende Autonomie auf den Buchstaben genau bis heute respektiert wird.

Freiheiten

Die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong verfügt wie jeder westliche Rechtsstaat über unabhängige Gerichte. Die Pressefreiheit ist
gewährleistet, wie chinakritische Berichte und Kommentare der
chinesischsprachigen Tageszeitung  „Pinguo Ribao“ (Apfel-Tageszeitung) des Unternehmers Jimmy Lai oder die renommierte englischsprachige Tageszeitung „South China Morning Post“ des chinesischen KP-Mitglieds und Unternehmers (Alibaba Group) Jack Ma zeigen. Die Meinungs- und Versammlungsfreiheit wird hochgehalten, wie die Demonstrationen ja seit Monaten zeigen.

Die Ausnahme: NZZ

Freiheit für vermummte Chaoten gibt es in Hongkong, wie in jedem westlichen Rechtsstaat, allerdings nicht. Wer Steine und Molotowcocktails wirft, mit Eisenstangen auf Polizisten losgeht, wer Geschäfte und Untergrundbahnstationen vandalisiert, wer Flughäfen blockiert und Verkehrsadern durch Besetzung unterbricht, Autos anzündet, der wird – wie in jedem westlichen Rechtsstaat – von der Polizei bekämpft. Mit all jenen Mitteln – Tränengas, Gummigeschosse, Pfefferspray oder Wasserkanonen –, welche jeder westeuropäischen oder amerikanischen Polizei zur Verfügung stehen. Verhafteten wird von unabhängigen Gerichten der Prozess gemacht.

Die westliche Berichterstattung und Kommentare zu den Unruhen in Katalonien oder den Demonstrationen der Gelbwesten in Paris kontrastieren scharf zur westlichen Berichterstattung und den Kommentaren über Hongkong. Das sollte zu denken geben. Eine einsame, löbliche Ausnahme: die ansonsten chinakritische, zuweilen chinafeindliche Neue Zürcher Zeitung nahm am 17. Oktober auf der Kommentarseite faktentreu und differenziert zu den Hongkonger Ereignissen Stellung.

US-Politiker besonders laut

Nicht nur Medien indes, sondern auch westliche Politiker mischen sich
faktenresistent in der Causa Hongkong ein. Der prominente Studenten-Aktivist Joshua Wong reist um die Welt und wird von Politikern empfangen. So hat er beispielshalber auch mit dem deutschen Aussenminister kurz diskutiert. Amerikanische Politiker sowohl der Republikaner als auch der Demokraten sind in Sachen Hongkong besonders laut.

Ein Gesetz über Menschenrechte und Demokratie soll verabschiedet werden, nach dem Hongkong jährlich begutachtet werden soll. Das wäre dasselbe, wie wenn der chinesische Volkskongress ein Gesetz über Menschenrechte und Demokratie, sagen wir in Hawai, Puerto Rico oder Guam verbschieden würde ...

Chinas oberster Sportfan

Für die amerikanische Basketball-Profiliga NBA könnte der Tweet des Houston-Rocket-Managers Dareyl Morey teure Folgen haben. Mit dem Zugang zum lukrativen chinesischen Markt stehen jährlich rund 500 Millionen Dollar auf dem Spiel. Basketball und mithin die amerikanische NBA sind in China äusserst populär. Staats- und Parteichef Xi Jinping ist bekennender Fussball- und Basketballfan.

Kurz bevor er Parteichef wurde, besuchte er 2012 die USA. In Los Angeles sass er bei einem Spiel der LA Lakers in der Ehrenloge und erhielt ein giftgelbes Jersey des renommierten Basketballclubs. Beim Basketball-Weltcup in China im vergangenen August sagte Chinas oberster Sportfan Xi: „Basketball ist ein Sport mit globalem Einfluss, und das chinesische Volk liebt es.“

Yao Ming

Der chinesische 2,29-Meter-Mann Yao Ming, einst Superstar bei den Houston Rockets, ist in ganz China berühmt und ist heute Präsident des Chinesischen Basketball-Verbandes, eines NBA-Klon. Auf den Tweet Moreys folgte auf den sozialen Medien WeChat und Sina Weibo ein gewaltiger Shitstorm. Patriotisch bis chauvinistisch wurde zum NBA-Boykott und zur Aufhebung der NBA-Partnerschaft aufgerufen. Sponsoren froren ihre Beiträge ein, NBA-Übertragungen wurden vorübergehend eingestellt. NBA-Fans in Shanghai
zerrissen ihre sündhaft teuren Tickets. Auf Sina Weibo schrieb wutentbrannt ein Nutzer: „Sie können nicht unser Geld nehmen und gleichzeitig unsere nationale Souveränität mit Füssen treten.“

Interne Instruktionen

Offenbar wurde der nationalistische Sturm aber auch für die Regierung bald zu heftig. Noch zu gut in Erinnerung sind wohl die zum Teil genehmigten, zum Teil aber spontanen Demonstrationen nach der Nato-Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad 1999, nach dem Zwischenfall im Ostchinesischen Meer mit Japan 2011 oder dem Konflikt über Japans revidierte Schulbücher 2004.  Wie die in den USA publizierte China Digital Times vermeldet, ordnete Peking an die Medien interne Instruktionen an, den Ton etwas zu mässigen.

„Haben wir uns schon ergeben?“

In einem Kommentar der Global Times – einem Ableger des Parteisprachrohrs Renmin Ribao (Volks-Tageszeitung) – schrieb der ansonsten mit dem Zweihänder argumentierende Chefredaktor Hu Xijin: „Es gibt keine Notwendigkeit, die Zusammenarbeit mit der NBA zu unterbinden. Jetzt, wo Amerika sich immer mehr auf sich selbst konzentriert, muss China mehr aufgeschlossen und offen bleiben.“ Es ging nicht lange, bis der chinesische Mediengigant Tencent – mit einem 1,5 Milliarden Dollar NBA-Deal – sein Livestreaming von NBA-Spielen wieder aufnahm. Ein enttäuschter Basketball-Fan schrieb auf Sina-Weibo resigniert: „Haben wir uns schon ergeben?“

„Wir lieben China“
    
Die NBA streute nach dem Tweet Moreys auf Sina Weibo Asche aufs Haupt: „Wir sind enttäuscht über Moreys unangemessene Äusserungen. Wir bedauern das. Wir halten chinesische Geschichte und Kultur für eine ernstzunehmende Sache.“ In den USA freilich sagte NBA-Chef Adam Silver, Houston-Rockets-Manager Morey habe ein Recht auf freie Rede. James Harden, Superstar der Houston Rockets wiederum liess sich mit folgenden Worten zitieren: „Wir entschuldigen uns. Wir lieben China.“ Die NBA verordnete alsogleich – trotz freier Rede für Manager Morey – , die Spieler sollen und dürfen sich nicht politisch äussern.

„Jahrhundert der Schande“
    
Vor der NBA haben schon andere Firmen – u. a. Daimler, Leica, GAP, Marriot, United Airlines, Givenchy oder Versace – aus verschiedenen Gründen von China die Gelbe Karte erhalten. Immer ging es dabei um Souveränität, d. h. um Tibet, den Dalai Lama, Taiwan, das Südchinesische oder Ostchinesische Meer oder eben um Hongkong. Chinesinnen und Chinesen sind äusserst geschichtsbewusst. Das halbkoloniale „Jahrhundert der Schande“ von 1839 bis 1949 ist nicht vergessen. Wenn es deshalb um nationale Souveränität geht, will China lieber gefürchtet als geliebt werden.

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