Ankommen und Heimkommen

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Ankommen und Heimkommen

Von Annette Freitag, Ernen - 27.07.2018

Neben den grossen Sommer-Festivals gibt es auch die kleinen feinen mit ihrem ganz speziellen Charme. Das «Musikdorf Ernen» zum Beispiel.

In Ernen ist Ankommen wie Heimkommen. Die Chance, dass jemand, der einmal in Ernen war, immer wieder kommt, ist gross. Schon beim zweiten Mal ist es dann dieses Heimkommen. Alles ist familiär, das ganze Dorf überschaubar wie die eigene Wohnung. Man kennt jeden Winkel, man kennt die Gesichter der Konzertbesucher, denn viele von ihnen kommen immer wieder hierher.

Das gilt auch für die Musiker und Sänger, beziehungsweise Sängerinnen. «Wonderful to be back in the beautiful Swiss mountain village of Ernen and its great Festival», jubelt die schwedische Mezzo-Sopranistin Ann Hallenberg auf Facebook. Ann Hallenberg ist nicht irgendwer.

Barockkirche statt Bühne

Und damit sind wir schon richtig drin im Festival des «Musikdorfes Ernen». Direkt von einer Japan-Tournee ist Ann Hallenberg nach Ernen gereist. Dazwischen liegen im wahrsten Sinne des Wortes Welten. Normalerweise ist ihre Bühne gross: die Scala Milano, Bayerische Staatsoper München, Pariser Opéra, Royal Swedish Opera … und dann: Ernen!

Eine richtige Bühne gibt es hier nicht, wohl aber die Kirche St. Georg. Sie ist ein architektonisches Juwel aus der Barockzeit, das sich für Konzerte geradezu aufdrängt. Begleitet wird Ann Hallenberg vom «Barockensemble Ernen», das seinerseits von Ada Pesch geleitet wird, Konzertmeisterin und Mitbegründerin des Orchesters «La Scintilla» am Zürcher Opernhaus. Ada Pesch ist ohnehin die treibende Kraft hinter den Barockkonzerten Ernen, die sie vor 14 Jahren ins Leben gerufen hat.

Ann Hallenberg im prächtigen Barock-Ambiente der Kirche St. Georg. Foto: © Bernard Brand
Ann Hallenberg im prächtigen Barock-Ambiente der Kirche St. Georg. Foto: © Bernard Brand

Wenn die Barockwochen auch eine besondere Anziehungskraft haben, so besteht das Festival doch auch aus Kammermusik, Klavier-Rezitals, Jazz und Meisterkursen. Das Klavier war der Ausgangspunkt. Vor 45 Jahren hat der ungarische Pianist György Sebök den Grundstein für das «Musikdorf» gelegt. Damals lief es noch so, dass Absolventen des Meisterkurses eingeladen wurden, als Musiker auch Konzerte zu geben.

Nach dem Tod Seböks hat Francesco Walter die Leitung des Festivals übernommen und er hat neuen Schwung, neue Ideen und – dank der Vermittlung durch Ada Pesch – eine ganz besondere Attraktion nach Ernen gebracht: Krimi-Autorin Donna Leon, die zusammen mit einer Literaturprofessorin ein Schreibseminar leitet.

Von Alt-Englisch zu Barockklängen

Francesco Walters Büro, mit grossem Schaufenster auf die Strasse hinaus, ist Zentrum und Schnittpunkt aller Wege, die durch Ernen führen. Hier kommt einfach jeder vorbei. Die Fliegenklatsche hat er zur Hand, denn es ist hochsommerlich warm an diesem Nachmittag und auch die Fliegen taumeln durch die Hitze dösig umher. Donna Leon kommt vorbei, mit Sonnenhut und einem Korb voller Johannisbeeren, schwatzt ein paar Worte und zieht schon wieder weiter. Familienbetrieb eben.

Donna Leon: mit Lesen und Schreiben fester Bestandteil des «Musikdorfes Ernen». Foto: © Bernard Brand
Donna Leon: mit Lesen und Schreiben fester Bestandteil des «Musikdorfes Ernen». Foto: © Bernard Brand

Noch am Vormittag hat sie im «Tellenhaus» von 1578 mit der Schreibseminar-Gruppe über alt-englische mittelalterliche Texte diskutiert, und die Literaturprofessorin an ihrer Seite hat auf Eigenheiten des nordirischen Englisch gegenüber dem britischen Englisch hingewiesen und wie man das übersetzen kann. Nicht ins Deutsche, sondern ins heutige Englisch. Denn das Schreibseminar, in dem man zunächst einmal richtig Lesen und Verstehen lernt, findet ausschliesslich auf Englisch statt und ist ganz schön anspruchsvoll.

Am Abend dann Barockmusik auf höchstem Niveau. Werke von Händel, Fasch, Vinci und anderen, instrumental oder gesungen von Ann Hallenberg mit wundervoll warmer und dunkler Stimme. Wenn man nach dem Konzert vor die Kirche in den lauen Sommerabend hinaustritt, schweift der Blick ins Tal, die Sterne kommen durch, ein heller Mond und die Konturen der Berge ringsum zeichnen sich dunkel ab. Ein paar Schritte nur, und man ist wieder in diesem winzigen Oberwalliser Dorf mit gerade mal 530 Einwohnern, mit Häusern, die von der Sonne schwarz gegerbt sind.

Ernen ist die älteste aus Holz gebaute Siedlung, die es in der Schweiz gibt. Für das wohlerhaltene Dorfbild ist Ernen vor ein paar Jahren mit dem Wakker-Preis ausgezeichnet worden. Und wenn man hier einkehrt, kann man sich ein Glas kühlen Lafnetscha genehmigen. Lafnetscha? Ja, das ist der Weisswein aus jener uralten Rebsorte, die es weltweit ausschliesslich im Oberwallis gibt. Alles in allem ein wunderbarer Rahmen für ein Musikfestival.

Keine Konkurrenz

Trotzdem fragt man sich natürlich, wie ein kleines Festival neben den Grossen bestehen kann. «Naja, irgendwie geht’s», sagt Walter mit einem unhörbaren Seufzer, der ihm aber ins Gesicht geschrieben steht. «Letztes Jahr hatten wir ein Defizit von 25’000 Franken, dann ist aber die Sepp-Blatter-Stiftung eingesprungen», erzählt er. «Blatter mag ja Oper. Als er noch bei der Fifa war, hat er die Veranstaltung zur Wahl des Weltfussballers immer im Zürcher Opernhaus durchgeführt.»

Was Francesco Walter ganz bewusst nicht will – und da ist Ada Pesch ganz seiner Meinung –, das ist Mainstream. Bei den Barockkonzerten werden auch Werke von Komponisten gespielt, die kaum bekannt sind, und bei den übrigen Konzerten gibt es viel Zeitgenössisches. Verschiedene Schweizer Komponisten und Komponistinnen haben im Auftrag des Festivals Werke komponiert. «Auch unsere Musiker machen bei Zeitgenössischem gern mit. Es ist uns allen nicht nur ein Anliegen, sondern auch ein ganz persönliches Vergnügen», so Francesco Walter.

In der näheren Umgebung gibt es mit Verbier ebenfalls im Wallis und mit Gstaad im Berner Oberland grosse Festivals. Könnten sie Ernen vielleicht schaden? Da gibt sich Francesco Walter ganz locker: «Verbier hat uns nie Publikum weggenommen, und auch Gstaad ist keine Konkurrenz. Und in St. Moritz zum Beispiel hat es mit der Klassik nicht so funktioniert, deshalb haben sie auf Jazz umgestellt.»

Man kommt also gut aneinander vorbei. Aber vom Publikum einmal abgesehen, seien Festivals auch für viele Berufsmusiker immer wichtiger geworden. «Durch die Zusammenlegung verschiedener Orchester, gerade auch in Deutschland, sind zahlreiche Musiker froh, dass sich nicht zuletzt durch die Festivals andere Auftrittsmöglichkeiten bieten», sagt Walter.

Einen Traum hat Francesco Walter natürlich auch. «Wir hätten gern einen Mäzen oder eine Mäzenin», sagt er mit hoffnungsvollem Lächeln. «Das würde uns helfen und gäbe mehr künstlerische Freiheit.»

Festival «Musikdorf Ernen», bis 16. September 2018

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