Alles wird gut?

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Alles wird gut?

Von René Zeyer, 08.09.2014

Tun wir mal so, als machten die neusten Massnahmen der Europäischen Zentralbank Sinn. Dann erkennt man besser den Unsinn.

«Super-Mario» Draghi, der Präsident der EZB, gibt alles. Genauer: Er senkte den Leitzins, von dem das gesamte Zinsniveau abhängt, auf 0,05 Prozent. Zudem stellte er Hilfsprogramme in einem Volumen von bis zu einer Billion (1000 Milliarden) Euro in Aussicht. Nun wird aber endlich alles gut. Oder nicht?

Wo steckt das Gratis-Geld?

Wenn eine Notenbank Geld wie Heu herstellt und es gratis abgibt, dann sollten nach der Finanzlehre zwei Dinge passieren. Die Investitionen gehen steil nach oben, ebenso die Inflation. Nun ist aber beides nicht geschehen, als der Leitzins noch auf turmhohen 0,15 Prozent lag. Oder ohne Ironie formuliert das Geld bereits gratis war und grenzenlos zur Verfügung stand.

Offensichtlich kommt das Gratis-Geld nicht in der wertschöpfenden Realwirtschaft an, sondern bleibt in den aufgeblasenen Bilanzen von europäischen Zombiebanken stecken. Es gibt keine andere logische Erklärung für das Ausbleiben von Konjunktur und Inflation. Da nützt dann eine kosmetische weitere Senkung genau nichts.

EZB als Bad Bank

Vor inzwischen mehr als zwei Jahren, im Juli 2012, setzte die EZB die fundamentale Funktion des Zinssatzes als Risikoprämie bei Staatsschuldpapieren ausser Kraft. Draghi hatte angekündigt, dass die Notenbank im Notfall «unbegrenzt» solche Schuldpapiere aufkaufen würde. Daraus folgte, dass kleine Pleitestaate wie Griechenland oder Portugal, aber auch grosse wie Spanien, Italien und Frankreich, sich weiterhin zu absurd niedrigen Zinsen verschulden konnten.

Selbst wenn man unterstellt, dass diese Politik «alternativlos» sei, weil sonst Staatsbankrotte und Weltuntergang drohten, beinhaltet sie einen systemischen Fehler. Diese Staaten haben sich, aus teilweise verschiedenen Gründen, in eine Strukturkrise hineinmanövriert. Und dabei Staatsschulden angehäuft, die schlichtweg unbezahlbar und daher nur mit einem Schuldenschnitt, allenfalls Staatsbankrott und Neustart, zu bewältigen sind.

Diese Schulden entstanden durch Fehlallokationen von Krediten, die schon seit Anfang der Jahrtausendwende, angestossen durch die kriminelle Politik von Alan Greenspan, des damaligen Chefs der US-Notenbank FED, zum Usus wurden. Was Fehlallokation bedeutet, illustriert die neuste Titelgeschichte des «Spiegel», obwohl diese Zahlen längst bekannt sind. Alleine in Deutschland kann man von einer Investitionslücke von einer runden Billion Euro sprechen.

Der Staat versagt

Seine vornehmste Aufgabe besteht darin, grundlegende Strukturen zur Verfügung zu stellen. Also Transportwege, Ordnungssystem inklusive Rechtssicherheit, medizinische Versorgung, Bildung und Forschung, Standortförderung, sozialer Ausgleich. Also alles, was zu den Rahmenbedingungen einer prosperierenden Volkswirtschaft gehört. Das funktioniert nicht einmal mehr im europäischen Vorzeigestaat Deutschland, wie das seriöse Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) schon 2013 vorrechnete.

Da ein immer grösserer Teil des Staatshaushalts, nicht nur in Deutschland und trotz lachhaften Zinsen, von Schuldendiensten blockiert ist, hilft auch keine weitere Überschwemmung mit neuem Gratisgeld. Genauso wenig, wie ein Heroinabhängiger durch die Überschwemmung mit Gratisheroin von der Nadel wegkommt.

Schamlos

Dass die letztlich staatlich kontrollierte einzige Bank in einem Währungsraum, die über das Privileg verfügt, Neugeld herzustellen und zu bestimmen, was es kostet, nicht zum grössten Gläubiger des Staates werden darf, versteht sich von selbst. Denn ist sie es einmal geworden, ist damit ein Verbot gefallen, das eigentlich mit der Todesstrafe bewehrt sein sollte. Der Staat kann sich ungehemmt mit Gratisgeld bedienen und es vermeintlich zinsfrei ausgeben.

Vermeintlich deswegen, weil das Geld in Wirklichkeit nicht gratis ist, sondern früher oder später wertlos wird, weil ihm kein Gegenwert an entsprechender Wertschöpfung entgegensteht. Null Zinsen bedeutet nichts anderes, als Zeit schinden, eine Explosion von morgen auf übermorgen vertagen. Aber je mehr Sprengkraft dadurch akkumuliert wird, desto gewaltiger wird die Explosion. Eine solche Politik ist schamlos.

Und die ABS

Weil es selbst Draghi bewusst ist, dass eine Leitzinssenkung von 0,15 auf 0,05 Prozent höchstens kosmetische Bedeutung hat, kündigte er gleichzeitig ein neues Hilfsprogramm an. Dazu gehört der Aufkauf von Staatsschuldpapieren und Finanzspritzen für Banken. Inzwischen auch nichts Neues mehr. Aber obendrauf sollen auch Asset Backed Securities (ABS) aufgekauft werden, also verbriefte und somit handelbar gemachte Schuldpapiere, die durch einen Bestand an Forderungen gedeckt sein sollten.

Was ist davon zu halten? Es genügt wohl der Hinweis, dass dazu unter anderem Mortgage Backed Securities (MBS) und jede Spielart von Collateralised Dept Obligations (CDO) gehören. Also der ganze Derivatezoo, der in Form von finanziellen Massenvernichtungswaffen die Finanzkrise eins auslöste. Damit wird nun endgültig der Bock zum Gärtner gemacht. Statt die Hersteller dieser Giftpapiere die Zeche zahlen zu lassen, übernimmt nun die staatliche Notenbank ihre Garantie. Inklusive Folgen und Nebenwirkungen.

Nur wenn Staaten ihre Hausaufgaben machen würden und dringend nötige strukturelle Investitionen an die Hand nähmen, dazu längst überfällige Strukturreformen auf dem Arbeitsmarkt und bei wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, könnten neue Schulden Sinn machen. Aber Geld umsonst und ohne Bedingungen unter die Staaten (und in die Banken) zu bringen, das ist nicht mal grobfahrlässig. Das ist absoluter Unfug.

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Kommentare

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Ihre Sichtweise ist meines Erachtens vollkommen richtig. In der Wirklichkeit ist der Verschuldungszug allerdings schon längst abgefahren, er beschleunigt sogar noch und die Bremsen wurden von der Politik auf Druck mächtiger Lobbyisten vor Jahren demontiert, weil sich das Kapital grenzenlos und frei bewegen sollte. Das hat es dann auch gemacht und die Folgen müssen nicht gesondert aufgeführt werden.
Ich möchte auch noch zu Bedenken geben : erst die Aufhebung des Goldstandards und die Schaffung von im Grunde ungedecktem Fiatmoney durch die Zentralbanken, hat die verheerenden Kriege der Neuzeit erst ermöglicht. Kriege, denen Millionen Menschen weltweit zum Opfer gefallen sind und in Zukunft auch noch werden, das ist vorprogrammiert.
Kriege wären schlichtweg nicht bezahlbar gewesen, da nicht genügend gedecktes Geld vorhanden war.
Die Zentralbanken und die Abschaffung des Goldstandards sind letzlich für einen fortwährenden Wahnsinn verantwortlich, der unendlich viel Leid über den Planeten Erde gebracht haben und ich weigere mich, so einem perversen System etwas Gutes zu attestieren. Die Zentralbanken sind schlichtweg gefährlich und auch wenn der ehemalige Vizepräsident von Goldman Sachs in der EZB als der große Retter in der Not gefeiert wird, die Rechnung dafür ist noch nicht geschrieben.

Hier noch ein paar einschlägige Gedanken zum Thema von Paul Warburg, dem geistigen Vater und Mitgründer der US Federal Reserve. Die verhängnisvollen Mechanismen sind immer noch genau die selben.

Paul Warburg, “The federal reserve system, its origin and growth; Reflections and recollections”, 1930

Addendum II, THE STOCK EXCHANGE CRISIS OF 1929, p. 501

“It will be remembered that in the second half of 1927,
under a daring, but carefully devised, plan, the Federal Re-
serve System, by reducing its discount rates to 3.5 per cent
and by purchasing government securities on a large scale, had
embarked upon a policy of easing money in the United States [...]. This plan was entirely justified, [...] provided the System was prepared boldly to reverse this policy as soon as it might become evident that excessive ease of money was exercising an inflationary effect, or that it was over-stimulating speculation. Unmistakable symptoms of such adverse effects became evident at the end of 1927. As a consequence the Federal Reserve System did reverse its policy, and in the first months of 1928 began to resell its holdings of government bonds recently acquired. Unfortunately, however, this policy was not carried through with sufficient vigor and persistency, largely because of the fear on the part of representatives of industry and trade that further sales and the resultant hardening of money rates might “hurt business.””

"“Financial leaders, prominent economists, and men in high political positions had become convinced that a “new era” had arrived, that hopes and expectations of future accomplishments were to be accepted as the test in determining stock values, rather
than actual earnings and records of the past [...]. "

“But the desperate fight to avert a further spread of the disaster
[of 1929] could never have been hazarded and won had it not been for the country’s unbounded confidence in the unequalled strength of the Federal Reserve System and the availability of its
vast resources to the country’s banks. ”

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Frankreich steht kurz vor der Staatspleite. Da kann die EZB noch so den Zins senken, jetzt ist es schlicht zu spät. Die Währungsreform wird verdammt Teuer und möglicherweise auch blutig werden.
Ich rechne mit frühzeitigen Neuwahlen in Frankreich, was die europäische Politik durch die Wahl Le Pen's durcheinander wirbeln wird. Man kann nur hoffen dass es nicht zum Bürgerkrieg kommt.

Der Druckt wächst und wächst.
Der Druck im dem Kessel der EZB.
Der Druck von immer mehr Menschen die auch Dank von solchen Artikeln sind gezwungen die Wahrheit zu sehen.
Und der Druck wächst auch in der Politik die schnell andere Schauplätze für die kurzfristige Ablenkung generiert.
Es fehlt jetzt nur einen kleinen Leck und es kracht.
PS:
Es ist kein Spiel mehr und wir stehen kurz davor...

"Offensichtlich kommt das Gratis-Geld nicht in der wertschöpfenden Realwirtschaft an, sondern bleibt in den aufgeblasenen Bilanzen von europäischen Zombiebanken stecken. Es gibt keine andere logische Erklärung für das Ausbleiben von Konjunktur und Inflation."

Das Neugeld scheint doch zu einem beträchtlichen Teil auch in gewisse Immobilienmärkte, in staatliche Schuldpapiere, und vor allem in die Aktienmärkte zu fliessen. Siehe etwa hier:

http://www.otterwoodcapital.com/2013/08/01/sp-500-and-the-fed-balance-sh...

Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass die Notenbanken nicht mehr die (policy) Treiber, sondern eher die Getriebenen sind: Würden sie das quantitative easing einstellen, dürfte ein spektakulärer Börsencrash mit massiven Kollateralschäden anstehen.

Die Hoffnung der Notenbanken ist vermutlich, dass ein sanftes "fade out" gelingt und eine anziehende Konjunktur die Notenpresse schrittweise ersetzen kann. Aber inzwischen sind die Aktienmärkte dermassen überbewertet, dass dieser Plan kaum mehr aufgehen wird, selbst wenn sich die konjunkturellen Aussichten verbessern würden.

Es ist ein bisschen wie im Trickfilm: Solange man daran glaubt, kann man auch nach der Klippe noch weiter rennen. Aber sobald man merkt, dass man keinen Boden mehr unter den Füssen hat, geht's abwärts.

Oder wie im Märchen: Der König (Notenbank) wirft in seinem Schloss mit Geld um sich. Die Hofadligen (Finanzinstitute nahe bei der Notenbank) schnappen sich einen Teil des Geldes und stecken es in Villen oder verzocken es beim Glücksspiel (Aktienmärkte). Am Ende des Tages schaut der König über seine dicken und hohen Schlossmauern und fragt sich, warum sein Volk draussen immer noch hungert (lahmende Wirtschaft).

Sehr geehrter Herr Gast1

Der Vergleich mit dem Märchen ist das beste was ich in lezter Zeit gelesen habe.

Danke

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