Absurdes Theater

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Absurdes Theater

Von René Zeyer, 26.10.2012

Kakophonie total. Griechenland bekommt einen neuerlichen Zahlungsaufschub. Oder nicht. Mehr Hilfskredite. Oder nicht. Einen Zinserlass. Oder nicht. Ist pleite. Oder nicht?

Vielleicht hatte Shakespeare doch Recht. Die Geschichte ist wie ein Rad und dreht sich auf der Stelle. Wahrscheinlich hatte Shakespeare Recht: Unabhängig davon, in welche Richtung sich das Rad dreht, es wird übel enden. Vor allem, wenn völlig verantwortungslose Politiker in seine Speichen greifen und versuchen, es gleichzeitig in alle Richtungen zu drehen. Mit einer einzigen erkennbaren Absicht: Verzögern wir den Bankrott Griechenlands wenigstens bis nach den nächsten Wahlen.

Nadel in der Rille

Es hört sich an wie beim Abspielen einer alten Schallplatte, wenn die Nadel in einer Rille hängengeblieben ist. Frühling 2012: Mit dem neuen Hilfspaket über immerhin 130 Milliarden Euro sind die Probleme nun wirklich endgültig gelöst. Sommer 2012: Okay, ein kleines Zusatzloch von 31 Milliarden braucht etwas kreative Buchhaltung sowie die Erlaubnis für die griechische Notenbank, mal kurz ein paar Milliarden Euro herzustellen. Aus dem Nichts, für nichts. Herbst 2012: Nun ja, vielleicht braucht der Pleitestaat doch noch bis zu 20 Extramilliarden. Und wozu? Damit er statt heute erst morgen offiziell Bankrott erklären muss.

Ohne Ziel und Verstand

Dabei ist das wahre Problem: Man könnte Griechenland mit Geld zuschütten, bis selbst die Akropolis darunter verschwindet, damit würde kein einziges Problem gelöst. Die Verschleuderung von vielen Milliarden Billigkrediten dank Zugang zum Euro hat das Schlamassel angerichtet. Das Nachwerfen von vielen zusätzlichen Milliarden Billigkrediten wird es nicht wegräumen. Das ist so, wie wenn man einem krankhaften Spieler, der sein Vermögen im Casino verzockt hat, neues Geld in die Hand drückt. Der Unterschied zu Griechenland ist allerdings: Der Spieler hat eine verschwindend geringe Chance, den Jackpot zu knacken. Griechenland nicht.

Allgemeine Ermattung

Das ist aber das letzte Mal. Wenn Griechenland wieder nicht liefert, muss es die Konsequenzen tragen. Es wird keine weiteren Hilfen mehr geben. Selbst der Austritt aus der Eurozone hat seinen Schrecken verloren. Ein Staatsbankrott ist nicht ausgeschlossen. Das ist aber das letzte Mal. Wenn Griechenland wieder nicht liefert, muss es die Konsequenzen tragen. Es wird keine weiteren Hilfen mehr ... Pardon, da bin ich wohl selbst in der Rille steckengeblieben. Aber nein, ich zitiere ja nur im Schnelldurchlauf Eurokratenworte der letzten sechs Monate. Hat die Welt jemals ein absurderes Theater gesehen? Es ist nur mit allgemeiner Ermattung des Publikums zu erklären, dass nicht schon längst Tomaten und festere Gegenstände auf die Bühne des EU-Schmierentheaters fliegen.

No Staatsbankrott

«I think there will not be a Staatsbankrott in Greece», holperte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble kürzlich im fernen Singapur. Ach ja? Dürfen wir vielleicht daran erinnern, dass alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Hilfen an eine klares Ziel geknüpft waren: Bis 2020 soll sich die Schuldenlast des griechischen Staates auf 120 Prozent der Wirtschaftsleistung verringern. Multimilliarden an Hilfspaketen, einen Schuldenschnitt und allesamt gebrochene Zusagen später ist Griechenland gut unterwegs: Das BIP versinkt jedes Jahr seit Beginn der «Rettungsaktion» tiefer in der Rezession, die Staatsschulden steigen unaufhörlich auf inzwischen wieder rund 344 Milliarden Euro, mehr als 170 Prozent des Bruttoinlandprodukts. 2010 betrugen sie, hoppla, 329 Milliarden. Da sieht man wenigstens, was zwei Jahre energische Sanierung bewirken können. Und schöpft Hoffnung, dass so das Ziel im Jahre 2020 sicher erreicht wird.

Nur ein Vorspiel

Griechenland ist bekanntlich ein wirtschaftlicher Zwerg mit einem Anteil von rund 2 Prozent am BIP der EU. Selbst hier gelingt es dem gesammelten Sachverstand der Eurokraten und der europäischen Politiker nicht, aus einem vergleichsweise kleinen Schlamassel ein noch kleineres zu machen. Im Gegenteil, aus einem kleinen Fünkchen am Rande der Eurozone ist inzwischen ein Flächenbrand geworden.

Nun haben bekanntlich Spanien, Italien und Frankreich auch so ihre Probleme. Was die drei Länder nicht daran hindert, im Sinne des europäischen Hauses Multimilliardenverpflichtungen für Griechenland einzugehen. Natürlich nur in der Absicht, so schnell wie möglich selbst in die Geldtöpfe des ESM und der EZB greifen zu dürfen. Ungeniert und ohne Auflagen.

No Weltuntergang

Wenn nicht dieses, dann sicher nächstes Jahr wird man vom deutschen Finanzminister Schäuble den Satz vernehmen: «There will not be a Staatsbankrott in Spain, Italy and France.» Semantisch gesehen hat er damit, wie im Falle Griechenlands, ja Recht. Es wird keinen Staatsbankrott geben, weil der Staat schon bankrott ist. Vielleicht sollte Schäuble einfach eine etwas allgemeine Formulierung wählen, die er auch beliebig wiederholen kann: «There will not be a Weltuntergang.» Das ist ja in Europa das Einzige, was einigermassen sicher ist.

Kommentare

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«There will not be a Weltuntergang.» Das muss man sich immer wieder vor Augen halten! Denn der ganze künstlich veranstaltete Wirrwar zwischen "...oder nicht .... oder doch ... oder was...?!" soll doch nur verschleiern, wie sekundär das ganze Weltwirtschafts-Polit-Theater letztlich für die Völker ist!!!! Sobald sich das Kollektiv der europäischen, amerikanischen, asiatischen Bürger endlich mal für die Selbstverantwortung entscheiden könnte, anstatt wie bis anhin andauernd irgendwelchen geltungssüchtigen Soziopathen und ihren Strippenziehern im Hintergrund alle Gewalten zu überlassen (wie die kleinen Kinder, die von ihren Eltern erwarten das sie es schon richten werden), läuft deren verrückte Achterbahn nicht mehr. Die ganze Gilde lebt nur davon, dass sich Millionen von Menschen von diesen unfähigen, erpresserischen "Entscheidungsträgern" einreden lassen, sie könnten irgendetwas besser und seien kompetenter als alle anderen! Doch! Zwei Dinge können sie allerdings besser: Nämlich mit viel sinnlosem Geschwätz, Druck und Drohungen Verwirrung, Armut, Elend, Hass und schliesslich Kriege inszenieren und sich währenddessen skrupellos inmitten des explodierenden Chaos auf dem Rücken der enteigneten Völker bereichern. Dafür haben sie schon immer ein aussserordentliches Talent bewiesen! Solange wir ihnen den ganzen Stuss über ihre theoretischen Prioritäten zum Konstrukt Gesellschaft, zum Konstrukt Wirtschaft etc. einfach abkaufen, ohne zu hinterfragen uns von einer Ecke in die andere hetzen lassen, werden sie das auch weiterhin mit Erfolg tun. Das Resultat ist immer dasselbe! Man lerne aus der Geschichte! Brauchen wir das?

FRANKREICH: Französische Banken würden bei einer Umschuldung zu den am meisten betroffenen Instituten gehören. Nach im Juni vorlegten Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hielten sie Ende 2010 Anteile an der griechischen Staatsschuld von knapp 15 Milliarden Dollar (10,5 Mrd Euro). Noch höher ist das Risiko bei Darlehen an den Privatsektor. Allein die Crédit-Agricole-Tochter Emporiki hatte laut der US-Ratingagentur Moody's Ende März Kredite über 21,1 Milliarden Euro in ihren Büchern. Die Tochter der Société

Générale, Geniki, kam auf 3,4 Milliarden Euro. Nach Angaben von Präsident Nicolas Sarkozy sind französische Banken generell zu einer freiwilligen Beteiligung an der Griechenland-Rettung bereit. Quelle: EU-Jnfo!

Fragen eines Laien: Was geschieht, wenn über Griechenland der Bankrott erklärt wird? Was geschieht, wenn man wie bisher weiterwurstelt? Was geschieht mit anderen Ländern, über denen der Pleitegeier kreist (Italien, Spanien, evtl. auch Frankreich, Portugal)? Wer kommt bei der allgemeinen Pleite ungeschoren oder nur mit wenigen Blessuren davon?

Wie immer: brilliant geschrieben! Kompliment Herr Zeyer, Sie bringen es immer wieder auf sehr unterhaltsame Art und Weise exakt auf den Punkt ... !!

Freundlicher Gruss aus China, Hanspeter Lechner.

Ein Brennstab ist durchgebrannt. Einige andere sind massiv überhitzt. Es wird allenthalben angestrebt die Kernschmelze zu verhindern. Mit dem hölzernen Pferd der Griechen schützt man nun das heutige Troja, nämlich F R A N K R E I C H. Späte Umkehr der Geschichte oder der ausgeklügelte Versuch zur Verhinderung des Super-Gau! Ahnten es die Maya`s? ( dies ist nur ein schlechter Witz!) in Anbetracht der Weltlage.

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