Abschied vom Zürcher Grossmünster

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Abschied vom Zürcher Grossmünster

Von Journal21, 24.04.2011

Im Jahr 1519 wurde Zwingli ans Zürcher Grossmünster berufen. Von hier aus verbreitete sich die zwinglianischer Reformation. 492 Jahre später, am Ostersonntag 2011, hält hier Käthi La Roche ihre Abschiedspredigt. Sie war elf Jahre lang Pfarrerin am Grossmünster und geht jetzt in Pension. “Journal 21” publiziert ungekürzt ihre letzte Predigt.

Käthi La Roche, Pfarrerin am Zürcher Grossmünster (Foto: Medienpark/Pfander)

Gottesdienst zum Ostersonntag, 24. April 2011, im Grossmünster

DER STEIN IST FORT, DAS GRAB IST LEER ...

Abschiedspredigt von Pfarrerin Käthi La Roche

Text: Mk 16,1-8

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sehr früh, am ersten Tag der Woche kommen sie zum Grab, eben als die Sonne aufging. Und sie sagten zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch wie sie hinschauen, sehen sie, dass der Stein weggewälzt ist. Er war sehr gross. Und sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem langen weissen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagt zu ihnen: Erschreckt nicht! Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Das ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt haben. Doch geht, sagt seinen Jüngern und dem Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.

Liebe Gemeinde

Zum letzten Mal darf ich das Osterevangelium von der Kanzel verkünden – und ich freue mich sehr darüber, dass es das Osterevangelium ist, mit dem ich das Amt der Verkündigung heute niederlege. Aber es fällt mir nicht leichter als damals schon, als ich noch eine junge Pfarrerin war und zum ersten Mal eine Osterpredigt zu halten hatte: Es ist nicht einfach, von der Auferstehung Jesu zu reden – dem „Ereignis“, das unseren Glauben begründet und das doch gleichzeitig die grösste Zumutung ist an unseren Verstand. Da geriet ich all die Jahre immer wieder ins Stammeln. Wir stehen vor den biblischen Osterzeugnissen beinahe so ratlos wie die Frauen vor dem leeren Grab: Zu sehen gibt es nichts und was sie hören, verwirrt sie bloss. Und dann, heisst es, flohen sie und sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.

Wovor fürchteten sie sich? Was könnte noch schlimmer sein, als was sie bereits erlebt hatten? Sie hatten Jesus sterben sehen und waren gekommen, seinen Leichnam einzubalsamieren. Einen letzten Liebesdienst wollten sie ihm erweisen nach seinem qualvollen Tod. Doch der Tote war gar nicht mehr da.

Ich habe an vielen Gräbern gestanden im Laufe meines Berufslebens. Ich habe viele Menschen begleitet, die einen zum Sterben, die Zurückbleibenden zum Leben. Ich habe oft erlebt, dass der Tod einen stumm macht. Er beendet unser Dasein, in der einen oder anderen Weise werden wir ihn alle erleiden und können niemanden davor bewahren. Selbst wenn wir uns zu seinen Komplizen machen und ihn herbeiführen, sind wir nur scheinbar diejenigen, die über ihn bestimmen. In Tat und Wahrheit wissen wir jedoch, dass wir ihm nicht entgehen können. Darüber hinaus wissen wir – nichts! Er nimmt uns alles, auch unsere letzten Gewissheiten.

Das leere Grab, an dem die Frauen am Ostermorgen stehen, ist ein eindrückliches Bild dafür, dass ihnen alles abhanden gekommen ist. Den sie beweinen kamen, der Körper dessen, den sie geliebt hatten und den sie menschenwürdig bestatten wollten, war nicht mehr da. Nichts war mehr da. Nur die Stimme eines Engels, der ihnen sagte: Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Er ist auferweckt worden. Das leere Grab ist wie eine offene Frage, auf die wir selber keine Antwort haben. Die Antwort kommt von wo anders. Es ist Gott allein, der sie geben kann – und der sie gegeben hat, als er den Gekreuzigten auferweckt hat von den Toten.

Wie sollen wir das verstehen? Die biblischen Osterberichte erklären nichts. Sie erzählen einfach. Sie erzählen von der Erfahrung der Frauen, die Zeugen des schrecklichen Todes Jesu gewesen waren und jetzt die Erfahrung machten, dass mit seinem Tod nichts erledigt und zu Ende war, weder für seine Feinde noch für seine Freunde. Das alles beunruhigte sie sehr.

So endet das Markusevangelium und dies ist der älteste Osterbericht, den wir kennen.

Die späteren Geschichten von Erscheinungen des Auferstandenen in den anderen Evangelien sind alle jünger. Die ersten Christen waren sehr zurückhaltend in der Beschreibung dessen, was an Ostern geschah. Aber sie scheuten sich nicht, ihren Auferstehungsglauben zu bekennen. Die frühesten Zeugnisse finden sich allerdings nicht in den Evangelien, sondern in den Briefen des Apostels Paulus. Paulus wiederum sagt von sich, er sei keineswegs der erste, vielmehr der letzte der Apostel, dem der Auferstandene erschienen sei. Aber er wird nicht müde, zu betonen, dass diese Begegnung entscheidend gewesen ist für sein ganzes Leben und dass Ostern entscheidend bleibt für das Leben jedes Christenmenschen.

Es gibt, wie der Evangelist Lukas berichtet, eine berühmte Rede dieses Apostels, eine Rede, die er in Athen auf dem Aeropag gehalten hat, vor den Philosophen, der Intelligenzia und den Bürgern der Stadt, eine öffentliche Rede – im Kontext unserer Gesellschaft hätte Paulus vielleicht vom Tagi eingeladen im Kaufleuten gesprochen, wie Peter Slooterdyk oder sonst ein Prominenter. Die Menschen seien beeindruckt gewesen von seiner Performence, heisst es in der Apostelgeschichte, aber: Als sie dann von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten, andere sagten: Wir wollen dich ein andermal weiter hören. Act 17,32

Wie gesagt: Von Ostern zu erzählen – dem „Ereignis“, das unseren Glauben begründet! – war immer schon schwierig. Der Bedarf an Göttern hingegen war gross, damals in Athen, besonders wenn sie neu waren und aus dem Ausland kamen. Religion war offensichtlich ein belieb- tes und gesellschaftlich akzeptiertes Thema bei den Philosophen und beim Volk, man schämte sich ihrer nicht.

Die Athener wollten Paulus gerne kennelernen, denn schliesslich hatte dieser Mann schon viel von sich reden gemacht. Sie sagten: „Ungewöhnliches bringst du uns zu Ohren. Wir wollen gerne wissen, worum es dabei geht.“ Act 17,20 Mit liberalem Wohlwollen und fast schon postmoderner Toleranz hören sie seine allgemeine Gotteslehre: Gott ist Herr des Himmels und der Erde, er ist der Schöpfer der Menschen – wer hätte das damals bestreiten wollen? Auch das paulinische: In ihm leben und weben und sind wir. Wir sind ja seines Geschlechts, ärgerte die Athener nicht. Ihre Dichter hatten Ähnliches schon geschrieben und es entsprach ganz dem Geschmack der Zeit. Dann aber wurde Paulus für ihr Empfinden zu grob und zu konkret. Er sprach von jenem Mann aus Nazareth, von unbedeutender Herkunft, von dessen Tod am Kreuz vor den Toren von Jerusalem. Er sprach von dem starken Finger Gottes, der ihn im Tode nicht allein gelassen habe. Über Allgemeines konnte man sich ja ganz gut verständigen – aber dann auf einmal diese peinlichen Konkretionen. Da begannen sie über ihn zu spotten und sagten: Wir wollen dich darüber ein andermal weiter hören ...

Man kann die Athener verstehen, nicht wahr? Es ist ja das schwerste Stück unseres Glaubens, dass die Bergung des Lebens in dieser Weise an eine Person, an einen Ort und an ein historisches Ereignis gebunden ist. Es ist das Ärgernis des christlichen Glaubens, dass Gott sich an das Fleisch gebunden hat; an das Fleisch eines Menschen, eines Datums, eines persönlichen Schicksals. Das Ärgernis und zugleich unsere Chance. Weil wir sowenig abstrakt glauben wie abstrakt lieben können: selbst im Zeitalter von Internet und virtueller Kommunikation braucht ein liebender Mensch die Konkretion! Denn lieben kann man nur „mit Herzen, Mund und Händen“ und Küssen kann man nur zu zweit ...

Könnte es sein, dass es heute im Christentum selber, zumindest in unseren Breitengraden, erneut eine Flucht ins Allgemeine gibt? Die meisten Leute sagen von sich: „Doch doch, natürlich, wir glauben schon auch etwas. Aber all diese Geschichten in der Bibel, die kann doch heutzutage kein Mensch mehr wörtlich nehmen, nicht wahr? Und die kirchliche Lehre und der ganze Ballast der theologischen Überlieferung ... Wir wollen das mal nicht mehr so eng sehen. Lasst uns doch Ostern feiern als ein Fest des Wiedererwachens der Natur in Feld und Wald! Ist denn solche Erfahrung nicht auch eine zutiefst spirituelle? Ein Frühlingsfest, an dem die Erneuerung des Lebens begangen wird, alle Jahre wieder, was ist dagegen einzuwenden? So verstehen doch alle viel besser, was mit Auferstehung gemeint ist.“

Die Frage ist allerdings: Was wird dann aus dem Christenglauben, wenn er nicht mehr ist als eine religiös imprägnierte Lebensphilosophie, der alle gebildeten und aufgeklärten Menschen damals in Athen und heute in Zürich zustimmen können? Und wenn das, worauf wir uns verlassen, nichts anderes ist als die Gewissheit, dass auf jeden noch so langen Winter auch ein neuer Frühling folgen wird, auf jedes „Stirb“ ein „Werde“ ... wenn ichs denn noch erlebe und nicht vorher umgekommen bin! Reicht solche Naturfrömmigkeit tatsächlich aus zum Leben – und zum Sterben! - auch für Menschen, die in Bedrängnis sind, innerlich und äusserlich?

Vielleicht hat man in der Kirche den Gläubigen allzu lange dogmatische Wahrheiten und theologische Sätze von der Inkarnation, vom Kreuz und von der Auferstehung vorgeworfen wie Nüsse, die sie ungeknackt verschlingen sollten – einfach für wahr halten, ohne sie verstehen zu wollen. Heute droht eher die Gefahr, dass uns die Nüsse abhanden kommen und damit auch ihr guter Kern. Die biblischen Ostergeschichten erklären gar nichts, aber sie erzählen etwas, ganz konkret, was sich festmachen lässt an bestimmten Menschen, an bestimmten Ereignissen, an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit. Anders lässt sich vom lebendigen Gott nicht reden, der eben kein abstraktes Prinzip ist, sondern ein Gott des Lebens und der Liebe, der Beziehung und überraschenden Begegnung: Schöpfer, Retter und Erlöser.

Man kann, was man glaubt, nicht erklären. Höchstens so, wie man jemandem seine Liebe erklärt. Aufgrund ganz konkreter Erfahrungen, in Verbindung mit ganz konkreten Ereignissen, an ganz bestimmten Orten, zu ganz bestimmten Zeiten. Es liegt am Empfänger einer solchen Erklärung, ihr Glauben zu schenken. Dann erst kann sie sich als wahr erweisen.

Es gab viele Begegnungen und Erfahrungen in den vergangenen zwölf Jahren, in denen ich Pfarrerin sein durfte, die mich in meinem österlichen Vertrauen bestärkt haben – die heitersten mit Jugendlichen, die bewegendsten mit älteren Menschen, die schönsten in unseren Gottesdiensten. Dieses Vertrauen lässt mich heute dankbar und zuversichtlich in die Zukunft blicken, auch wenn mich manchmal das Erschrecken packt angesichts der Tatsache, dass meine Zeit am Grossmünster nun unwiderruflich zu Ende ist. Ein wichtiges Kapitel in meinem Leben ist geschlossen. Partir, ç’est toujours un peu mourir ... Aber es gibt nichts zu beweinen oder einzubalsamieren. Ich lasse mir sagen, was sich auch die Frauen am Ostermorgen sagen liessen: Der Stein ist weg, das Grab ist leer, wie eine offene Frage, die nach einer Antwort verlangt. Und die Antwort, die nicht aus uns selber kommt, heisst: Christus ist auferstanden! Darauf lasst uns trauen. Es fängt ein neues Kapitel an. Für Sie als Gemeinde und auch für mich.

Leben ist immer Leben in konkreten Beziehungen. Aber jede Beziehung – meine Beziehung zu anderen Menschen, zu mir selber, auch meine Beziehung zu Gott, hat ein Ende, denn ich bin ein endliches Geschöpf und werde nicht ewig dasein, nicht ewig dasein müssen, gottseidank. Gottes Beziehung zu uns jedoch, seine Liebe zu jedem Einzelnen, den er ins Leben gerufen hat, die endet nie. Gott ist der Lebendige und immer ist er es, der uns ruft: wenn wir geboren werden und wenn wir sterben, wenn wir an Gräbern stehen, wenn wir über Schwellen gehen, wenn wir selbst am Ende sind – er ruft uns zu sich, ins Leben. Das sagt der Engel den Frauen am Grab: Ihr habt nichts zu fürchten. Sein Ja zu uns ist stärker als alles Nein in uns und gegen uns, seine Liebe ist stärker als alles, was uns bedroht. Sie hat ein Gesicht, sie hat einen Namen, sie zeigt sich uns in Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Er, der diese Liebe bezeugt hat mit seinem ganzen Leben und noch in seinem Sterben, der Gottes Barmherzigkeit verkörpert hat bis in den Tod am Kreuz, ihn hat Gott auferweckt, als Erstling von den Entschlafenen, wie es bei Paulus heisst. In ihm ist Gott selber da und dieses Dasein Gottes ist nicht wie unser Dasein ein endliches, sondern ein Dasein für uns und mit uns in Ewigkeit. Im Glauben, im Vertrauen auf den Auferstandenen, haben wir daran teil. Das ist das Geheimnis von Ostern, das umso geheimnisvoller wird, je besser man es versteht – nicht mit dem Verstand, aber mit dem Herzen.

Christus ist auferstanden! Er ist es, der unsere natürliche Angst vor dem Tod in eine österliche Sorge für das Leben verwandeln kann und das möchte ich mir zu Herzen nehmen und Ihnen ans Herz legen: Österliche Sorge für das Leben, Aufmerksamkeit für das, was not tut, für die, die hier und heute uns begegnen im ganz konkreten Beziehungsgefüge unseres Daseins, immer neu, immer anders. Uns selbst und das Dasein und Sosein anderer Menschen bejahen, die Kostbarkeit und die Endlichkeit des Augenblicks, im Miteinander und Füreinander, in Dankbarkeit und im Vertrauen, dass nicht der Tod das letzte Wort hat über uns und die Welt, sondern der barmherzige Gott, der uns ins Leben ruft, immer ins Leben. Fröhliche Ostern. Amen.

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