80 Jahre seit dem Massaker von Babyn Jar

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80 Jahre seit dem Massaker von Babyn Jar

Von Reinhard Meier, 30.09.2021

Am 29. und 30. September 1941 sind in einer Sandschlucht bei Kiew von den deutschen Besatzern über 30’000 Juden erschossen worden. Über die Gestaltung einer angemessenen Gedenkstätte wird immer noch gestritten.

In den Tagen vor dem Massaker wurden vom deutschen Besatzungskommandanten alle Juden in Kiew  aufgefordert, sich am 29. September 1941 morgens um acht Uhr an einer bestimmten Strassenkreuzung einzufinden. Sie sollten ihre Dokumente, Geld, Wertsachen und warme Kleidung mitbringen. «Jeder Jude, der diese Anordnung nicht befolgt, wird erschossen», hiess es in dem auf Deutsch, Ukrainisch und Russisch formulierten Aufruf. 

Die betroffenen Einwohner (mehrheitlich Frauen, alte Menschen und Kinder, die meisten Männer kämpften in der Roten Armee) wurden von deutschen Polizei- und SS-Truppen an den Rand der nahen Schlucht Babi Jar geführt. Dort wurden in den beiden Tagen des 29. Und 30. September 33’771 Juden erschossen, wie es in einem nach Berlin geschickten Polizeirapport hiess. Die deutschen Truppen hatten erst zehn Tage zuvor die Hauptstadt der damaligen Sowjetukraine erobert.

Das Töten in der Sandschlucht von Babi Jar (der ukrainische Name Babyn Jar für die «Weiberschlucht» hat sich erst in den letzten Jahren durchgesetzt) war mit diesem unfassbaren Massaker aber noch längst nicht zu Ende. In den zwei Jahren der deutschen Besetzung sind nach Schätzungen von Historikern auf diesem Gelände weitere 70’000 bis 100’000 Menschen ermordet worden. Zwei Drittel unter diesen Opfern waren Juden, andere waren sowjetische Kriegsgefangene, Partisanen, Roma, Geistliche und Invalide.

Nächste Woche, am 6. Oktober, findet in Kiew eine offizielle Gedenkfeier zum 80. Jahrestag des Massenmordes vom 29./30. September 1941 statt. Neben dem ukrainischen Präsidenten Selenski werden das deutsche und das israelische Staatsoberhaupt, Frank-Walter Steinmeier und Isaac Herzog an der Veranstaltung teilnehmen. Der russische Präsident Putin wird nicht dabei sein. Das ist schon deshalb nicht völlig selbstverständlich, als Putin immerhin das Land vertritt, das sich formell als Erbe der Sowjetunion versteht, zu der damals auch die Sowjetukraine und deren Hauptstadt Kiew gehörte.

Anzunehmen ist wohl, dass die ukrainische Regierung Putin gar nicht zu der Gedenkveranstaltung eingeladen hat. Und selbst wenn sie das getan hätte, würde der Kremlchef kaum an dem Kiewer Anlass erscheinen. Zu so einer Demonstration gemeinsamer Vergangenheit und Tragik ist das heutige Verhältnis zwischen den beiden Nachbarländern seit der russischen Annexion der Krim und der militärisch-politischen Einmischung im Donbass allzu gespannt und zerrüttet. Das Verbrechen von Babyn Jar hatte zwar in der öffentlichen Wahrnehmung nie die Bedeutung einer zentralen Chiffre für den Holocaust wie etwa die Ortsnamen von Auschwitz oder Mauthausen. Doch konsequent verschwiegen oder vergessen war diese Stätte unglaublicher Massentötungen nach dem Kriege nicht. Schon 1946 fand in Kiew ein erster «Prozess zu den Gräueltaten der deutsch-faschistischen Aggressoren» statt. Zwölf Kriegsverbrecher, die mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatten, wurden aufgrund dieses Verfahrens im Zentrum der Stadt hingerichtet.

Allerdings war das Sowjetregime bestrebt, aus politischen Gründen die Tatsache zu verschleiern, dass die grosse Mehrheit der Opfer von Babyn Jar jüdische Bürger waren. Schon im ersten Bericht einer Staatskommission zur Untersuchung deutscher Kriegsverbrechen in der Sowjetunion liess der damalige Stalin-Vertraute Molotow das Wort «Jude» durch «friedliche sowjetische Bürger» ersetzen. Auch beim ersten Denkmal in Babyn Jar, das 1976 während der Breschnew-Herrschaft errichtet worden ist, wurde bei der Inschrift die gleiche Formel gebraucht.

Gegen das Vergessen und vor allem gegen diese Ausblendung eines wesentlichen Wahrheitsaspekts der Kiewer Tragödie waren aber schon zuvor in der Sowjetunion kritische Stimmen laut geworden. 1961 veröffentlichte der damals sehr populäre Schriftsteller Jewgeni Jewtuschenko sein Gedicht «Babij Jar», das weit über die Sowjetunion hinaus grosses Aufsehen erregte. Einige Jahre später publizierte die sowjetischen Zeitschrift «Junost» einen dokumentarischen Roman über das Baby Jar-Massaker des jungen Autors Anatoli Kusnezow. Dieser hatte als Zwölfjähriger die Erschiessungen oberhalb der Schlucht beobachtet. Als er Ende der 1960er Jahre nach England emigrierte, erschien sein Roman «Babij Jar» im Westen in ungekürzter Form. Es ist noch heute eine aufwühlende Lektüre.

Babyn Jar hat inzwischen einen festeren Platz in der ukrainischen Geschichte als zuvor in sowjetischen Zeiten. Doch um die Frage der Gestaltung dieses tragischen Erinnerungsortes schwelen weiterhin komplizierte Kontroversen. Auf dem weitläufigen Gelände der früheren «Weiberschlucht», die zunächst von den deutschen Besetzern und später durch einen Dammbruch zugeschüttet und dann durch die Ausbreitung des Kiewer Stadtgebietes zugebaut wurde, gibt es inzwischen über dreissig verschiedene Denkmäler und Gedenkstelen. Sie sind verschiedenen Opfergruppen gewidmet und von unterschiedlichen Interessengruppen errichtet worden.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht seit einigen Jahren die Frage, wer die Planung und Finanzierung eines modernen Gedenk- und Museumskomplexes auf diesem Gelände übernehmen soll. Es stehen sich zwei rivalisierende Projekte gegenüber. Das eine Projekt wird vom russischen Geschäftsmann und Multimilliardär Michail Friedman und einigen Mitstreitern vorangetrieben. Friedman ist zwar in der westukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg) aufgewachsen und entstammt einer jüdischen Familie. Doch er lebt und betreibt seine Geschäfte hauptsächlich in Russland und gilt in den Augen seiner ukrainischen Kritiker als Putin-Gefolgsmann.  

Aus diesem und andern Gründen haben um die 700 ukrainische Intellektuelle in einer Petition gefordert, dass der ukrainische Staat und nicht «russische Geschäftsleute» die Gedächtnispolitik um die Tragödie von Babyn Jar kontrollieren müsse. Die Kritiker, zu denen auch ukrainisch-jüdische Organisationen gehören, argwöhnen, dass die Regierung Selenski und die Kiewer Stadtbehörden den Projekten Friedmans und seiner russischen Mitunternehmer allzu einseitig entgegenkommen werde, was wiederum das heutige ukrainische Geschichtsverständnis ausblenden könnte. Tatsache ist indessen, das offiziell noch nichts Definitives über die Gestaltung des in Aussicht genommenen aufwendigen Babyn-Jar-Museums entschieden ist.

Ob diese Unentschiedenheit bis zum nächsten runden Gedenktag an das gnadenlose Morden in der Kiewer «Weiberschlucht» überwunden sein wird, ist etwa so unberechenbar wie die Frage, ob möglicherweise dann auch Putin – oder sein Nachfolger im Kreml – mit dabei sein wird.

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