In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Zwei Städte, die die Welt beneidet
Von Elisabetta Calegari und Birgit Eger
Die Berge sind zwar weiterhin das Symbol der Tourismuswerbung, aber die grosse Mehrheit der Schweizer Bevölkerung lebt am Wasser.
Ein See oder Fluss prägt die Landschaft in vielen Städten und Agglomerationen der Schweiz. Zürich und Lugano haben nicht nur die herrliche Seelage gemeinsam. Sie sind auch Mittelpunkt einer aufstrebenden Region mit den entsprechenden Herausforderungen im Bereich Arbeitsmarkt, Mobilität und Verkehr. Damit stehen sie stellvertretend für den urbanen Lebensraum der Schweiz, auf den dieses Land stolz sein kann und den die Welt oft bewundert.
Ranking der lebenswertesten Städte
Ausgangspunkt für einen Vergleich der beiden Zentren ist das Städte- Ranking des Beratungsunternehmens Wüest & Partner von 2012. Zürich steht an erster Stelle, während Lugano in diesem Ranking den 30. Rang belegt. Zürich ist unbestritten Weltklasse, aber auch eine Stadt wie Lugano bietet hohe Lebensqualität, auch wenn sich dies nicht direkt im Ranking zeigt.
Im besagten Städte-Ranking wurden elf Themen mit diversen Variablen berücksichtigt. Die ausschlaggebenden Kriterien sind gemäss Tabelle vor allem «weiche» Faktoren wie Kultur und Erholung, aber auch «harte» Faktoren wie etwa Arbeitsmarkt. Die Themen werden alle als gleich wichtig eingestuft, aber sie setzen sich aus insgesamt mehr als 120 Variablen zusammen.
- «Gerade das Beispiel Lugano zeigt aber, dass die Lebensqualität in einer Stadt auch hoch sein kann, ohne dass sich dies in einem Ranking niederschlägt.» Corine Mauch, Stadtpräsidentin Zürich
Was zum Beispiel die Einkaufs-Infrastruktur anbelangt, wurde neu indiesem Jahr die Variable «Swissness-Ladenmix» beachtet; im grenznahen Einkaufsgebiet von Lugano sind allerdings typisch schweizerische Anbieter wie Bally, Globus oder Franz Carl Weber wahrscheinlich nicht sehr gefragt, weil gerade das italienische Design auch Shopper aus der Deutschschweiz anlockt.
Luganos Schwächen und Stärken
Die Stärken von Lugano liegen gemäss Ranking bei den Themen Erholung, Kultur und Freizeit. Heute mehr denn je wird die Stadt am Golf des Luganersees «das kleine Rio de Janeiro» genannt. Die Schwächen sind vor allem bei den Themen Gesundheit und Sicherheit, Soziales, sowie Mobilität und Verkehr zu finden. Aber in puncto Verkehr hat die Stadt grosse Investitionen getätigt, eines der wichtigsten Projekte ist der neue Tunnel im Rahmen der regionalen Verkehrsplanung: Am 26. Juli dieses Jahres wurde nach siebenjähriger Bauzeit der langersehnte Umfahrungstunnel Galleria Vedeggio-Cassarate eingeweiht. Der 2,8 Kilometer lange Tunnel führt von der Autobahnausfahrt Nord ins Cassarate-Tal nördlich des Fussballstadions Cornaredo, wo auch eine Parkand-Ride-Anlage ist, und soll die Innenstadt entlasten. Der neue Tunnel ist der Anfang eines neuen urbanen Mobilitätskonzeptes. Auf den Bussen der Stadt wurde mit dem folgendem Slogan auf die Eröffnung hingewiesen: «Cambiamo il traffico, prima che il traffico cambi la città» (Wir verändern den Verkehr, bevor der Verkehr die Stadt verändert).
Ein weiteres erfolgreiches Verkehrsprojekt ist der TILO (TILO steht für Ticino- Lombardia), die Tessiner S-Bahn, deren Linien S10 und S30 grenzüberschreitend vom Tessin in die Lombardei verkehren. 2010 wurden von TILO mehr als 7,3 Millionen Passagiere befördert, das entspricht einem Zuwachs von 7 Prozent. Es gibt direkte Verbindungen in die umliegenden Grossstädte Italiens; beispielsweise mit dem TILO der Linie S10 dauert es nur 20 länger als mit dem EC-Zug, nämlich eine Stunde und 22 Minuten von Lugano bis direkt ins Zentrum von Mailand. Für 2013 ist auch der Betrieb auf der neuen Strecke Mendrisio-Varese geplant, wodurch auch der Flughafen Mailand- Malpensa besser angebunden wird (S40 und S50).
Lugano wird zur Grossstadt
Luganos unaufhaltbare Verschmelzung mit den Aussengemeinden ist beinahe abgeschlossen. Seit 2004 wurden unter anderem Breganzona, Cureggia, Davesco-Soragno und der Grenzort Gandria eingemeindet. Mit diesem Zusammenschluss hat sich die Fläche der Stadt mehr als verdoppelt. Anfang 2013wird Lugano nach der geplanten Fusion mit weiteren Vorortsgemeinden die flächenmässig zweitgrösste Stadt der Schweiz sein.
Lugano ist auch wegen seiner grenznahen Lage ein enorm wichtiges Zentrum einer ganzen Region. Die Stadt selbst scheint mit zirka 59'000 Einwohnern zwar relativ klein, aber man müsste eigentlich auch die umliegenden Städte der Lombardei einbeziehen: Como in nur 30 km Entfernung hat 85'000 Einwohner und in der Provinz Como leben mehr als eine halbe Million Personen. Auch Varese mit 81'000 Einwohnern in der Stadt und 883'000 in der Provinz (mit Städten wie Saronno) gehört zum Einzugsgebiet von Lugano (Daten: ISTAT 31.12.2010). Bei dieser Berechnung wird ersichtlich, welche Bedeutung Lugano tatsächlich in der Region Sottoceneri-Como-Varese hat.
Highlight Kultur in Lugano
Mit dem geplanten Kulturzentrum LAC (Lugano Arte e Cultura) rüstet sich Lugano dafür, innerhalb des europäischen Kulturpanoramas eine auch international renommierte Position einzunehmen. Das neue Zentrum mit einem riesigen Theater- und Konzertsaal wurde vom Architekten Ivano Gianola entworfen, einem der bedeutendsten Vertreter der Tessiner Schule, zu der Architekten wie Mario Botta, Livio Vacchini oder Luigi Snozzi gehören. Die Eröffnung ist für 2014 geplant, es laufen aber bereits einige Projekte unter dem Logo LAC, zum Beispiel eine höchst interessante Reihe von Veranstaltungen unter dem Namen «Un capolavoro per Lugano aspettando il LAC».
Die Stadt Lugano hat in diesem Jahr auch eine Bevölkerungsbefragung durchgeführt. Das Ziel war unter anderem auch, die Erwartungen der Bevölkerung an das zukünftige Kulturangebot des LAC zu ermitteln. Eine Tessiner Zeitung berichtete darüber unter dem Titel: «Dimmi che gustivuoi...» (Sag mir deinen Geschmack und ich gebe dir die Kultur, die du willst...).
Zürichs Stärken und Schwächen
Die Stärken von Zürich liegen eindeutig bei der Bildung, Arbeitsmarkt, und gemäss Ranking auch bei Mobilität und Verkehr. Obwohl die öffentlichen Verkehrsmittel sicher geschätzt werden, ist allerdings in der letztjährigen Bevölkerungsbefragung der Verkehr auch eines der dringendsten Probleme der Stadt.
- "Dass Zürich im städte-Ranking prämiert wird, macht mich als Schweizer stolz. als Stadtpräsident zeigt es mir, was wir noch machen müssen, um das Zürcher Niveau zu erreichen." Giorgio Giudici, Stadtpräsident Lugano
Die folgenden Problemfelder haben gemäss Befragung an Bedeutung gewonnen: Verkehr, Baustellen und vor allem Wohnungen, wobei hier eine stark sinkende Zufriedenheit über die letzten vier Jahre zu verzeichnen ist. Am zufriedensten sind die Zürcher mit den Ausgehmöglichkeiten, mit dem Kulturangebot, den Sportanlagen und Schwimmbädern. (Daten: Bevölkerungsbefragung der Stadt Zürich 2011). Für die Lebensqualität der Limmatstadt ist abgesehen von ihrer Bedeutung als Wirtschaftsstandort wahrscheinlich gerade die Lage am Wasser ausschlaggebend. Die vielen See- und Flussbäder geben der Grossstadt einen zusätzlichen hohen Freizeitwert.
Die ehemalige «A-Stadt» der Probleme der 90er Jahre (wobei A ist Abhängige, Arbeitslose und Alte), hat sich zu einer Stadt der A-Klasse gewandelt. Als Beispiel dafür unter anderem die heutige schöne Freiluftbadi mit gutbesuchter Bar im Lettenpark, der früher weltweit als «needle park» für negative Schlagzeilen sorgte. Sehr beliebt sind auch die «Frauenbadi» mit romantischen Holzdecks am Stadthausquai, die abends zur «Barfussbar» wird, und auch die Männerbadi am Schanzengraben, mit der entsprechenden Bar «Rimini» abends.
Das trendige Zürich-West
Der Wirtschaftsstandort Zürich setzt ganz auf das neue urbane Quartier Zürich-West, eines der Vorzeigeprojekte der Stadt. Dort steht auch der Prime Tower, das höchste Gebäude der Schweiz, der laut Bericht im Tagesanzeiger («Der Tower sticht das alte Zürich aus») schon fast zum neuen Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Bei der Entwicklung des Quartiers Zürich West legte die Stadt nach Aussage des Präsidialdepartements von Beginnan den Fokus auf Kultur. Die ehemalige Industriezone wurde gezielt umgebaut, ein erster Schritt war der Schiffbau als zweite Bühne des Zürcher Schauspielhauses. Aus den ehemaligen Industrienutzungen in einer Schiffwerft, einer Brauerei und einer Molkerei entstehen neue Nutzungsformen im Bereich Kultur. Ein aktueller kultureller Anlass in Zürich West ist die Projektinitiative «Art and the City», die noch bis Ende September läuft.
Ist Lugano auf dem 30.Rang am richtigen Platz?
Die Bedeutung der allgemein immer beliebteren Rankings ist allerdingsrelativ, um nicht zu sagen fragwürdig. Es handelt sich bisweilen um einen Vergleich zwischen mathematisch nicht vergleichbaren Grössen. Die Variablen und die Subjektivität der Beurteilungskriterien lassen viel Raum für verschiedene Auslegungen. Das Meinungsforschungsinstitut Isopublic AG zum Beispiel hat vor kurzem die Rangliste der beliebtesten Städte und sympathischsten Kantone mit direkten Personenbefragungen ermittelt (im Sonntagsblick vom 5.8.2012 veröffentlicht).
Für das Städteranking wurden 1056 Personen in der Deutschschweiz und in der Romandie befragt; für das Kantonsranking waren es 1326 Personen. Wie aus der Grafik auf der linken Seite ersichtlich wird, belegt Lugano den vierten Rang, nach Bern, Luzern und Zürich.
Wir haben zwei Städte am See verglichen, die eine liegt im Norden, die andere im Süden, aber doch haben sie einiges gemeinsam. Ausgangspunkt des Vergleichs war das Städte-Ranking. Zürich ist sicherlich - wie Spanien in der Fussballrangliste - fraglos an der Spitze, aber Lugano hat viel mehr zu bieten, als die Platzierung vermuten lässt, und hat als bald zweitgrösste Stadt sicherlich den Anschluss an die Entwicklungen in der Gesamtschweiz gefunden.
Corine Mauch, Stadtpräsidentin, Zürich: "Unsere guten Platzierungen sind sicher ein Kompliment für Zürich. Sie sind auch ein Indiz, dass wir weiterhin auf einem guten Weg sind. Gerade das Beispiel Lugano zeigt aber, dass die Lebensqualität in einer Stadt auch hoch sein kann, ohne dass sich dies in einem Ranking niederschlägt. Welche Wirkung die Rankings tatsächlich haben, ist schwierig abzuschätzen. Ich vermute aber, dass die lange Serie von Top-Platzierungen ab 2001 auch hier vor Ort in Zürich mitgeholfen haben, nach den krisenbehafteten 90er Jahren die Zuversicht und das Selbstvertrauen in die Stadt zurückzubringen. Zürich ist heute in der glücklichen Lage, verschiedenen Zielgruppen in verschiedenen Bereichen sehr attraktive Rahmenbedingungen bieten zu können: Familien profitieren von einem ausgebauten Angebot bei der Kinderbetreuung. Studierende haben die Wahl zwischen ausgezeichneten Hoch- und Fachschulen. Berufstätige finden interessante und gut bezahlte Jobs. Auf die ganze Bevölkerung und unsere Gäste aus Nah‘ und Fern wartet ein qualitativ hochstehendes und breites Kultur- und Freizeitangebot. Die Wirtschaft profitiert von guten Rahmenbedingungen, z.B. von einer modernen und leistungsstarken Infrastruktur. Unsere hohe Attraktivität hat zur Folge, dass der Wohnraum knapp ist und die Mieten für die Bevölkerung aber auch für die Gewerbetreibenden tendenziell steigen. Es wird zwar viel gebaut, aber es wollen noch mehr Menschen hier wohnen. Auch der Verkehr ist ein immer wiederkehrendes Thema. Der Platz in der Stadt für den Verkehr ist begrenzt. Unsere Strassen werden nicht breiter. Wir müssen schauen, wie wir das zu erwartende Verkehrswachstum möglichst effizient bewältigen können. Beim Wohnen und beim Verkehr hat der Stadtrat entsprechende Programme gestartet, um diese Herausforderungen anzugehen."
Giorgio Guidici, Stadtpräsident Lugano "Solche Vergleiche sind auf jeden Fall anregend; die Tatsache, dass Zürich in diesem Ranking prämiert wird, macht mich als Schweizer stolz, und als Stadtpräsident von Lugano zeigt es mir, welche Schritte wir noch machen müssen, um das Niveau von Zürich zu erreichen. Lugano arbeitet sehr intensiv daran, die Qualität seiner Dienstleistungen zu verbessern, und ich bin überzeugt, dass das bald auch Beachtung bei den Faktoren findet, die zur Berechnung der Positionen dienten. Der grösste Vorteil ist Luganos geografische Lage innerhalb Europas, eine Art Scharnier zwischen Nord- und Südeuropa, eine offene Stadt mit Brückenfunktion zwischen den Kulturen des Südens und des Nordens. Die Stärken stammen zum Teil aus der geschichtlichen Entwicklung, aber zum Teil kristallisieren sie sich gerade in neuster Zeit heraus. Lugano bietet eine wunderbare Landschaft, als Grundlage für die Tourismusindustrie. Dann haben wir den Tessiner Finanzplatz, der drittwichtigste der Schweiz; obwohl der Bereich heute in Schwierigkeiten ist, sind meiner Meinung nach die Bedingungen für ein qualifiziertes Wachstum gegeben. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich ausserdem auch die New Economy als Teil der Wissensgesellschaft entwickelt, hier steckt ein interessantes Potential für die Stadt. Interessant ist auch die Entwicklung im Forschungsbereich mit Anwendung im Gesundheitswesen. (Siehe z.B. das Abkommen zwischen dem Cardiocentro Lugano und dem Universitätsspital Zürich). Die Hauptschwäche liegt, wie fast bei jeder aktiven, dynamischen Stadt, bei der Mobilität. Es wird heute daran gearbeitet, um sich mit einem integrierten modernen Verkehrssystem auszurüsten, aber der Weg ist noch lang, trotz der beträchtlichen Summe an laufenden und bereits getätigten Investitionen. In diesem Bereich wurden in der Vergangenheit grosse Fehler gemacht; heute aktiv eingreifen in einer Stadt wie Lugano, - die sich in der Zwischenzeit städtebaulich stark entwickelt hat, auf einem morphologisch komplexen Gebiet mit Tälern, Ebene, Hochebene, Hügel und Berge – das ist nicht einfach und braucht seine Zeit."
























