J.P.Morgan & Co.
René Zeyer

Zockerei und Risiko

Im sogenannten Eigenhandel stehen Multimilliarden auf dem Spiel

Von René Zeyer

Die Grundlage jeder Zockerei ist: ja oder nein. Gewinn oder Verlust. Es ist ein Nullsummenspiel ohne Wertschöpfung. Was einer gewinnt, verliert ein anderer. Nach der UBS hat es jetzt den Branchenprimus J.P.Morgan Chase erwischt.

Wie häufig im modernen Banking handelt es sich bei der Derivatezockerei um die Perversion eines an und für sich guten Finanzinstruments: des Terminhandels. Das bedeutet, dass eine Vertragspartei ein zukünftiges Risiko übernimmt. Der Klassiker: Ich kaufe heute eine im Herbst einzufahrende Ernte. Mein Risiko besteht darin, dass der zukünftige Preis unter dem heute von mir bezahlten liegen kann. Der Vorteil für den Produzenten ist, dass er heute schon über das nötige Kapital für die Erzielung der Ernte verfügt. Sein Risiko ist, dass er in Zukunft einen höheren Preis dafür hätte bekommen können. Sinnvolle und saubere Sache.

Die Perversion

Das Prinzip des Termingeschäfts wird von den modernen Zockerbankern in der virtuellen Welt der Derivate angewendet. Derivate sind Ableitungen eines realen Werts, beispielsweise eines Börsenindizes, eines Korbs von Aktien, Fonds, jeder beliebigen Sache, die eine überprüfbare Preisentwicklung hat. Da sind der Fantasie bei Wetten auf die Zukunft keine Grenzen gesetzt; es können auch Todesfallversicherungen sein, bekannt als «Death Bets». Allen diesen Derivaten sind zwei Dinge gemeinsam: Es sind Wettscheine ohne eigenen Wert. Und durch ihren Handel entsteht keine Wertschöpfung, was einer gewinnt, verliert ein anderer. Es ist ein aufgeblasenes Nullsummenspiel.

Die Perversion der Perversion

Ich wette darauf, dass der nächste Wurf des Würfels eine Sechs zeigt. Meine Chancen stehen eins zu sechs, jedes Mal aufs Neue, und wenn mein Portemonnaie leer ist und mir niemand einen Kredit gibt, muss ich aufstehen und nach Hause gehen. Das ist normale Zockerei. Im modernen Derivatzocken wird zusätzlich noch gehebelt, ich erhöhe meinen eignen Wetteinsatz um den Faktor 40, 50 oder mehr, mit geliehenem Geld. Das ist bekanntlich durch die verbrecherische Zinspolitik der Notenbanken faktisch gratis. Ich schliesse mit eigenen 10 Millionen Wetten über 510 Millionen ab. Im Fall des Totalschadens sind nicht nur meine 10 Millionen weg, sondern auch die geliehenen 500. Also reiner Kamikaze.

Risikomanagement

Aber nein, sagt nun der moderne Banker, so verantwortungslos geht das im modernen Hightech-Finanzhandel natürlich nicht zu, was für eine unqualifizierte, laienhafte und dumme Vereinfachung. Zunächst einmal machen wir ja Absicherungsgeschäfte, wenn die Wahl also Rot oder Schwarz ist, dann setzen wir gleichzeitig auf Rot und Schwarz. Einfach ein kleines Bisschen mehr auf eine Seite, zum Beispiel Rot. Wenn die Roulettekugel auf eine rote Zahl rollt, haben wir einen Gewinn gemacht. Fällt sie auf Schwarz, dann hält sich unser Verlust in überschaubaren Grenzen. Und warum setzen wir etwas mehr auf Rot? Haha, weil ellenlange mathematische Formeln, Algorithmen, modernste mathematische Wahrscheinlichkeitsrechnungsmodelle uns dabei unterstützen, die richtige Entscheidung zu treffen. All diese Berechnungen entwickeln aus der qualifizierten Analyse der gesamten Vergangenheit die wahrscheinlichste Tendenz in der Zukunft. Mit mathematischer Präzision, praktisch unfehlbar.

Das Unvorhersehbare

All dieses im Gestus der wissenschaftlichen Überlegenheit dargebotene Gedöns hat zunächst einen fundamentalen Fehler. Im Gegensatz zur Vergangenheit enthält die Zukunft Unvorhersehbares. 9/11 oder Fukushima, um nur zwei Beispiele zu nehmen, machten auf einen Schlag alle vorhergehenden Prognoseanalysen reif für den Papierkorb. Und dann hat die Methode noch einen zweiten Kopfschuss. Die sorgfältige Analyse zum Beispiel der Entwicklung des US-Immobilienmarktes der letzten Jahre kam zu einem eindeutigen Schluss: Er hat sich kontinuierlich nach oben entwickelt, also ist klar, dass er das auch weiterhin tun wird. Die Tatsache, dass er dann plötzlich kippte, war in all diesen Analysemodellen selbstverständlich nicht antizipiert, deshalb «unvorhersehbar».

Der menschliche Faktor

Die UBS versucht, den 2-Milliarden-Schaden, den ein einziger Händler in London anrichtete, als singuläres menschliches Versagen herunterzuspielen, für das dann ebenfalls ein Einzelner, der damalige CEO Oswald Grübel, die Verantwortung übernahm. J.P.Morgan geht nach ihrem 2-Milliarden-Verlust immerhin einen Schritt weiter und spricht von «Irrtümern, Schlamperei, schlechtem Urteilsvermögen», die Deals seien «schlecht geprüft, schlecht ausgeführt und schlecht überwacht» worden. Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht nur um das Versagen eines Einzelnen, sondern um ein Versagen des gesamten Risikomanagements. Ein Schritt in die richtige Richtung. Die richtige Konsequenz wäre allerdings: Das Risiko dieser Art von Zockerei ist prinzipiell unbeherrschbar.

Womit wurde gezockt?

Offensichtlich handelt es sich bei der Zockerei von J.P.Morgan um Wetten mit synthetischen Derivaten im CDS-Markt, also im Handel mit Kreditausfallversicherungen. Synthetische Derivate sind dabei Ableitungen von Derivaten, also Wettscheine, die auf Wettscheinen aufbauen. Oder um hellen, unkontrollierbaren Wahnsinn. Die Hersteller, Mathematiker und Physiker, verstehen zwar einigermassen die zugrunde liegenden Formeln, haben aber keine Ahnung von der Anwendung. Die Benützer, die Händler oder Zocker, haben keine Ahnung von den Bauplänen ihrer Wettscheine, wissen aber, wie man damit spielt. Eine teuflische Mischung. Noch teuflischer wird sie dadurch, dass der damit betriebene sogenannte Eigenhandel gar keiner ist. Denn die Spieler zocken nicht mit gehebeltem eigenem Geld, sondern mit dem Geld der Besitzer ihrer Bank, der Aktionäre. Und genau so sehen die Aktienkurse der meisten Finanzinstitute aus.

Kommentare

Kleine Korrektur. Sie schreiben:

"Im Gegensatz zur Vergangenheit enthält die Zukunft Unvorhersehbares. 9/11 oder Fukushima, um nur zwei Beispiele zu nehmen, machten auf einen Schlag alle vorhergehenden Prognoseanalysen reif für den Papierkorb."

Nicht "alle": Diejenigen, die kurz zuvor auf massiv fallende Werte der betroffenen Airlines gesetzt hatten, haben massiv gewonnen. Laut offiziellen 9/11-Report handelt es sich aber nicht um Leute mit (kriminellem) Vorwissen, sondern um einen "instutionellen Anleger", der über jeglichen Verdacht erhaben ist. Aha …

Und noch was: Wo sind eigentlich die riesigen Gold-Reserven aus den Kellern des WTC geblieben, die Bruce Willis im Film so erfolgreich vor dem Diebstahl gerettet hat?

Ich denke, man kann die kriminelle Energie der Bankster gar nicht hoch genug einschätzen. Der Spruch über die Profitrate des Kapitals und ihre Beziehung zur Kriminalität, den Marx zitiert (nicht selbst erfunden hat), gilt eben immer noch: nur inzwischen wohl mit geringeren Profitmargen …

Diese Sachverhalte sind nicht nur 'fast' kriminell, sondern hochkriminell. Bloss - es scheint keine Rechtsnormen zu geben und keine Gerichte, die sie beurteilen können oder wollen. Die obersten Verantwortlichen werden nicht zur Rechenschaft gezogen. (Die Aberkennung des "Sir" beim Chef der Royal Scotland Bank, Fred Godwin, ist keine Strafe...). Sie gehen einfach weg. Genauso wie in der Politik die für Desaster (Schuldenberge) Verantwortlichen einfach weggehen. Hannah Arendt schrieb vor 50 Jahren zur politischen Entwicklung: Wir leben in einer Niemandsherrschaft. Das gilt inzwischen und ganz offensichtlich auch für Finanzkonzerne. Darin arbeiten Menschen, beherrscht von der pathologischen Gier nach Noch-Mehr. Sie sind Auswürfe eines Kollektivs, dessen Charakteristik darin besteht, das Eigene zu mehren auf Kosten von anderen.

Zur gleichen Zeit von den schwedischen Banken in der NZZ gelesen: höheres Eigenkapital, bessere Renditen, gesunde Kurse! Was soll die Worthülse Weissgeldstrategie für die Schweiz bedeuten?

Eindrückliche Schilderung von einer Werthaltung und Wertordnung, die noch immer die höchsten Saläre generiert. Dies ist ein Wahnsinn. Ich frage mich, wieso die Aktionäre der Banken nicht einschreiten und das Korrektiv setzen? Dies ist auch ein Wahnsinn. Und solange der Wahnsinn in den besten Kreisen salonfähig bleibt, müssen wir anderen ohnmächtig zur Kenntnis nehmen, dass das Schlimmste noch kommt.

Einmal mehr, vielen Dank Hr. Zeyer! Knackig scharf und perfekt abgebildet, wie ein hochklassiges Objektiv, richtet sie ihren Fokus auf die beinahe kriminell naiven Handlungen und Machenschaften der heutigen Bankenwelt und vermitteln den unglaublichen Wahnsinn dieser Kaste, dass man beim Lesen beinahe Gänsehaut kriegt.

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