In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Wird der Atheismus „salonfähig“?
Von Kurt Theodor Oehler
Wenn der Islam ins Kreuzfeuer der Kritik gerät, und man über ihn und seine Rituale herfallen kann - dann muss man auch auf die Empfindlichkeiten der Christen weniger Rücksicht nehmen.
Am 14. Februar 1989 geriet Salman Rushdie wegen seines Buches „Die satanischen Verse“ erstmals in die Schusslinie der Islamisten. Der Islam verbietet die bildliche Darstellung von Allah und des Propheten. Zudem ist es den Moslems bei Todesstrafe verboten, von ihrem Glauben abzufallen.
Der iranische Geistliche und Revolutionsführer Ajatollah Chomeini gab deshalb eine „Fatwa“, die mit einem versprochenen Kopfgeld die Tötung Salman Rushdies herbeiführen sollte.
In der Folge lösten die weiter aufkommende Islamkritik und die bildhaften Darstellungen Allahs beziehungsweise Mohameds in westlichen Presseerzeugnissen in den meisten islamischen Ländern eine grosse Welle der Empörung aus.
Der Westen verteidigt seine Werte
Den westlichen Islamkritikern wurde aber nicht nur mit dem Tod gedroht. Ein Mord wurde auch vollzogen. Der niederländische Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theodor van Gogh, der einen provozierenden Film gedreht und die Muslime angeblich mehrfach als „Ziegenficker“ bezeichnet hatte, wurde am 2. November 2004 von einem islamischen Fundamentalisten auf offener Strasse ermordet.
Dieses Ereignis löste vor allem in den westlichen Ländern eine heftige Gegenwehr aus, die bis heute anhält. Die Meinungsfreiheit sei als Ergebnis der europäischen Aufklärung ein zu kostbares Gut, als dass man sie leichtfertig preisgeben dürfe. Sie müsse mit allen Mitteln verteidigt werden. In London gab das „Rushdie Defence Committee“ einen weltweit von mehr als tausend Autoren unterzeichneten Aufruf zum Schutz der Meinungsfreiheit heraus, und die teilweise polemische Kritik an der islamischen Religion beziehungsweise am Koran will seither nicht verstummen.
Die Frage stellt sich seit Jahrhunderten: Gibt es einen Gott?
Diese Vorgänge sind nicht neu. Schon früher bestand insbesondere während des Mittelalters das anscheinend unstillbare Verlangen, die Dogmen der Kirchen zu hinterfragen, was in den meisten europäischen Ländern zur Installation der römisch-katholischen Inquisition führte. Tausende von sogenannten Häretikern, Sektierern und Kritikern jeder Art wurden unter Anwendung unmenschlichster Torturen hingerichtet. Selbstverständlich nahm damit die Religionskritik kein Ende. Feuerbach brach mit seinem Gottesglauben und bekannte sich offen zum Atheismus. Er forderte „Menschenliebe statt Gottesliebe“ und vollständige „Diesseitigkeit statt Jenseitigkeit“. Gott erscheine als Spiegelbild des Menschen, als Projektion seines eigenen Wesens an den fernen Himmel, hinter dem sich in Wirklichkeit das sogenannte Nichts verberge.
Karl Marx fasste den Menschen als gesellschaftlich und wirtschaftlich bedingtes Wesen auf. Der Mensch entwerfe in seinem entfremdeten Elend eine hoffnungsvolle Gegenwelt und einen hilfsbereiten Gott. Diese Botschaft bleibe aber wirkungslos, weil die religiöse Aktivität von der sozialen Wirklichkeit ab- und auf ein irrationales Jenseits hinlenke. So wirke die religiöse Abwendung von der realen Wirklichkeit als „Opium fürs Volk“, das illusorisches Glück statt wirkliches Glücklichsein bringe. Sigmund Freud zeigte sich in seinen Schlussfolgerungen nicht weniger radikal. Er verstand die religiösen Vorstellungen aber nicht wie Karl Marx als Niederschlag einer Daseinserfahrung, sondern eher als Ergebnis eines psychischen Bewältigungsprozesses. Diese Vorstellung sei ein Konstrukt, das mittels einer Wunschwelt vom „psychischen Apparat“ geschaffen werde, um die Widerwärtigkeiten des täglichen Lebens besser bewältigen zu können.
Die Religionskritiker duckten sich vor der „Übermacht der Gläubigen“
Die Religionskritik ist also nicht neu. Die Philosophen befleißigten sich aber seit jeher einer gewissen Zurückhaltung. Sie glaubten sich vor der „stillen Übermacht der empfindsamen Gläubigen“, die 2005 etwa 70 % der Schweizer Bevölkerung ausmachten, ducken zu müssen. In letzter Zeit hat sich aber einiges geändert. Westliche Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler usw. machten plötzlich davon Gebrauch, die weitgefassten westlichen Rechte offensiver zu vertreten, um einerseits am Islam, seinen Schriften und Ritualen und anderseits auch an den christlichen Religionen offener Kritik zu üben.
Die Atheisten wagen sich aus ihren Schlupflöchern
Nicht zuletzt werden auch die Atheisten durch die momentane Islamkritik in ihrem Aufbegehren sowohl gegenüber dem Christentum speziell als auch gegenüber den Religionen im Allgemeinen bestärkt. Möglicherweise ist nun, ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit dem Islam, das Zeitalter des Atheismus angebrochen. Wenn man schon den Islamisten an den Karren fahren darf, ganz im Dienste der Verteidigung der allgemeinen Meinungs- beziehungsweise (Kritik-)Freiheit, muss man auch auf die Gefühle der christlichen Gläubigen weniger Rücksicht nehmen.
Die westliche Religionskritik zeigt ihre Krallen
Plötzlich schwingt selbst Frank A. Meyer im Gespräch mit Marc Walder seinen Säbel (SI 01.10.12), indem er auf den Islam bezogen sagt: „Der Islam ist leider eine recht finstere Ideologie…“, und auf alle Religionen bezogen meint er: „Religion ist archaische Ideologie,…“ Letztlich schreckt er nicht einmal davor zurück, sich ähnlich wie Feuerbach über Gott zu äussern: „Gott ist (eine) Fiktion, eine Projektion seiner Anhänger.“
Die Veröffentlichung des „Gottesbriefes“ von Albert Einstein kam zur rechten Zeit
Das erinnert auch an den wieder entdeckten sogenannten „Gottesbrief“ von Albert Einstein, der in diesen Tagen veröffentlicht wurde. In diesem Schreiben aus dem Jahre 1954 äusserte sich der Physiker recht klar: „Das Wort Gott ist für mich nichts als Ausdruck und Produkt menschlicher Schwäche, die Bibel eine Sammlung ehrwürdiger aber doch reichlich primitiver Legenden… Für mich ist die unverfälschte jüdische Religion wie alle anderen Religionen eine Incarnation des primitiven Aberglaubens.“ Es ist bedeutungsvoll, wenn ein Mann, der für viele Menschen ein grosses Vorbild darstellt, solche Worte gebraucht.
Es kann nicht sein, was nicht sein darf…
Da Einstein wegen seiner oft doppelsinnigen Aussagen von den Gläubigen immer wieder für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert wurde, führte die Veröffentlichung dieses Briefes vielerorts für Irritation. Herr H. (Der Bund, 10.10.2012) will den eindeutigen Inhalt des Briefes einfach nicht wahrhaben. Er schreibt, dass man Einsteins These zwar akzeptieren müsse, weil sie sich gegen eine sogenannte (alttestamentliche) „Furchtreligion“ wende. Sie richte sich aber weniger gegen die „zweite, moralische Stufe der Religiosität“ und schon gar nicht gegen die „höchste, kosmische Dimension“ der Religiosität. Zusammenfassend schreibt Herr H.: „Ja, Einstein war religiös…“ Dies ist eine eigenartige Umkehr-Interpretation, als ob man Einsteins Worte einfach in ihr Gegenteil verkehren dürfte.
Die Atheisten aber atmen auf. Sie wittern Morgenluft, obwohl sie in der Schweizer Bevölkerung nur etwa 9 % ausmachen. Es ist als ob sich die Schleusen plötzlich öffnen würden. Sie fühlen sich darin bestätigt, ihren Standpunkt ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der Gottgläubigen freier und schärfer zu formulieren. Möglicherweise sind die Atheisten, nachdem sie bei ihren Mitmenschen lange Zeit ein leichtes Nasenrümpfen auslösten, „salonfähig“ geworden.
Darf man das?
Vermutlich ist es besser, wenn man die Religionskritik offen zum Ausdruck bringt - als anders herum. Abgesehen vielleicht von einigen Klosterbrüdern bzw. -Schwestern will niemand ins Mittelalter zurückkehren. Der frische Wind, der durch die Länder weht, tut gut und macht den Weg frei für eine realistischere Weltinterpretation. Die Zeit scheint endgültig vorbei, in der anhand archäologischer Ausgrabungen immer wieder bestätigt wird, dass die Bibel doch recht hat. Selbstverständlich hat sie recht. Genauso recht wie der Koran, die Nibelungensagen oder die Edda…






















