In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Vor der Eröffnung der 13. Biennale der Architektur
Von Dagmar Wacker
Die 13. Biennale der Architekur in Venedig eröffnet am Mittwoch. Doch schon in den Tagen davor reisen Architekten, Designer, Kritiker und Fachpublikum an für die drei Vernissagen-Tage, die zur grossen Kontakt- und Informationsbörse geworden sind.
Unter ihnen auch Architektur- und Designprofessor Miroslov Sik, der im Schweizer Pavillion die Ausstellung und jetzt das Ensemble realisiert. Auch angereist ist der ebenfalls an der ETH lehrende, international tätige Architekt Roger Diener - vielen bekannt durch seinen Erweiterungsbau der Schweizer Botschaft in Berlin - der im Auftrag des diesjährigen Kurators, Sir David Chipperfield, einen Teil der offiziellen Biennale, die dieses Jahr unter dem Titel "Common Ground" stattfindet, realisiert hat.
Wir trafen Roger Diener bei der Vorbereitung.
Frage: Was bedeutet „Common Ground“, das Thema, das David Chipperfield für die 13. Architekturbiennale in Venedig gewählt hat, im Zusammenhang mit Architektur?
Unter „Common Ground“ verstehen wir zunächst den gemeinschaftlichen Raum, in den wir uns teilen. Es ist auch der öffentliche Raum, der Ort, an dem die Gesellschaft zusammentrifft, an dem sich die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht vereinbart. „Common Ground“ weiter gefasst, und darum geht es David Chipperfield in erster Linie, bezeichnet das Feld der gemeinsamen Erfahrung von Architektur, jene kulturelle Leistung, die auch der Produktion von Architektur und ihrer Gestaltung zugrundeliegt und die sich reziprok dazu verhält.
Es ist so betrachtet das unermessliche Feld von Konventionen und ihrer individuellen, künstlerischen Überformung in der Architektur – sowohl in der Produktion, im Gestalten von Architektur wie in ihrer Wahrnehmung und Aneignung durch den Benutzer oder Betrachter. "Common Ground" greift noch weiter, bezeichnet auch Orte der Erinnerung, Räume kollektiven und individuellen Handelns, das auf vielfältige Weise seinen Ausdruck gefunden hat und sie geprägt hat.
Was hat Euer Projekt „Common Pavilions“ mit diesem Thema zu tun?
Unser Projekt will Grundlagen, Ideen und Konzepte, gesellschaftliche Bedingungen, aber wichtiger noch, Dimensionen der individuellen Erfahrung von Architektur ergründen und den Besuchern der Biennale aussetzen. Dazu haben wir die Architektur der Biennale selbst ausgewählt, das heisst das Haus der Biennale, die 28 verschiedenen Länderpavillons und das Haus der Bücher. Es sind die Gebäude der Giardini, in denen die Biennale, die wechselweise der Kunst und der Architektur gewidmet ist, jährlich stattfindet.
Die Architektur der Biennale ist so reich wie die Biennale selbst. Sie reflektiert die Geschichte der letzten 100 Jahre, der Kriege und der Versöhnungen, des Erhabenen in der Kunst ebenso wie des Grauens.
Wir haben 30 Autoren eingeladen, die Pavillons zu beschreiben, um den Besuchern ihre persönliche Wahrnehmung von Architektur zugänglich zu machen. Es sind gesprochene Texte, welche die Besucher hören können, während sie die Pavillons besuchen. Geschrieben wurden die Essays von Architekten, Architekturhistorikern, Philosophen und Künstlern. Photographien von allen Pavillons von Gabriele Basilico ergänzen die Dokumentation über die Architektur der Biennale.
Im Ausstellungspavillon und im anschliessenden kleinen Garten (von Carlo Scarpa entworfen) können die Texte in der Originalsprache oder in englischer Übersetzung gelesen und gehört werden. Die grossformatigen Photographien von Gabriele Basilco ergänzen diese Installation, die Architektur als kollektive und individuelle Erfahrung zugleich zu vergegenwärtigen sucht.
Welches sind die Aufgaben und Herausforderungen für die Architekten, wenn sie in den „Common Ground“ entwerfen?
Nach unserer Auffassung handelt letztlich jede Aufgabe von Common Ground. Es geht bei allen Entwürfen darum, eine Balance zu finden zwischen den Konventionen, das heisst den Aspekten, über die es eine kollektive Erfahrung, denen eine gemeinschaftlich getragene Übereinkunft zugrunde liegt und den individuellen, persönlichen, auch künstlerischen Elementen, die ein Projekt ebenso prägen. So gesehen gibt keine besondere Architektur für „Common Ground“.






















