Banken schwimmen in Gratisgeld von den Notenbanken. Die Bonus-Raffgier der oberen 10 000 Mitarbeiter hat sich vom Geschäftsergebnis völlig abgekoppelt. Selbst der bösartigste Bankenkritiker könnte sich das UBS-Modell, 2,5 Milliarden Verlust gleich 2,5 Milliarden Bonus, nicht ausdenken. Aber unermüdlich wird wiederholt, dass man aus Fehlern der Vergangenheit gelernt habe. Das Wichtigste bei Geldgeschäften, das Vertrauen der Kunden, wiedererlangen wolle, transparenter geworden sei. Worte ohne Wert. Bereits zweimal, 2006 und Ende 2012, hat das oberste Schweizer Gericht glasklar geurteilt, dass jede Form von Rückvergütung, also Kommissionen, Retrozessionen, Kick-backs usw. dem Kunden auszuweisen und auszuhändigen sei. Aber wie reagieren die meisten Banken? Sie sagen: Pfeif drauf. Sie lassen Kunden im Kleingedruckten versteckte Geschäftsbedingungen unterschreiben, dass sie darauf «freiwillig» verzichten. Sie erfinden eine Verjährungsfrist für solche Forderungen von fünf Jahren. Sie sagen: Wenn dir das nicht passt, klag uns doch nochmal ein. Dann sehen wir uns vier Jahre und Zehntausende Franken Gerichtskosten später nochmals vor dem Bundesgericht wieder. Ist Widerstand zwecklos? Nein. Öffentlicher Druck und juristische Schritte wirken. Wie ubs-opfer.ch beweist. Denn dann fangen Banken an, den Reputationsschäden zu berechnen, auch dafür gibt es Formeln. Und tun, was sie am meisten schmerzt: Sie geben Geld zurück. Das ihnen nicht gehört. Obwohl das gegen ihre Raison d’être verstösst. (René Zeyer)
Tatlin, der Seefahrer, der Maler wurde
Von Dagmar Wacker
Unter dem Titel "Tatlin, neue Kunst für eine neue Welt" zeigt das Museum Tinguely in Basel bis zum 14. Oktober rund 100 Werke des bedeutenden russischen Avantgardisten.
Tatlin, ein Universalkünstler, war zunächst Seefahrer. Dann begann er zu malen. Er schuf Theaterausstattungen und eine sowjetische Einheitskleidung. Er erfand ein Fluggerät und stellte Gegenstände des täglichen Gebrauchs her. Doch im Westen ist er noch weitgehend unbekannt.
Ein Gespräch mit dem Kurator der Ausstellung Gian Casper Bott
Dagmar Wacker: Welche Bedeutung hat Vladimir Tatlin heute?
Gian Casper Bott: Er ist in erster Linie eine Integrationsfigur für bildende Künstler in verschiedenen Bereichen; interessanterweise oft durch Werke, die gar nicht mehr vorhanden sind.
In der zeitgenössischen Kunst sind da Dan Flavin und Ilya Kabakov zu nennen. Doch als ich durch die diesjährige ART ging habe ich viele im Eck montierte Werke gesehen, seine Konterreliefs, die von Tatlin 1914 als grosse plastische Innovation erfunden wurden. Tatlin ist auch als Künstlerfigur für viele eine Inspiration. Ich vermute, dass auch Josef Beuys von seiner kompromisslosen Haltung zur Kunst, sowie seinem Hang zum Universalen, dem gesamtheitlichen gesellschaftlichen Ansatz, beeinflusst war. Tatlin hat sich nie für den Kunstmarkt interessiert; er wollte nie diesem Markt ein Werk verkaufen. Ihm ging es nur um die Ideen und die Neuerungen. Da war er sehr ehrgeizig wie alle grossen Künstler der damaligen Zeit.
Wie auch Picasso, den er ja 1914 in Paris besucht haben soll?
Er kannte Picassos Werke, wie die von Matisse, Monet und anderen aus zwei Privatsammlungen in Moskau, die heute den Grundstock des Puschkinmuseums bilden. Die klassische Moderne war in Russland wohl bekannt. Tatlin soll Picasso wirklich besucht haben. Tage nach seiner Rückkehr entstand dann seine grosse Innovation; die Konterreliefs. Diese hat er offenbar bei Ausstellungen immer erst im allerletzten Moment montiert, dann, wenn quasi schon die Besucher anwesend waren. Wie ein Aktionskünstler, der so zu Kommentaren einlädt. Allerdings hat er dies gemacht, damit ihm niemand die Idee stehlen konnte. Wer hatte die neuen Ideen zuerst? Damals war der Wettbewerb unter den Künstlern so gross, dass seit dem Kubismus die Werke präziser datiert wurden, wie „Spätsommer“, um die Autorenschaft der Neuerung klar anzumelden.
Hat denn Tatlin damals auch Künstler aus dem Westen beeinflusst?
Aus historischen Gründen wenig. 1917 fand zuerst die Februarrevolution statt, dann die Oktoberrevolution. Damit veränderte sich die Situation radikal. Tatlin war der erste Künstler, der sich bei der neuen revolutionären Macht zur Arbeit meldete. Für ihn bestand die Funktion des Künstlers darin, einen neuen Menschen, eine neue Gesellschaft, eine neue Kunst mitzuprägen. Auch erwartete er ein neues Publikum für die Kunst. Alle Akademien in Russland wurden geschlossen. Freie künstlerische Werkstätten wurden geschaffen, wo er auch als Lehrer wirkte. Kunst war nicht mehr museal, sondern sollte das Heute abbilden und dokumentieren.
Dies wurde im Westen nicht bekannt?
Konkrete Werke Tatlins gelangten nach der Revolution sehr wenig in den Westen. Doch war er schon in den 20-er Jahren in Berlin eine mythische Figur. Die Dadaisten schufen ein Transparent mit der Aufschrift: „Die Kunst ist tot. Lange lebe die neue Maschinenkunst Tatlins“. Als das verstand er seine Kunst allerdings nicht. So fing sein Einfluss schon früh an. Allerdings eher aus Unkenntnis oder „fruchtbarem Irrtum“.
Auch als Figur ist er ja schwer fassbar
Da hat er sicher aktiv dazu beigetragen. Es fällt auf, dass alle Fotos, die es von ihm gibt, sorgfältig inszeniert sind: Der „blinde Banduraspieler“, der „Seemann“, der „Selbstbewusste junge Mann mit zukunftsgewandtem Blick“. Natürlich haben sich auch Leonardo da Vinci oder Michelangelo inszeniert. Doch Tatlin war ein moderner Vorreiter der Imagebildung.
Wie wurde er denn in Russland wahrgenommen?
In den 20-er Jahren war er sicher eine grosse Figur. Er war im engen Kreis Lenins und schuf mit seinem „Turm“, dem Monument für die 3. Internationale 1920 in Petrograd, ein neues Idealbild des Menschen, wie ein Gegenbild des Zaren auf dem Ross. Dies ist sicher das Werk, das als Werk wie auch als Idee am meisten inspiriert hat.
Der Turm basiert auf den einfachen Formen wie Kreis, Dreieck, Quadrat, ist antropomorph, es erinnert an die Proportionen des Menschen. Es ist mit seinen zwei entgegenlaufenden Spiralen, die sich vom Boden in den Himmel schrauben, eine Metapher für die Überwindung der Schwerkraft und die Befreiung des Menschen von der Geschichte und für seinen Drang in die Zukunft. Diese „Weltmaschine“ mit vier sich nach unterschiedlichen Gesetzen rotierenden Innenkörpern sollte eine gerecht organisierte soziale Ordnung darstellen. Sie repräsentierte an der Weltausstellung 1925 in Paris das neue Russland mit seinen Idealen. Eine grosse Ehre. 1933 bekommt Tatlin noch den Titel eines „verdienten Künstlers der Sowjetunion“ und sein Fluggerät „Letatlin“ wird im Italienersaal in Moskau neben der Davidkopie Michelangelos aufgestellt.
Dabei erinnert der „Letatlin“ an die Fluggeräte Leonardos. Auch Tatlin war in der Malerei, Bildhauerei, der Konstruktion und im Theater tätig. Hat sogar Kleider und Öfen entworfen. War auch er eine Art Renaissance-Künstler?
Was den Hang zum Universalen betrifft, schon. Allerdings meinte Tatlin: „Ich bin ein Künstler; ich liefere Ideen“. Die Aufgabe, diese zu realisieren sieht er nicht bei sich; er ist allerdings immer involviert und bei der Umsetzung präsent.
Wo ist er denn am Stärksten?
Ganz eindeutig in der Kunst beim Konterrelief. Da katapultiert er sich mit ganz wenigen Werken 1914 an die Weltspitze der Avantgarde. Er befreite damit die Malerei vom Subjekt und von der Fläche. Bei Picasso sieht man immer noch irgendwo eine Gitarre oder eine Flasche. Bei Tatlin geht es rein um die Materialien und ihre Beziehung zueinander. Ausserdem ragen die Werke in den Raum hinein; sie wirken also im Hier und Jetzt.
Lissitzky nannte sie „Umsteigestationen von der Malerei zur Architektur“. 1933 wird sein Fluggerät „Letatlin“ auf einer Segelflugschau in Moskau noch ausgestellt, doch dann geht sein Einfluss mit dem stalinistischen System zurück. Er arbeitet wieder fürs Theater.
Ja, während Jahrzehnten werden die Werke Tatlins nicht mehr ausgestellt, von 1933 bis 1968. In Russland gab es zwar nicht den Begriff der „Entarteten Kunst“ wie bei den Nationalsozialisten, doch regierte dann in der Kunst der sozialistische Realismus. Malevitschs schwarzes Viereck, wie auch Tatlins Werke, wurden als Formalismus abgelehnt und erst in der Ära Gorbatschow wieder ausgestellt.
Warum verliess er die Sowjetunion nicht wie Chagall und Kandinsky?
Er war zu stark am historischen Schicksal Russlands interessiert. Das war seine Welt. Doch interessanterweise wurden die ersten Rekonstruktionen seiner Konterreliefs 1963 im Westen gemacht. 1968 zeigt Pontus Hulten eine Tatlin-Retrospektive in Stockholm. Dann wird sein „Turm" im Centre Pompidou an der Schau „Paris-Moscou“ gezeigt. Tatlin war damals im Westen bekannter als im Osten. Doch schliesslich führt die 2. Tatlin-Retrospektive, die 1993 in Düsseldorf, Baden-Baden, St. Petersburg und Moskau gezeigt wird, seinen Einfluss in West und Ost zusammen. Heute ist Tatlin in russischen Museen sehr präsent; allerdings als historischer Künstler, der in den 30-er Jahren seine abstrakte Kunst bei hohem persönlichem Risiko öffentlich verteidigte. Andere schickte man dafür nach Sibirien. Seine Art, die Kunst ins reale Leben zu holen, als Vehikel für ein neues, gerechtes, poetisches Leben gilt heute als Vorbild hier wie dort.


























