In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Sprachakrobatik [65]
Können Sie steigern? Eine grammatische Spielerei.
Können Sie steigern? Gut, besser, am besten? Natürlich können Sie steigern. Aber wissen Sie, dass im Deutschen die Steigerung oft weniger ausdrückt als das gesteigerte Adjektiv? Eine amüsante Anomalie unserer Sprache!
Wir haben beim Deutschlehrer in der Grammatikstunde gelernt (jedenfalls meine Generation, ich höre dass es heute nicht mehr so viel Grammatik gebe), dass das Steigern drei Stufen hat: Positiv, Komparativ und Superlativ. Hoch, höher, am höchsten; stark, stärker, am stärksten und so weiter.
Wenn der Lehrer gut war, lernten wir auch einige Besonderheiten. Der Umlaut vom a ins ä, vom o ins ö und vom u ins ü ist häufig, gilt aber nicht allgemein: nach „bunt“ heisst es nicht „bünter“ sondern „bunter“, und neben „grösser“ gibt es auch „hohler“. Dass man nur Eigenschafts- und Umstandswörter steigern kann (so hiessen sie in der Primarschule, später nobler – nicht nöbler - Adjektive und Adverbien). Bei diesem „nobel“ heisst der Komparativ nicht „nobeler“ sondern ohne das –e „nobler“, aber im Superlativ wird das –e wiedergeboren: „am nobelsten“. Die beiden Steigerungen entstammen manchmal einem anderen Wortstamm als der Positiv wie beim „gut“ und „besser“. Es gibt Adjektive, die man nicht steigern soll, weil sie selber schon Vollkommenheit ausdrücken, zum Beispiel „vollkommen“ oder „gewiss“ und „ganz“. Gewisser als gewiss, ganzer als ganz kann nichts sein.
Im natürlichen Sprachgebrauch, vor allem wenn das Adjektiv ein Substantiv begleitet, bedeutet der Positiv oft etwas Stärkeres als die Steigerungsform! Ein älterer Mann ist jünger als ein alter, eine jüngere Frau älter als eine junge, und ein kleines Loch ist kleiner als ein kleineres. Versuchen Sie es selbst! Denken Sie an einen 55jährigen Bekannten: Er ist ein älterer Mann, Ihr 80jähriger Onkel ein alter! Machen Sie ganze Sätze, dann wird es klar: „Das ist ein starkes Argument“ sagen Sie, wenn Sie von ihm überzeugt sind, „ein stärkeres“ wenn Sie noch ein bisschen zweifeln. Erst wenn das Adjektiv oder Adverb allein steht, und immer wenn es um einen Vergleich geht, ist die Hierarchie wiederhergestellt, dann ist „besser“ besser als „gut“: „Dieser Lehrer war besser als sein Nachfolger“. Und bevor sie in Zürich auf die Hochschule gingen, gingen die Mädchen – auf der Hohen Promenade - in die „Höhere Töchterschule“.
Steigern Sie weiter! (P.S. Ist „weiter“ ein Komparativ??) (jth)






















