Wer jemandem Unrecht getan hat, sollte sich entschuldigen und/oder eine Entschädigung leisten. Im Falle der Verdingkinder und anderer Opfer administrativer Zwangsmassnahmen hat Frau Sommaruga dies unlängst im Namen des Bundesrates getan: Sie hat sich entschuldigt, von finanzieller Entschädigung hingegen wollte sie nichts wissen und schlug stattdessen einen Runden Tisch vor. Davon wiederum halten die ehemaligen Verdingkinder wenig. Zu lange warten sie schon. Jetzt wollen sie nicht nur symbolische Gesten, jetzt wollen sie Taten sehen. Und das heisst: Geld, auch wenn Geld seinerseits nach all den Jahren nicht viel mehr als symbolische Bedeutung haben kann. Erlittenes Leid lässt sich nicht mit Geld aufwiegen. Aber es bedeutet Anerkennung: Anerkennung des Unrechts und Anerkennung geleisteter Arbeit. Behörden und Gesellschaft haben jahrzehntelang von der Ausbeutung dieser Kinder profitiert. Nun wäre es an der Zeit, denen, die noch leben, zurückzugeben, was ihnen zusteht. Irland hat 1,28 Milliarden Euro an ehemalige Heimkinder bezahlt. Die Schweiz sollte sich an Irland ein Beispiel nehmen. (Klara Obermüller)
Sprach-Akrobatik [63]
„Mehr als fraglich“ – ist das logisch korrekt?
Zugegeben: Die Wendung „mehr als fraglich“ ist im deutschen Sprachgebrauch allgemein akzeptiert und gebräuchlich. Da wir uns aber in dieser Kolumne darauf spezialisiert haben, sprachliche Gewohnheiten oder Phänomene näher unter die Lupe zu nehmen, sei die Frage erlaubt: Ist der Ausdruck „mehr als fraglich“ logisch betrachtet wirklich sinnvoll?
Zum Beispiel bin ich im Internet auf einer Website für „Gesundheitscoaching“ auf die Aussage gestossen, als Vorsichtsmassnahme gegen Zeckenbisse seien „Impfungen mehr als fraglich“. Der Verfasser dieses Textes will offenbar solche Impfungen in Frage stellen. Warum schreibt er nicht einfach, der Sinn dieser Massnahme sei fraglich? Heisst „mehr als fraglich“ rein logisch gesehen nicht: Keine Frage, solche Impfungen sind nicht angemessen und deshalb falsch? Wenn ein Tatbestand „mehr als fraglich“ ist – ist er dann nicht bereits eine feste Tatsache?
Oder gibt es inhaltlich zwischen dem Wort „fraglich“ und einer festen Tatsache noch eine weitere Nuance – eben „mehr als fraglich“. Ja, so ist es im gängigen Sprachgebrauch offensichtlich gemeint und akzeptiert. Was uns aber bei allem Verständnis für Nuancen nicht daran hindern soll, gegenüber dieser Wendung skeptische Vorbehalte anzumelden – und ihr beim Schreiben des nächsten Textbeitrages tunlichst aus dem Weg zu gehen.
R. M.






















