In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Sprach-Akrobatik [56]
Verräterische Sprache
Falls Sie das perfekte Verbrechen oder sonst eine krumme Tour planen, die polizeiliche Nachforschungen nach sich ziehen könnte, sollten Sie auf Ihre Sprache achten. Das legt ein Artikel mit dem Titel „Words on Trial“ nahe, auf den ich unlängst im „New Yorker“ gestossen bin (Ausgabe vom 23. Juli 2012).
Darin wird von einem schauerlichen Mordfall in der Stadt Columbia, Illinois berichtet: Chris Coleman, Angestellter eines privaten Sicherheitsdienstes, hatte Freunden und Bekannten berichtet, dass er und seine Familie via E-Mails Todesdrohungen von einem anonymen Verfolger bekämen. Um das Gefahrenrisiko zu vermindern, hatte er bei seinem Nachbarn eine Überwachungskamera einrichten lassen, um so die Eingangsseite seines Hauses beobachten zu lassen. Eines Morgens rief Coleman seinen Nachbarn von auswärts an und sagte, er sei beunruhigt, weil seine Telefonanrufe zu Hause nicht beantwortet würden. Der Nachbar schaute in Colemans Haus nach und machte eine grausige Entdeckung: Colemans Frau und ihre beiden Söhne lagen erwürgt in ihren Betten. An den Wänden und auf den Betttüchern waren mit roter Farbe Graffitti gesprüht wie „Fuck you!“ und „U have paid!“ Der Mörder war offenkundig durch die Hinterseite ins Haus eingedrungen.
Wegen des Verdachts, dass er selber die Bluttat begangen hatte, kam es zum Prozess gegen Coleman. Ein Geschworenengericht fand ihn im vergangenen Jahr für schuldig und der Richter verurteilt ihn zu drei lebenslänglichen Gefängnisstrafen. Der Angeklagte wurde entscheidend durch die Analyse eines Linguisten belastet, der die Graffiti des Mörders mit 221 E-Mails verglich, die Coleman geschrieben hatte. Der Sprachexperte stellte unter anderem fest, dass die Abkürzung „U“ für „you“ zwar häufig in SMS-Botschaften verwendet wird, selten jedoch in E-Mail-Texten. In Colemans E-Mails kommt die Abkürzung häufig vor. Coleman setzte den Apostroph in seinen E-Mails in den Wort-Zusammenzügen „doesn’t“ und „can’t“ regelmässig an die falsche Stelle (nämlich ans Ende des Wortes) - genau wie der Mörder bei seinen Graffitis.
Auch der berüchtigte „Unabomber“, der in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts die USA mit tödlichen Briefbomben an Wissenschafter in Aufregung versetzt hatte, konnte laut dem Artikel im „New Yorker“ dank Indizien verhaftet werden, bei denen sprachliche Eigenheiten eine wesentliche Rolle spielten. Der „Unabomber“ hatte 1995 ein episches „Manifest“ mit dem Titel „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ an verschiedene Adressaten verschickt. Eine minutiöse vergleichende Untersuchung von Syntax, Wortwahl und weiteren linguistischen Mustern mit andern Texten führte Sprachwissenschafter zu der Überzeugung, dass der Autor dieses anarchistischen „Manifests“ der einzelgängerische frühere Mathematik-Professor Ted Kaczynsky sein musste, der seit Jahren in einer selbst gezimmerten Holzhütte in den Bergen von Montana lebte. Er wurde 1998 zu lebenslänglicher Haft verurteilt.
Laut dem Artikel im „New Yorker“ sind solche Sprachuntersuchungen (amerikanisch: Forensic Linguistics oder FL) ein expandierendes Spezialgebiet bei der Verfolgung von Kriminalfällen. Den bei solchen Untersuchungen herangezogenen Datenbergen scheinen umso weniger Grenzen gesetzt, je inflationärer wir als fleissige Kommunikatoren über elektronische Kanäle wie E-Mails, Voice Mails, SMS, Tweets usw. unsere Spuren für mögliche Sprach-Detektive hinterlassen. Also aufgepasst bei all diesen schönen neuen Aktivitäten!
R. M.






















