Journal21

Sprach-Akrobatik [55]

Gedanken zur deutschen Sprache

Die Bluttat von Aurora wurde in den Medien sofort als Massenmord bezeichnet.

Das Gleiche gilt für das Verbrechen, das Anders Behring Breivik auf der norwegischen Ferieninsel Utøya verübt hat. Auf den ersten Blick leuchtet das ein, handelt es sich doch jeweils um mehrere Opfer. Um das Ungeheuerliche einer solchen Mordtat zu unterstreichen, wird das Wort „Masse“ verwendet.

Die Sprache aber entfaltet ihre eigene Dynamik. Der Begriff „Massenmord“ erinnert an die grossen Schrecknisse der Geschichte, an die Morde Hitlers und Stalins, an Pol Pot und andere Verbrechen, die, wenn sie überwiegend ethnisch motiviert sind, auch als Genozid bezeichnet werden. Eigentlich müsste das Wort „Massenmord“ auf Taten beschränkt sein, die wirklich „Massen“ von Menschen betreffen.

In anderen Zusammenhängen als einer Mordtat würde man eine Anzahl von Menschen, die unter oder knapp über Einhundert liegt, nie als Masse bezeichnen. Unter Masse verstehen wir grundsätzlich grosse Populationen oder Ansammlungen. Sonst ergäbe der Begriff „Massenbewegung“ eben so wenig einen Sinn wie „Massenmedien“.

In der kriminologischen Literatur aber ist man sich in Europa und den USA einig: Ab vier Personen bei einer Mordtat spricht man von „Massenmord“. Werden mehrere Personen hintereinander umgebracht, wie zum Beispiel von Jack the Ripper oder von Marc Dutroux, spricht man von Serienmord. Definitionen sind das eine, Sprachgefühl ist das andere. Eine Gruppe von gerade mal mehr als vier Personen ist die noch keine Masse. Das wird sie erst in dem Augenblick, in dem ein Mörder auf den Plan tritt.

S.W.

Kommentare

An Jörg Thalmann: Danke für Ihre Anmerkungen. Die Affaire Dutroux, Michelle Martin und das Nonnenkloster in Malonne sind das Eine (bzw. etwas Anderes, wie Sie selber anmerken), die Frage zum Thema mit den Begriffen und dem Sprachgefühl bleibt offen. Da sind sich oft NZZ und TagesAnzeiger (und der Duden) nicht einig - oder verhalten sich bewusst konträr. Ich bin kein Sprachwissenschafter (oder -wissenschaft(l)er?) und überlasse das Feld den Spezialisten. Trotzdem mein Standardbeispiel zur Bedeutung von klaren Sprachregelungen aus meiner persönlichen Erfahrung (EN/TC 207 um 1995, Möbel-Normen): Es ging um die Tragfähigkeit und Sicherheit von Tablaren. 'Tablare' sind in der Schweiz und in Süddeutschland Tablare, in Norddeutschland heissen sie 'Einlegeböden'. An der Sitzung in Brüssel hat der Simultanübersetzer (leider nicht vom Fach) auf Französisch von "Parkettböden mit Intarsien (Einlegearbeiten)" erzählt. Das hat nun überhaupt nichts mit den Morden von Dutroux und der vorzeitigen Freilassung auf Bewährung (nach Gesetz Lejeune) von Michelle Martin zu tun, aber es illustriert, dass Kommunikation mit richtiger Wirkung im Ziel nur mit klar definierten Begriffen stattfinden kann. Leider kümmert das die LeserInnen der "Massen-Medien" wenig. Der "Polizei-Offizier" (police officer = Polizeibeamter) aus schludrig übersetzten Agenturmeldungen wird offensichtlich kommentarlos geschluckt.

Peter Röthlin-Timmermans p_roethlin [at] bluemail [dot] ch

...weiter für Herrn Röthlin: "Kloster nicht verlassen" für M.Martin ist abgesprochen, aber ein Richter sagt , rechtlich sei sie nur verpflichtet, sich von den Eltern fernzuhalten... wie ist das überhaupt möglich? Und in stürmischen Diskussionen sagen auch unbeteiligte Leute, sie hätten Angst. Heftig wird eine Revision der Bewährungsfrist verlangt, zum Beispiel für Mörder von Kindern, Alten und Invaliden dürfe es eine solche gar nicht geben. Das belgische Justizsystem ist chaotisch, Gefängnisstrafen unter 3 Jahren werden schon gar nicht mehr ausgeführt weil die Gefängnisse übervoll sind. Die Wärter streiken immer wieder, wegen Personalmangel8ti. Die von St.WEHOWSKY und von uns gestellte Frage nach dem richtigen Wort für "Massen"morde ist damit nicht beantwortet. Vielleicht müsste man in fremden Sprachen nachschauen? Bestens aus Brüssel, Jörg Thalmann.

Bester Herr Röthlin, habe erst gestern gesehen, dass Sie mir geschrieben haben, ich entdecke erst, dass ich im journal mit anderen Lesern korrespondieren kann. - Für Michelle Martin reicht die Bezeichnung "Kindermörderin", auch für Dutroux. Diese Beispiele gehören nicht in unsere Suche nach dem richtigen Wort für Breivik usw, das habe ich zu schnell hingeschrieben. - Die Freilassung M. Martins kann das angerufene Kassationsgericht höchstens noch bei Formfehlern der Begründung aufheben. Sie löst in Belgien einen Sturm der Entrüstung aus, die Eltern und Sympathisanten der ermordeten Kinder rufen wieder zu einer Kundgebung auf wie damals beim "Weissen Marsch" durch Brüssel. Es scheint irgendwo abgesprochen, dass Martin im Frauenkloster in Malonne oberhalb Namur bleiben muss, aber... FORTSETZUNG FOLGT IM NÄCHSTEN KOMMENTAR!

Nachtrag, Korrektur: Der Dutroux-Prozess fand 2004 nicht in Namur, sondern in Arlon statt. Aber das hat nichts zu tun mit dem fehlenden Begriff für "Masse" (Massenmord für Mordtat ab vier Personen ...) Peter Röthlin-Timmermans

Werter Jörg Thalmann in Brüssel: Ihnen - und mir - fehlt ein Wort (Begriff). Nachdem Sie bei (u.a.) Marc Dutroux anknüpfen, ergänze ich unsere gemeinsame Frage: Wurde nun in Belgien (soeben Ende Juli 2012) mit der Freilassung auf Bewährung von Michelle Martin (Partnerin und Mittäterin von Dutroux als Kindermörder und Mädchenschänder) eine "Massenmörderin" vorzeitig freigelassen? Zwei auf Plakaten entlang der Autobahn gesuchte Mädchen Mitte der 1990er Jahre sind keine "Masse" - trotz grossem Prozess von 2004 in Namur und (un-)menschlicher Tragödie für die betroffenen Opfer und Familien. Vielleicht helfen uns weitere Kommentare oder Stephan Wehowsky weiter? MfG Peter Röthlin-Timmermans p_roethlin [at] bluemail [dot] ch

Lieber Herr Wehowsky, in diesem guten Kommentar, aus dem ich was lerne was ich bisher übersah, fehlt mir ein Wort. Welches Wort brauche ich, brauchen Sie für die Morde von Breivik. von Aurora und Colombine und auch von Zug? Bei Colombine bin ich doch schon versucht von Massenmord zu sprechen, aber wie bei den anderen? Mehrfachmord (zu akademisch und bürokratisch, so stehts dann wohl im Polizeirapport), Multipler Mord, Vielfachmord... natürlich nicht. Finden Sie ein brauchbares Wort? Sie würden mir helfen, obwohl ich hoffe, es nie brauchen zu müssen. Als die Serie von Dutroux auskam, war ich schon pensioniert. "Mordtat" wäre auch noch was, aber nein, das sagt zu wenig. Das Wort "Masse" wird wohl gebraucht, weil es auch die Schnelle und Einmaligkeit des Tötens von Mehreren heraufruft. Grüsse aus Brüssel! Jörg Thalmann

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