In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Sprach-Akrobatik [55]
Die Bluttat von Aurora wurde in den Medien sofort als Massenmord bezeichnet.
Das Gleiche gilt für das Verbrechen, das Anders Behring Breivik auf der norwegischen Ferieninsel Utøya verübt hat. Auf den ersten Blick leuchtet das ein, handelt es sich doch jeweils um mehrere Opfer. Um das Ungeheuerliche einer solchen Mordtat zu unterstreichen, wird das Wort „Masse“ verwendet.
Die Sprache aber entfaltet ihre eigene Dynamik. Der Begriff „Massenmord“ erinnert an die grossen Schrecknisse der Geschichte, an die Morde Hitlers und Stalins, an Pol Pot und andere Verbrechen, die, wenn sie überwiegend ethnisch motiviert sind, auch als Genozid bezeichnet werden. Eigentlich müsste das Wort „Massenmord“ auf Taten beschränkt sein, die wirklich „Massen“ von Menschen betreffen.
In anderen Zusammenhängen als einer Mordtat würde man eine Anzahl von Menschen, die unter oder knapp über Einhundert liegt, nie als Masse bezeichnen. Unter Masse verstehen wir grundsätzlich grosse Populationen oder Ansammlungen. Sonst ergäbe der Begriff „Massenbewegung“ eben so wenig einen Sinn wie „Massenmedien“.
In der kriminologischen Literatur aber ist man sich in Europa und den USA einig: Ab vier Personen bei einer Mordtat spricht man von „Massenmord“. Werden mehrere Personen hintereinander umgebracht, wie zum Beispiel von Jack the Ripper oder von Marc Dutroux, spricht man von Serienmord. Definitionen sind das eine, Sprachgefühl ist das andere. Eine Gruppe von gerade mal mehr als vier Personen ist die noch keine Masse. Das wird sie erst in dem Augenblick, in dem ein Mörder auf den Plan tritt.
S.W.






















