In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Sprach-Akrobatik [51]
Worin besteht der Unterschied zwischen Moral und Doppelmoral? Ist beides nicht dasselbe?
Denn Moral ist immer doppelt. Indem sie das Gute preist, verdammt sie das Böse. Das Böse gehört demnach ausgerottet - ohne Skrupel und mit Stumpf und Stiel. Deswegen ist die Moral so gewalttätig. Der Soziologe Niklas Luhmann betonte, dass es zur Moral gehören könne, vor der Moral zu warnen. Wie soll das aber gehen? Das liefe auf den Satz hinaus: „Ich weiss zwar, was gut und richtig ist, aber bitte nehmt das nicht zu ernst, denn dann wird es gefährlich.“
Mit „Doppelmoral“ ist natürlich etwas anderes gemeint: Wasser predigen und Wein trinken. Man redet also anders, als man handelt. Und das ficht diejenigen, die diese Doppelmoral praktizieren, nicht an. Auf den ersten Blick scheint der Sachverhalt einfach zu sein. Man sagt „Frieden“, und es ist kein Frieden, wie schon in der Bibel lebhaft beklagt wird. Das ist ein Skandal!
Man kann also Luhmanns Warnung drehen und sagen: Es gehört zur Moral, die falsche Moral zu entlarven. Wohin das führt, erlebt man im zeitgenössischen Theater. Da kann es nicht derb und grob genug zugehen – Schläge, Blut und Exkremente -, um dem Publikum äusserst drastisch vor Augen zu führen, wie verlogen die bürgerlichen Welt ist: Hinter ihrer Fassade gibt es einen Knall nach dem anderen. Pfui! - aber es ist diejenige Welt, in der dasjenige Geld verdient wird, das man für diese Inszenierungen so dringend braucht.
Dass etwas mit der Moral nicht stimmt, wusste übrigens schon Gott. Deswegen hat er Adam und Eva aus dem Paradies gejagt, als die beiden von sich aus Gut und Böse unterscheiden wollten. Recht hatte der alte Herr. In ein Paradies passen einfach keine Moralisten.
Aber was machen wir nun? Wir könnten uns elegant aus der Affäre ziehen, indem wir sagen: Wir mögen die Moral so sehr, dass wir sie gleich doppelt haben wollen. - Aber das nimmt uns natürlich keiner ab. Denn das klingt nach doppeltem Boden. Also sagen wir: Die Moral ist gut, solange man sie nicht zu ernst nimmt, und die Doppelmoral dient der Höflichkeit. Und diejenigen, die das nicht glauben, schicken wir ins Theater.
(S.W.)






















