In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Sprach-Akrobatik [48]
Wir wollen es nicht nur gemütlich, wie wollen es urgemütlich. Urgemütlich ist schliesslich gemütlicher als gemütlich. Die Vorsilbe „Ur“ drückt in ganz merkwürdiger Weise eine Steigerung durch Rückbezug aus. So ist die Welt aus einem „Urknall“ entstanden. Das muss ein ganz fürchterlicher Knall gewesen sein. Gemessen an dem ist jeder darauf folgende Knall nur ein schwacher Abklatsch.
Oder denken wir an den Urwald. Das ist ein Wald voller Saft und Kraft, nicht gezähmt oder gar zerstört durch den Menschen. À propos Mensch: In der Urgeschichte tummelte er sich in Urhorden. Da gab es noch rechte Kerle. Sigmund Freud stellte sich dabei noch einen Hordenvater vor, der den Söhnen verbot, sich an ihre Mütter heranzumachen. Und als Psychologe wusste Freud auch von der Urangst zu berichten. Da weiss jeder, was gemeint ist: eine Angst, so elementar, dass sie von keiner anderen Angst zu toppen ist.
Wenn man den Dingen auf den Grund geht, wenn man das „Echte“ sucht, will man an den „Ursprung“. Der Ursprung aber ist nicht der erste Sprung überhaupt, sondern die Vorsilbe „Ur“ bedeutet in diesem Zusammenhang so viel wie „hinauf“. Und was ist die Urgeschichte? Liegt sie vor der Geschichte? Dann liesse sie sich nicht erforschen. Sie wird aber erforscht, indem Archäologen älteste Zeugnisse sammeln: bearbeitete Gegenstände und andere Reste, die auf erste Formen menschlichen Daseins schliessen lassen.
Und was die Schweiz angeht, so weiss jeder, dass es den „Urschweizer“ nicht gibt. Aber es gibt Schweizer, die so stolz darauf sind, Schweizer zu sein, dass sich eigentlich das Präfix „Ur“ nahelegen würde, wenn dieses Präfix nicht auch einen Haken hätte: Wer würde schon gern als „Ureinwohner“ bezeichnet werden?
S. W.






















