Reichensteuer
Journal21

Rasiert die Reichen

Tolle Idee. Aber taugt der Staat zum Robin Hood?

Von René Zeyer

Mit einer Forderung bekommt man immer Applaus: Nehmt’s den Reichen weg. Denn Eigentum ist bekanntlich Diebstahl.

Verlumpende Staaten, nach Wählerstimmen schielende Politiker kommen immer wieder auf die naheliegende Idee: Nehmt doch das Geld jenen weg, die zuviel davon haben. Die können doch sowieso nicht alles für Champagner, Kaviar, Sportwagen, Yachten und Villen ausgeben. Aktuell kocht in Deutschland mal wieder diese Debatte hoch. Leider gibt es bei diesem verständlichen Vorhaben zwei, drei Probleme.

Tropfen auf den heissen Stein

Wie der «Spiegel» vorrechnet, brächte alles, was unter Erhöhung des Spitzensatzes für Einkommenssteuer, dazu Erbschaftssteuer und Steuer auf Kapitalerträge läuft, maximal 15 Milliarden Mehreinnahmen. Ein Klacks bei jährlichen deutschen Steuereinnahmen von rund 550 Milliarden Euro. Eine Erhöhung der pauschalen Kapitalertragssteuer von 25 auf 30 Prozent schlüge beispielsweise bloss mit einer schlappen Milliarde zu Buche.

Oder Zwangsanleihe

Etwas anders sieht es aus, wenn man Privatvermögen in Form einer Zwangsanleihe zur Kasse bäte. Unter Abzug von Freibeträgen und einem Ansatz von 10 Prozent würde das theoretisch rund 230 Milliarden in die leere Staatskasse spülen. Das sind aber auch nur etwas über 10 Prozent der gesamten deutschen Staatsschulden. Oder, mit einer einprozentigen Vermögenssteuer käme man so auf jährliche Zusatzeinnahmen von 23 Milliarden, womit wir wieder bei Kleckerbeträgen wären. Also alles in allem ökonomisch eine fragwürdige Sache.

Und wofür?

So beglückend der Gedanke für jeden Nicht-so-Reichen ist, dass den Ganz-schön-Reichen endlich mal kräftig was abgezwackt wird, so unglücklich muss man werden, wenn man sich fragt, wofür dieses Geld dann ausgegeben werden soll. Es gibt wohl nur noch Wenige, die jeden Steuereuro für einen guten Euro halten, weil der weise europäische Staat damit das Gute, Soziale und Gerechte befördert. Und nicht etwa verantwortungs- und haftungsfrei zum Beispiel Aberwitzmilliarden in künstliche Lebenserhaltungsmassnahmen für den komatösen Euro steckt.

Der Staat als Robin Hood?

Der Märchenfigur Robin Hood, der erst Jahrhunderte später zur Legende verklärt wurde, die den geizigen Reichen nahm und an die leidenden Armen verteilte, gleicht der moderne Sozialstaat nun wahrlich nicht. Selbst die brutalstmögliche Abgabe von 230 Milliarden in Form einer Zwangsanleihe entspräche nicht einmal der Hälfte der Verpflichtungen, die Deutschland im Rahmen der absurden Rettungsschirme und anderer Mauscheleien übernommen hat.

Selbst wenn man der knackigen These des Anarchisten Proudhon zustimmt, dass Eigentum Diebstahl ist, muss man sich doch fragen, wie es dann der Staat legitimieren will, seinerseits zum Dieb zu werden. Denn obwohl laut deutscher Verfassung «Eigentum verpflichtet» und «sein Gebrauch dem Wohle der Allgemeinheit dienen» solle, rechtfertigt das nicht unbedingt ansatzlose Enteignung.

Kapital ist flüchtig

Erschwerend kommt weiter hinzu, dass dank des modernen Finanzkapitalismus Vermögen bekanntlich keine Landesgrenzen kennt. Und obwohl in erster Linie die USA den klassischen Kanonenboot-Imperialismus mit Fatca und ähnlichen Massnahmen in einen Steuer-Imperialismus verwandeln - also der Staat besteuert seinen Bürger überall auf der Welt - gibt es immer noch genügend Schlupflöcher und Steuerparadiese.

Denn nicht alle Steueroasen stellen sich so bescheuert wie die Schweiz an. Zudem ist Kapital ja nicht nur böse und pfuibä, sondern grösstenteils produktiv investiert. Ein Carlos Slim, ein Warren Buffett, ein Bill Gates, um nur die drei reichsten Männer der Welt zu nennen, springen ja nicht täglich wie Dagobert Duck in ihre Geldspeicher, wo die Milliarden sinn- und zweckfrei lagern.

Grosser Unterschied

Es gibt finanziell gesehen einen entscheidenden Unterschied zwischen Politikern, Regierenden einerseits und Kapitalbesitzern andrerseits. Letztere haben als Investoren etwas zu verlieren und wollen daher Rechtssicherheit. Erstere sind verantwortungs- und haftungsfrei, können das Recht biegen und stellen das in der Eurokrise eins ums andere Mal unter Beweis. Was sie gewinnen wollen, sind Wählerstimmen. Das ergibt eine weitere explosive Mischung, so etwa wie Nitro und Glycerin.

Kommentare

"Da sollte man mal 'rangehen!" Ja genau! Und warum macht es keiner? Viel Geld bedeutet viel Macht in Form von Beziehungen wirtschaftlicher und auch persönlicher Natur. Viel Geld beschützt sich gegenseitig weltweit. Wie der neutrale Beobachter schon seit längerem wahrnimmt, sind in diesem Beziehungsnetzwerk alle politischen Richtungen integriert, sobald sie eine gewisse Relevanz erreicht haben. Wirtschaftsinteressen und diejenigen die sie vertreten oder sich dahinter verstecken - also die Eigentümer grosser Vermögen - beeinflussen die Politik. Das sind die Leute denen unsere Politeliten gehorchen müssen - ob sie wollen oder nicht. U.a. Darum wird "da" nie "einer 'rangehen".

Wenn wir hier von «Reichen» reden, denen man etwas von ihrem Geld besteuern sollte/müsste (nicht nur Erträge, auch aus der Substanz), dann muss Klarheit herrschen. Ziel sollten die oberen 1-2% der Bevolkerung sein.

In Deutschland (Stand: 2007) besitzen vom Nettovolksvermögen die reichsten 0,1% (1 Promille) 22,5%, die reichsten 0,5% 31,2% und das reichste 1% schon 35,8% des Nettovolksvermögens.

http://www.nachdenkseiten.de/upload/bilder/120405_vermoegen2.jpg

Die ärmsten 50% der Bevölkerung, die alle fleissig Mehrwertsteuer, Tabak-, Strom- und Benzinsteuern (also Konsumsteuern) zahlen, besitzen gerade mal 1,4% des Nettovolksvermögens. Diese ungleiche Vermögensverteilung ist in der Schweiz und besonders in Ländern wie Grossbritannien und USA noch viel krasser.

Der Ansatz der USA, die eigenen Staatsbürger mit ihrem Welteinkommen zu veranlagen, ist richtig. Sollte Deutschland auch machen. Selbst wenn man den Pass abgibt, sollte man noch 10 Jahre mit all seinem Einkommen und Vermögen in D steuerpflichtig sein.

Der Autor sagt, Kapital sei flüchtig. Stimmt - aber nur, wenn man es lässt. Bestes Gegenbeispiel, dass auch heute noch die Staaten sehr wirksame Mittel haben, Geldflucht etc zu stoppen bzw trockenzulegen, sieht man recht anschaulich bei den finanziellen Zwangsmassnahmen gegen Iran im Zuge der Sanktionen wegen der vermuteten Atomgeschichte. Wenn man den politischen Willen hat, kommt man auch an das Geld der superreichen Steuerflüchtlinge ran. Man muss nur wollen.

Und dort gibt es genug zu holen. Man schätzt, dass sage und schreibe 3.200 Billionen (deutsche Billionen, nicht US billions) an Fluchtkapital in Steueroasen liegen. Vorwiegend von Chinesen, Koreanern, Arabern, Südamerikanern etc, aber natürlich auch etliches von Europäern und US-Bürgern. Da sollte man mal rangehen.

Lieber René Zeyer Dieser Bericht überrascht. Für mich not really on the Journal21 Level. Aus zwei Gründen: zu argumentieren, erzielte Ersparnisse brächten nur Verbesserungen im Prozentbereich und seien daher nicht sinnvoll widerspricht jeglicher Logik einer vernünftigen und seriösen Bewirtschaftung. Denn 5% hier und 10% da und nochmals 5% dort ergeben in der Summe doch schon einen Fünftel des Ganzen. Zweiter Grund: "Reiche" - was heisst das? Bin ich ein Gangster, wenn ich ein Leben lang Risiken eingehe, mich um Erfolg bemühe, Arbeitsplätze schaffe und halte, meine Steuern bezahle, meinen Kindern die Ausbildung finanziere und darüber hinaus noch Geld verdiene und Vermögen aufbauen kann? Sind alle Menschen, die nicht nur Schulden haben und Unterstützung beantragen oder kaum noch ihre Krankenkassenbeiträge zahlen können die Bösen? Bitte nicht in den Mainstream fallen, sondern differenziert bleiben. Danke.

Die Kapitalbesitzer braucht man weder schön zu reden noch zu verteidigen. Wenn man genauer hinsieht haben zb. die von Ihnen genannten alle ihr Kapital auf dem Rücken anderer verdient die in irgendeiner Weise für sie in einem ausgesprochenen Missverhältnis arbeiten. Anders ist die Anschaffung solcher gigantischer Vermögen gar nicht möglich.

Die Politiker/Regierenden haben anscheinend Narrenfreiheit in jedem Gesellschaftssystem auf dieser Welt. Egal was sie anstellen, was sie verbiegen, zurechtlügen, hintertreiben, egal wie korrupt sie sind, wieviele Leben sie vernichten, ob sie ganze Nationen, ja Kontinente in gefährliche Krisen stürzen - sie übernehmen keinesfalls jemals dafür die Verantwortung! Und wir lassen das zu! Phantastisch! Warum tun wir das? Die Zeiten in denen sich der Bürger, der mit seinem Steuergeld die Staaten, Regierungen, Verwaltungen, inkl. Beamte finanziert, diese Toleranz gegenüber den unfähigen "Volksvertretern" leisten konnte, sind eindeutig vorbei. Auch wenn es bis anhin für den Bürger bequem war, "die da Oben" einfach machen zu lassen, sollte er sich heute blitzartig darauf besinnen, dass ihm selbst von Seiten der Obrigkeit immer mehr die Verantwortung für deren Fehlleistungen aufgehalst wird. Das muss jetzt geändert werden. Politiker, Beamte all.incl. sollen per sofort für ihr Tun und lassen zur Verantwortung und zur Kasse gebeten werden! Das ist nichts anderes als vernünftig und gerecht.

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