Finanzplatz Schweiz
René Zeyer

Letzte Zuckungen

Chronik eines angekündigten Todes

Von René Zeyer

Die Fassaden stehen noch. Die Banknamen leuchten noch. Nachts. Die Heerscharen bewegen sich noch. An der Bahnhofstrasse Zürich in schlechtsitzenden dunklen Anzügen. In Genf mit Pochettli. Der Todestanz der Zombies.

Der oberste Schweizer Banker Patrick Odier spricht am Bankiertag von «Notstand». Der Präsident der Bankiervereinigung spricht von «Existenzgefährdung». Das Sprachrohr der Schweizer Banken meint damit die 11 auf der Folterbank der USA liegenden Banken. In Wirklichkeit betrifft das alle rund 320 Geldhäuser in der Schweiz. In Wirklichkeit betrifft das darüber hinaus die rund 5000 unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz. In Wirklichkeit betrifft das den gesamten Finanzplatz Schweiz.

USA, Deutschland, Frankreich

Drei in Geldnöten steckende Staaten beissen sich immer grössere finanzielle Brocken aus Schweizer Finanzdienstleistern heraus. Lassen wir die Schuldfrage für einmal beiseite. Und konzentrieren uns darauf, dass es sich insgesamt um Milliardenbeträge handelt. Lassen wir Geldgier, Unfähigkeit und Dummheit für einmal beiseite. Und konzentrieren uns darauf, dass ein noch wichtigeres Gut als Geld, nämlich die fundamentalen Werte Rechtsstaatlichkeit und Rechtssicherheit in Gefahr sind.

Denn worauf beruht ein Geldgeschäft? Auf Vertrauen. Auf dem Einhalten geschlossener Verträge. Mit Kunden und Mitarbeitern. Wortbrüchigkeit und Verrat wird nicht kleiner oder legitim, wenn damit vergangene Illegitimitäten geheilt werden sollen. Wortbrüchigkeit wird nicht weniger gefährlich, wenn sie unter dem rechtsimperialistischen Druck ausländischer Mächte erfolgt. Verrat wird nicht erträglicher, wenn er nur das Fussvolk betrifft. Und die Kunden.

Der Weg in den Abgrund

Verrat und Wortbruch, Schlaumeiereien, Rechtsbruch, Aufgabe der Rechtssouveränität. Strategielosigkeit, Lösungsunfähigkeit, Perspektivlosigkeit. Hilfloses und, schlimmer noch, erfolgloses Taktieren. Das alles verlängert nur die Schlange der Staaten, die aus Schweizer Finanzdienstleistern das herausholen wollen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht.

Dem Beispiel der drei ersten Staaten folgend stehen bereits Italien, Spanien, Russland, Indien, China, Brasilien bereit. Es gibt mehr als 200 Länder auf der Welt. Wird eine einzige Regierung sich diese einmalige Gelegenheit entgehen lassen? Wieso sollte sie? Wo doch der Finanzplatz Schweiz und sein Bundesrat im Chor sagen: der Nächste bitte.

Das Ende des Weges

Odier sagt nichts anderes, als dass der Finanzplatz Schweiz keine Strategie hat, wie er sich einer existenzbedrohenden Krise erwehren kann. Die Weissgeldstrategie ist ein Witz und keine Strategie. Die Abgeltungssteuer ist ein lebender Leichnam, der neben der Globallösung zuckt. Das retroaktive Eintreiben von Steuern für ausländische Staaten in der Schweiz ist ein Unding. Der Verrat an Kunden und Mitarbeitern, geduldet und unterstützt durch die Schweizer Regierung, führt in den Abgrund.

Es geht dabei längst nicht mehr um Vergangenheitsbewältigung. Es geht um das Verspielen der Zukunft. Es geht darum, dass ein Anleger nicht mehr darauf vertrauen kann, dass ein ihm gegebenes Wort auch gehalten wird. Dass ein Bankmitarbeiter nicht mehr auf die Fürsorgepflicht seines Arbeitgebers zählen kann. Das ist der Todeskuss für jede Bank.

Der schöne Schein

Aber es wird doch weiterhin geschäftet, verwaltet, gerechnet, geworben, es werden Hochglanzbroschüren und Anlagetipps verteilt. Der freundliche Berater nimmt doch noch den Telefonhörer ab, die Löhne und Boni werden pünktlich bezahlt. Die Bancomaten spucken weiterhin Geld aus, der Kontoauszug stimmt (meistens). Meetings werden abgehalten, Task Forces gebildet, New Business generiert, grossartige Strategien entwickelt. Und immer sind die Banken gut aufgestellt sowie für die Herausforderungen der Zukunft gerüstet.

Heerscharen von Bankern wuseln geschäftig herum, die einen mit dem Blackberry am Ohr, die anderen mit dem Pochettli im Jackett. Da fällt es dem oberflächlichen Betrachter schwer, das schwarze Loch zu sehen, in das all dies hineinsteuert. Aber es ist schon ganz nah. Selbst der dümmste Banker spürt gelegentlich einen kalten Hauch. Hält einen Moment inne, dann quatscht er weiter in sein Smartphone oder zupft sich sein Pochettli zurecht.

Fehlentscheidungen und tödliche Irrtümer

Zukunftsgerichtete Entscheidungen bergen immer das Risiko, dass sie falsch sind. Ich kaufe ein Produkt für 5 Franken in der Hoffnung, es für 6 zu verkaufen. Dann muss ich es für 4 losschlagen. Künstlerpech. Aber: Ich biete ein Produkt an, von dem ich nicht erst seit gestern weiss, dass es heute und morgen unverkäuflich ist – und unternehme nichts. Verfalle in Schockstarre, murmle: Das darf doch nicht wahr sein.

Das ist tödlich. Und genau das ist die Haltung der Schweizer Banken. Selbst ihr oberstes Sprachrohr Odier weiss und sagt, dass es sich um eine Existenzbedrohung handelt. Nicht um ein Problem, einen Schwächeanfall, eine Delle, einen vorübergehenden Einbruch. Und alle wissen das nicht erst seit vorgestern, sondern seit 2008. Seit dem Sündenfall der UBS.

Die Schockstarre

Was haben wir seither vom Finanzplatz Schweiz, von seiner Regierung gehört? «Das Bankgeheimnis ist nicht verhandelbar. Mit einer „too big to fail“-Ausnahme ist das Problem erledigt. Da kommt nichts nach. Darüber müssen wir uns keine Sorgen mehr machen. Da ist alles auf gutem Weg. Das haben wir vertraglich neu geregelt. Das wird uns nicht mehr passieren. Das ist Vergangenheit.» Aber weil das alles falsch und unsinnig ist, Ausdruck einer unverständlichen Schockstarre, Vogel-Strauss-Politik, ist nichts vergangen. Heute sind alle Probleme so ungelöst wie vor vier Jahren.

Wer vier Jahre lang nichts gegen eine existenzbedrohende Gefahr unternimmt, ist verloren. Nur weiss er es offenbar noch nicht. Erst wenn die Blackberrys verstummen, die Pochettli aus der Tasche fallen und die Bildschirme in den Bankpalästen dunkel werden, beginnt Heulen und Zähneklappern. Nicht nur bei Bankern.

Kommentare

Letztendlich war es eine Fehlentscheidung des Schweizer Volks. 1984 gab es eine Volksabstimmung zur Abschaffung des Bankgeheimnisses. Der Ausgang war leider fatal falsch.

Winkelrieden vorzuziehen und nachhaltiger wirkend als alle Kriegsgurgeln: Denken. Breit gefächertes vielfältiges Denken und Nachdenken. Denken über das engste Umfeld hinaus, in Zusammenhängen, die sehr weit über die schmalen Bürosessel hinaus reichen und das Leben ausserhalb von Zahlen erkennen. Dazu braucht es jedoch die selbstkritische Betrachtung die mit dem Aufstieg in der Hierarchie störend wird, weil sie den reibungslosen Fortgang in einer sich masslos überschätzenden Kaste in Frage stellt, in der das System gnadenlos die Richtung diktiert und mit dem Anspruch auf Unfehlbarkeit in die Katastrophe rasselt. Winkelriede mögen ein paar Gegner bodigen, der Rest hingegen macht weiter und geht über die Leichen.

Leser 'Cathari' hat's auf den Punkt gebracht. Die Schweizer Regierung sollte endlich aufhoeren staendig in Masochismus zu verfallen und das Feld kampflos dem Gegner zu ueberlassen. Alle die, die uns attackieren wollen, haben selber Dreck am Stecken. Darum ist es nichts als logisch, dass man sich wehren muss. Die echte Diplomatie ist auf der Strecke geblieben. Unsere Bundesraete und die sogenannten 'Top-Banker' sind nichts als Hasenfuesse! Das Land braucht endlich neue Winkelriede.

Das ist der Preis, den die Banken, die Politik und auch wir, die Bonilosen, bezahlen. Alle haben bis vor kurzem gedacht, dass wird sich schon geben. Die Welt wird sich wieder beruhigen. Wieso auch eine Strategie entwerfen, die Zukunft hat? Zulange haben die Banker und die Politik mit ihrer Abwartetaktik Erfolg gehabt. Es ist nie ans Lebendige gegangen. Die Geschäfte liefen geschmiert und nun ist Leistung gefragt. Und Leistung lässt sich nicht in ein paar Monaten antrainieren, wenn vorher das dreckige Geld ohne grosses Zutun einfach auf ein Nummernkonto gebucht werden konnte. Vinzenz von der Raiffeisen hat gesagt, was Zukunft hat. Der automatische Informationsaustausch kommt und daher sind die Bankgeschäfte dieser Vorgabe anzupassen. Aber ein beträchtlicher Teil der Banker und der Politiker redet immer noch vom Bankgeheimnis, das unsterblich ist. Und solange dieser Blödsinn in den Köpfen eingraviert ist, geht der Bankenplatz mehr und mehr den Bach runter. Bevor wir gänzlich im Trüben fischen, sollten wir einen klaren Kopf haben.

Wie immer in den Artikeln zum Finanzplatz Schweiz von Herrn Zeyer, eine treffend Analyse der aktuellen Situation und auch die zuständigen Versager, die sich gegenseitig die Schuld zuschieben, werden gebührend erwähnt.

Voll mit der Kartätsche! Nun...Ursachenforschung: Etwas nie Dagewesenes oder Verlerntes ist eben.... Streitkultur: Kultivierung der respektvollen Konfliktklärung ,aber mit Härte! Die Amerikaner können das und jüdische Menschen lernen es von klein auf. Geschauspielerter Dursetzungswille wird halt schnell durchschaut und gebeugte Haltungen signalisieren von weitem Unterwürfigkeit. "Fighten" müsste neu erlernt werden. In der Frühzeit musste David die Steinschleuder benutzen, heute würde es uns reichen, diese nur zu zeigen. UnsereVerhandlungspartener haben ja selbst genügend "Dräck am Stäcke" und eine ihrer Schwächen ist die Sucht von allen geliebt zu werden. Wir sind heutzutage in allen grossen Völkergremien präsent, hätten genügend Argumente um bis zu einem vernünftigen Punkt zu kontern. Staaten die den Pfad von Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Genfer Konvention bewusst missachten sollen sich doch gefälligst nicht päpstlicher als der Papst benehmen.Eigentlich ersichtlich für jeden und unglaubwürdig!.....Die wissen das genau, nur unsere Führung hat wegen jedem Gemaule die Hosen voll! Die Einen keine Cojones !...Die Anderen meist ein wenig... Nähkästchendenken! Sonst als Regierung in fast allen Dingen gut, aber hier im Fighten liegt ihre grosse Schwäche.

Das ist alles richtig, und es ist höchst verdienstvoll, dass es mal so klar gesagt wird. Sehr richtig ist auch, dass die Zukunft auf dem Spiel steht. Wenn aber der eingeschlagene Weg der falsche ist - und das ist offensichtlich -, dann muss irgendwann die Frage gestellt und auch beantwortet werden, wie es denn nun weiter gehen soll. Also, wie sieht ein vernünftiger Überlebensplan für den Schweizer Finanzplatz und damit letztlich für das Wohlergehen der Schweiz aus?

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