In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
The Grandmother of Performance
Von Esther Fischer-Homberger
Endlich sei die Performance als Kunstform anerkannt, stellt Marina Abramović fest, nachdem sie vierzig Jahre lang als verrückt gegolten habe. Denn 2010 ist ihr Werk im New Yorker MoMA gewürdigt und damit an prominenter Stelle als Kunst definiert worden.
Der Filmemacher Matthew Akers hat die 1946 geborene Performancekünstlerin anlässlich dieses Ereignisses und der Vorbereitungen dazu porträtiert, sie befragt, ihre Geschichte nachgezeichnet und die Ausstellung selbst samt der eigens dafür konzipierten Performance dokumentiert. Diese bestand darin, daß Marina Abramović während der Öffnungszeiten des MoMA (Museum of Modern Art, New York) ununterbrochen unbeweglich und stumm in dessen Atrium auf einem Stuhle saß – vom 14. März bis Ende Mai 2010.
Aushalten als Durchgang zu anderen Erfahrungen
Das sei zeitweise extrem schmerzhaft gewesen, aber Abramović kennt den Schmerz als Geheimnis, als Durchgang zu einem anderen „state of mind“, der sich auch auf ihr Publikum ausbreiten kann. Immer wieder ist sie – lange auch zusammen mit ihrem ehemaligen Partner Ulay – mit sehr schmerzhaften Performances hervorgetreten. Im MoMA nun wurde ihr gegenüber ein zweiter Stuhl aufgestellt, auf welchen sich im Lauf der Ausstellung BesucherInnen aller Art zu ihr setzten und mit ihr in stummem Austausch des Blickes traten.
Lange stand noch ein Tisch zwischen Künstlerin und ZuschauerIn, in den letzten Wochen wurde der entfernt. Manche haben sich länger, manche kürzer, manche wiederholt in diesen ebenso offenen wie intimen Raum begeben. Gegen Ende der Ausstellung standen die Besucher dafür stundenlang Schlange vor dem noch geschlossenen Museum, manche verbrachten sogar die Nacht vor seinen Pforten.
Abramović hat alle mit derselben Ruhe angeschaut – „the Artist is Present“. Sie sagte (zufolge der Presseunterlagen zum Film), diese ihre längste und extrem schwere Performance habe sie verändert. „Im Grunde besteht die Erfahrung darin, völlig fremden Menschen … Liebe zu vermitteln, und das hat mich … verwandelt. Diese Performance hat mich intensiver geprägt als alle früheren. … Alles liegt in dem Blick.“
"Avoid falling in love with another artist"
Auch Ulay (Uwe Laysiepen) hat sich auf den Stuhl gesetzt. Mit diesem Performancekünstler hat Abramović 1976 bis 1989 eng zusammengearbeitet und -gelebt, einige Jahre lang in einem Citroënne-Kastenwagen. Anlässlich der Ausstellung im MoMA, wo auch dieses Gefährt zu sehen gewesen ist, haben die beiden sich nach Jahren erstmals wieder gesehen.
Das Ende ihrer Beziehung muss schmerzhaft gewesen sein. Abramovićs Anweisung für Künstler – „it’s actually funny“, sagt sie lachend dazu – lautet: Sie sollten nicht lügen, nicht stehlen, keine Kompromisse machen, nicht töten, sich nicht zum Idol machen und: „avoid falling in love with another artist, avoid falling in love with another artist, avoid falling in love with another artist …“ Zur Zeit der Trennung sei sie 40 gewesen, erzählt sie, dick, häßlich und ungeliebt. Statt in Depression zu verfallen, habe sie sich damals eine wunderbare teure Garderobe zugelegt. Sie sei ehrgeiziger gewesen als er, meint Ulay, sie habe berühmt werden und Geld verdienen wollen.
Soll das Kunst sein? Was ist Kunst?
In Abramovićs Performances (und sozusagen in Reinform in derjenigen im MoMA 2010) verschmelzen persönliche Hingabe und Show – das schafft Irritation und Ablehnung, macht die Darstellerin aber auch zu einer Autorität, wenn nach dem Wesen der Kunst gefragt wird. Es geht etwas ebenso Sakrales wie Banales von dem Arrangement aus, welches sie ihrem Publikum im MoMA offerierte. Marina Abramović wird vielfach in Paradoxen beschrieben. So sind auch ihre Arbeiten ebenso einmalig wie reproduzierbar – neben ihrer grossen neuen Performance haben 41 junge KünstlerInnen verschiedene ihrer alten Vorgaben neu belebt.
„Artists must be warriors“, erklärt sie, sie sollen neue Territorien auch in ihrem Inneren erobern. Den Verdacht, sie lasse sich idealisieren und zur Ikone emporstilisieren, lehnt sie entschieden ab. Es gehe nicht darum. Das sei höchstens ein Nebeneffekt – freilich, unterbricht sie lachend ihre Selbstdarstellung, sie liebe Nebeneffekte. Sie lacht viel, über sich, über das „Leben“ und überhaupt. Wo Jenseitiges zur Darstellung kommt, ist Lachen nötig und angemessen.
Heldentum, Einsamkeit und „spiritual wisdom“
Die Serbin Marina Abramović leitet ihre Erscheinung aus drei Quellen her: Zum einen versteht sie sich als Tochter zweier Nationalhelden unter Tito - beide Eltern waren Partisanen. Zum anderen sei ihre Geschichte die eines kleinen Mädchens, das zu wenig Liebe bekommen habe – zu Hause habe strengste Kontrolle und militärische Disziplin geherrscht. Ihre wichtigste und liebste Wurzel aber bestehe in einer familiären Tradition von „spiritual wisdom“. Dazu passen ihre Unabhängigkeit und ihre gleichsam soldatische Hingabe an das, was sie als ihre Aufgabe annimmt.
Matthew Akers’ Film
Akers’ Film vergegenwärtigt nicht nur den Umkreis der Ausstellung im MoMA, er zieht auch anderes Material, alte Aufnahmen und Interviews mit Zeitgenossen bei und gibt auf diese Weise einen gewissen ersten Überblick über Abramovićs Leben und Werk. Den Filmemacher interessieren die Beziehungsaspekte ihrer Kunst. Ihre Performance im Atrium des Museums hat er offenbar vollumfänglich dokumentiert – was womöglich das Verlangen mancher Besucher, sich dort hinzusetzen, geschürt hat.
Die Passage, die Akers diesem Ereignis widmet, wirkt etwas zu lang, gleichzeitig sind viele der Menschen, die der Performerin gegenüber Platz nahmen, doch zu kurz zu sehen. Auch mit allzuviel musikalischer Untermalung bricht Akers die Intensität des Geschehens – das mögen Folgen seiner Absicht sein, mit seinem Film ein grosses Publikum zu erreichen. Insgesamt ist „The Artist is Present“ aber informativ, anregend, seiner Protagonistin angemessen und sehr eindrücklich.






















