EU-Gipfel
René Zeyer

Ganoven ohne Ehre

Gezockt, gezerrt, gescheitert

Von René Zeyer

Früher konnte man besonders üble Politikveranstaltungen an Geschehnissen in der kriminellen Unterwelt spiegeln, um sie zu entlarven. Das geht nicht mehr, denn selbst Ganoven haben eine Ehre.

Die Euro funktioniert nach einem klaren Prinzip: Es gibt Gewinner und Verlierer. Der Euro und die EU auch: Es gibt Verlierer und Verlierer. Allerdings hat die EU noch eine Besonderheit: Der grösste Verlierer ist immer das Publikum, die EU-Bürger und Steuerzahler. Beim aktuellen EU-Gipfel wurde mit nie dagewesener Niedertracht erpresst und gemauschelt. Selbst eine Versammlung von Ganoven, die ihre Einflussbereiche abstecken wollen, ist eine ehrenwerte Gesellschaft dagegen.

Italien mit Spanien

Die viertgrösste Wirtschaftsmacht Spanien hatte es bereits vorexerziert, da wollte die drittgrösste Italien natürlich auch: Direkter Zugriff auf die Rettungsschirme EFSF und ESM ohne nennenswerte Kontrolle. Falls Bundeskanzlerin Merkel ihnen das nicht zugestehen würde, drohten Rajoy und Monti damit, ihre Zustimmung zur Mogelpackung «EU-Wachstumspaket» zu verweigern. Die wiederum brauchte Merkel, um im deutschen Bundestag einigermassen ungeschoren davonzukommen. Damit ist der Selbstbedienungsladen ohne Ausgangskontrolle eröffnet. Und Hollande, der sich wohl als nächster zugreifen wird, betrachtet es mit Wohlgefallen.

Ran an die Geldtöpfe

Zur Rekapitalisierung ihrer schwankenden Banken können Spanien und Italien nun direkt in die Geldtöpfe langen, ohne damit ihren Staatsschuldenberg zu vergrössern. Und nebenbei wurde auch noch die Vorrangigkeit dieser Kredite abgeschafft. Was bedeutet, dass der EU-Steuerzahler im Falle des Zusammenbruchs einer Bank (oder eines der beiden schwankenden Staaten) sich in die lange Reihe von Gläubigern hineinstellen darf, die im Gegensatz zu ihm immerhin selbst entschieden haben, hier ihr Geld zu riskieren. Beschlossen wurde dieser Wahnsinn von den 17 Euroländern, die übrigen 10 Mitglieder der EU, des grossen europäischen Hauses, waren schon zu Bett gegangen.

Erbärmlich

Die Uhr steht auf eins vor zwölf. Es ginge um das Grosseganze, die Rettung, Strategie, mutige Entscheidungen, Führungsqualitäten. Aber statt Staatsmännern und –frauen versammelte sich wieder einmal ein kläglicher Haufen von erbärmlichen Opportunisten, überfordert, inkompetent, nur auf eines bedacht: Wenigstens für ein Momentchen das eigene Gesicht zu wahren. Eurobonds darf es nicht geben? Dann nennen wir die Vergemeinschaftung der national verbrochenen Schulden halt anders. Kontrollen, Aufsicht und Bedingungen darf es auch nicht geben? Dann lassen wir halt einen «spezifischen Fahrplan mit Terminvorgaben für die Verwirklichung einer echten Wirtschafts- und Währungsunion» ausarbeiten», also Pipifax. Auf wann? Ach, so auf Ende Jahr. Nein, dann ist der Fahrplan fertig, sonst nichts.

Europäische Demokratie?

Ob der Euro noch ein paar Monate mehr überlebt oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Was in Wirklichkeit in den letzten zwei Jahren endgültig zu Grabe getragen wurde, ist die Illusion, dass es eine demokratisch legitimierte europäische Regierung geben könnte. Seit Louis XIV. gab es eine keine absolutistischere Regierungsform als in der EU. Ein zahnloses Parlament ohne legislative Macht, eine absurde europäische «Regierung» namens EU-Kommission, Gruppenchefs, Ratspräsidenten, Troikas und Gouverneursräte ohne Haftbarkeit, jeder demokratischen Kontrolle entzogene Rettungsschirme: jeder absolutistische Herrscher würde vor Neid erblassen. Nehmen wir nur den «Überrettungsschirm» ESM, immerhin Herr über angeblich 700 Milliarden Euro. Eine Aktiengesellschaft nach luxemburgischem Recht, deren niemals demokratisch legitimierten Chefs völlig illegal von jeglicher Haftbarkeit für ihre Untaten freigestellt sind, mit einer vertraglich festgelegten Generalamnestie. Besser hätte das Louis XVI. auch nicht hingekriegt. Aber ihn hat es wenigstens den Kopf gekostet.

Und der Bürger?

Den Unterschied zwischen einer absolutistischen Herrschaft und jeder Spielart von Demokratie macht die Beteiligung der Betroffenen aus, der Steuerzahler und Bürger. Hinter der Fassade von demokratischen Wahlen und angeblichen Mitbestimmungsrechten von derjenigen, die die Zeche zahlen müssen, hat sich spätestens seit der Einführung des Euro eine jeglicher Kontrolle entzogene Herrschaft von Eurokraten etabliert. Und darüberschwebend beschliessen die 17 Regierungschefs sowieso, wie es ihnen drum ist. Es ist heutzutage nur noch Hohn, wenn es beispielsweise im deutschen Grundgesetz im Artikel 20 heisst: «Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.»

Das Ende ist bekannt

Die Überstrapazierung historischer Vergleiche ist immer gefährlich. Dennoch hilft der Rekurs auf vergangene Erfahrungen, wahrscheinliche zukünftige Entwicklungen zu antizipieren. Wenn sich eine bedeutende Mehrheit der Betroffenen nicht mehr repräsentiert durch ihre angeblichen Interessensvertreter sieht, dann ist der gesellschaftliche Konsens einer Demokratie aufgekündigt. Dann gebricht es den angeblichen Volksvertretern an jeglicher Legitimation für ihr Handeln. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob sie ihr Entscheidungen als gottgegeben, vom König gewünscht oder als «alternativlos» begründen.

Der Sturm

Dann werden sie weggefegt werden. Nicht unbedingt durch Besserers ersetzt, wie die Geschichte der europäischen Revolutionen leidvoll belegt. Aber wer Wind sät, wird Sturm ernten, dieses Bibelwort trifft auch auf völlig säkulares verbrecherisches Handeln von Eurokraten, von europäischen Staats- und Regierungschefs zu. Wir alle werden die Folgen zu unseren Lebzeiten erleiden.

Kommentare

Das Spiel Italien:Deutschland haben sich allein in Berlin über 500.000 Bürger auf der Strasse beim Public Viewing angesehen.

In anderen Städten Deutschlands waren ebenfalls Massen auf den Strassen und sahen die EM.

Wenn die Bundesregierung auch nur ein Viertel dieser Leute auf der Strasse befürchten müsste, wenn solche Dinge wie gestern im Bundestag verabschiedet werden, dann sähe die Sache anders aus.

Aber es scheint unmöglich, die Bürger für solche Dinge wie Grund- und Bürgerrechte, ihre Steuergelder und deren Verschleuderung oder gar ihre Arbeitnehmerrechte auf die Strasse zu bekommen.

Ein Volk hat die Regierung, die es verdient. Und die Deutschen haben nichts besseres als Merkel verdient. Wie auch. Selbst die Opposition aus SDP und Grüne hat dem ESM und Fiskalpakt-Zeug zugestimmt.

Wieso sollte dann noch das Verfassungsgericht die Parlamentarier vor sich selbst schützen, wenn sie sich unbedingt kastrieren wollen und ihre Budgethoheit in Brüssel abgeben. Wer nicht will, der hat schon.

Wunderbarer Kommentar. Als deutscher Leser Ihr großartigen Blogs lese ich die hier publizierten Beitrag mit ebensoviel Gewinn wie Vergnügen und der Hoffnung, dass das Eurokratenregime wenigstens noch ein Weile zögern wird, dn Zugang zu dieser Adresse zu blockieren.In einem Punkte muss ich leider widersprechen: Sie schreiben"Wenn sich eine bedeutende Mehrheit der Betroffenen nicht mehr repräsentiert durch ihre angeblichen Interessensvertreter sieht, dann ist der gesellschaftliche Konsens einer Demokratie aufgekündigt. Dann gebricht es den angeblichen Volksvertretern an jeglicher Legitimation für ihr Handeln. Dann spielt es keine Rolle mehr, ob sie ihr Entscheidungen als gottgegeben, vom König gewünscht oder als «alternativlos» begründen." Das ist zu schweizerisch gedacht. In Deutschland fehlt es an den Voraussetzungen dazu. Selbst diese ungeheuerliche Farce, die sich gerade in Brüssel und Berlin vollzieht, provoziert - nichts. Das Wetter ist derzeit prächtig, die Feriensaison steht vor der Tür, Widerstand entwickelt sich nicht mal in Ansätzen.

Der Sturm

Dann werden sie weggefegt werden.

Zuerst einen franz. Begrüssungskuss. Gut gebrüllt Herr Löwe....Unwiderlegbar was Sie da schreiben....zudem richtig. Damals als U nser S elig A dolf, der Realschüler ohne Abschluss... in solch einer Krise sich am Zepter vergriff, in die Hand erschrie, erprügelte. war die Situation ähnlich unlösbar.Auch er benutzte gut dosierten Terrorismus und sanfte Erhöhung der Tempertur, so dass niemand der Anstieg der Wärme wirklich fühlen konnte. Auschaltung von Demokratien kann über multiple Wege geschehen. Diesmal kommen sie eventuell in Armanieanzügen mit perfektem Lifestyl und nicht wie früher in schwarzen Stiefeln und Ledermänteln daher. Ihre Feindbilder sehen zwar heute anders aus, sind aber genauso irreal und dahergeholt wie früher, oder wie die Hasenfellstücke bei Hunderennen. Die heutigen Bürger in den sogenannten Wohlstandststaaten verteidigen ja nur noch ihre Schrebergärten und die Leasingraten für ihrer (scheinbaren) Luxuskarossen. Wenn jemand ...A... sagt, sollte er auch ...B...sagen und Europa ernsthaft wollen. Ein bisschen Europa ist und bleibt in den heutigen Machtgebilden und Komplexen ein bedrohtes Phatasien. Die kindliche Kaiserin suchte in Brüssel einen Atréju und schenkte ihm "AURYN." Sie hoffte damit Phantasien zur retten. Ganz Europa sollte mit ihr und mit uns hoffen! Ansonsten bleibt Europa genauso auf der Strecke wie die deutsche Fussballmanschaft. Ein fragmentiertes Phantasien, dem Frass unersättlichen Allesfresser preisgegeben!. Ein Scheitern könnte für Deutschland`s Zukunft sehr bedrohlich werden. ..........und für den Rest sowieso...oder sieht es jemand anders?

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