In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Finnlands „Kinderkrieg“ mit Russland
Von Willy Schenk
Weil in einem Vorort von Helsinki der Mutter und ihren 4 Kindern einer Russisch sprechenden Familie von den Behörden Schutz vor dem Vater gewährt wurde, entwickelte sich in Russland eine Pressekampagne mit politischen Folgen.
Das Eingreifen in einen Familienstreit wurde vom grossen Nachbarn als Verstoss gegen bilaterale Abkommen und als „barbarischer“ Eingriff in die männliche Vorherrschaft empfunden.
Eigentlich könnte Finnland sich als Musterland der EU über den Nobelpreis für die europäische Gemeinschaft freuen. Aber die Situation wird getrübt durch einen unerwarteten Konflikt mit Russland. Über die Details des Eingreifens machen die finnischen Behörden wie bei Einzelfällen üblich noch keine Angaben.
Es scheint aber, dass einer Mutter mit 4 Kindern wegen einem Familienstreit Zuflucht in einem Frauenhaus gewährt wurde. Der Fall geriet über einen finnischen Informanten in die russische Presse und führte zu einer Kampagne über die Verhaftung unschuldiger russischer Kinder in Helsinki. Der für Familienfragen zuständige russische Minister sagte, er könne die Vorkommnisse nur als „barbarisch“ bezeichnen.
Russische Empfindlichkeit
Inzwischen haben sich die finnische Botschaft in Moskau und auch die russische Botschaft in Helsinki um eine Richtigstellung der Vorfälle bemüht. Die finnische Ministerin für Familienfragen veranstaltete eine Pressekonferenz, bei der die Korrespondenten der russischen Agentur Tass und der russischen Zeitung Prawda vertreten waren.
Bei den Fragen wurde deutlich, dass der Eingriff von Behörden in einen Familienkonflikt für Russen ein völlig unvorstellbarer Vorgang ist. So wollte ein russischer Korrespondent wissen, ob eine russische Familie künftig noch einen touristischen Spaziergang durch Helsinki wagen könne, ohne dass plötzlich ihre Kinder verhaftet würden.
Die beiden Aussenminister schalteten sich in einen Konflikt ein, der in Finnland inzwischen den Namen „Kinderkrieg“ erhielt. Einen Hintergrund dafür bildet die russische Empfindlichkeit gegenüber der Menschenrechtskritik aus Westeuropa. Während man gegen Vorwürfe aus Strassburg und Brüssel nicht zu polemisieren wagt, schlägt man umso härter zu bei Vorfällen in Finnland und dem Baltikum.
Hier im Vorfeld Russlands stösst auch der anschwellende Strom der russischen Touristen auf Kontraste wie etwa den Gegensatz zwischen eigener und westlicher Familienpolitik. Der finnische Aussenminister erklärt auf seiner Internetseite, dass in Finnland inzwischen 50 000 Russisch sprechende Personen wohnen, während pro Jahr über 10 Millionen Russen die russisch-finnische Grenze passieren. Er versucht in etwas lehrerhafter Manier, den „Kinderkrieg“ als einen Zwischenfall darzustellen, wie man sie früher auch zwischen Schweden und Finnland erlebt habe.






















