ZUKUNFT FINANZPLATZ
René Zeyer

Eigentlich wäre es ganz einfach

Der Bankenplatz Schweiz könnte aufblühen. Könnte.

Von René Zeyer

Vor lauter Schreck wegen des zunehmenden internationalen Drucks versäumen es die Schweizer Banken, ihre Stärken herauszustellen.

Am Jubiläums-Bankiertag wurde unbeachtet von der Öffentlichkeit leeres Stroh gedroschen. Strategie für die nächsten Jahre? Fehlanzeige. Rezepte für die Gegenwart: nichts. Zukunftsaussichten: schwarz. Dabei ist der Ausweg aus der Krise sonnenklar.

Jedes Schweizer KMU kennt die Abkürzung USP. Unique Selling Proposition. Auf Deutsch: Was macht mein Produkt besonders, anders, unterscheidet es von Angeboten der Konkurrenz? Was ist der entscheidende Erfolgsfaktor, trotz hohen Löhnen, begrenzten Ressourcen, anständigen Arbeitszeiten, guten Sozialleistungen, beschränkter Werbekraft? Weil Schweizer KMU diese Frage meistens richtig beantworten, bilden sie das Rückgrat der Wirtschaft, garantieren Wohlstand. Und der Finanzplatz Schweiz?

Eigentlich kinderleicht

Was ist, was wäre die USP des Finanzplatzes Schweiz? Soziale Stabilität, Rechtssicherheit, stabile Währung, funktionierende Demokratie, uralte Tradition im Geldaufbewahren, perfekte Infrastruktur, gut ausgebildete Fachleute. Vertrauenserweckend, seriös, verlässlich, anständig, zuerst auf den Vorteil des Kunden, dann auf den eigenen bedacht.

Dazu noch der Charme einer leicht unbeholfenen Biederkeit und Korrektheit. Schokolade, Taschenmesser, Matterhorn, Bank. Weltweit sichtbar ein Fels in der Brandung von Banken-, Finanz- und Staatskrisen. Das ist dermassen einleuchtend und banal, dass es doch jedem Banker und jedem Bundesrat völlig klar sein müsste.

Ein Meer von Dummheit

Leider versinkt dieser Fels in der Brandung eines unvorstellbar hochschwappenden Meers von Dummheit. Wer sich das unsägliche Geschwätz am aktuellen Bankiertag zur Feier des 100-Jahr-Jubiläums der Schweizerischen Bankiervereinigung auch nur auszugsweise anhörte, bekam Kopfweh. Bundesrat Schneider-Ammann, Bankier-Boss Patrick Odier, CS-Häuptling Urs Rohner, SNB-Chef Thomas Jordan, viele Privatbanker, selbst Föhnfrisur Walter Berchtold, die Crème de la Crème war anwesend.

«Zwischen Herausforderungen und Chancen» lautete der Titel von Odiers Worthülsenvortrag, «Keine erfolgreiche Realwirtschaft ohne gesunden Bankenplatz» der des Bundesrats. Ich erspare dem Leser weitere Inhaltsangaben, sonst werde ich noch wegen Folter bei der UN-Menschenrechtskommission eingeklagt.

Macht Geld dumm?

Wenn man den Bundesrat ausnimmt, der war in diesem Kreis der bedauernswerte Vertreter einer Leichtlohngruppe, sassen hier schätzungsweise 200 Millionen Jahreseinkommen zusammen, ohne Boni, wohlgemerkt. Zudem mit Zugriff auf Think Tanks, Strategic Committees, Task Forces, Heerscharen von externen Beratern. Konfrontiert mit einer existenzbedrohenden Krise des «gesunden Bankenplatzes»

Besann sich in dieser Stunde der höchsten Not irgend jemand auf die USP des Schweizer Finanzplatzes? Auf seinen unschlagbaren Standortvorteil? Kam jemand auf die Idee, das Naheliegende auszusprechen? Aufspaltung der beiden Dinosaurier-Banken UBS und CS, Rückzug aus dem Zockercasino Investmentbanking, Abwicklung aller Banken, die aus dem Steuerstreit nicht lebend herauskommen? Ach was.

Der Bremsweg des Tankers

Wenn ein Firmenschiff gut unterwegs ist, braucht es einen vorausschauenden Kapitän, der das Steuer rechtzeitig herumreisst, wenn am Horizont der Eisberg auftaucht. Wenn das Schiff den Eisberg schon gerammt hat, braucht es einen selten blöden Kapitän, um zu sagen: «Kurs leicht korrigieren, aber weiter volle Kraft voraus.»

Doch genau das ist die Botschaft der Versammlung der bedeutendsten Banker der Schweiz, hofiert von Vertretern unserer Regierung und wichtiger Staatsämter. Im Maschinenraum steigt bereits das Wasser, die verratenen Mitarbeiter fragen sich, wann sie mit dem Kohleschaufeln aufhören sollen. Die verratenen Kunden fragen sich, auf welcher Vertrauensbasis sie ihre Kohle weiterhin in diesem Schiff bunkern sollen. Und auf der Brücke kümmern sich die Offiziere in erster Linie um ihren Platz im goldenen Rettungsboot.

Der Paradigmenwechsel

Das gewohnte Geschäftsmodell im Private Banking ist am Ende. Der Ausflug ins angelsächsische Turbobanking hat die beiden Grossbanken an den Rand des Abgrunds geführt. Ein radikaler Kurswechsel, der Abschied von Paradigmen ist dringend geboten.

Normalerweise ist das mit Angst vor dem Neuen verbunden, mit den bangen Fragen: Wenn das nicht mehr geht, was dann? Wer erfindet auf die Schnelle ein neues Geschäftsmodell? Irrwitzigerweise liegt hier die Antwort auf der Hand. Die Schweiz als sicherer Hort für die Vermögen der Welt, vorzugsweise ordentlich versteuert. Damit könnte sich der Finanzplatz dumm und krumm verdienen.

Tödliche Langeweile

Für die beiden Investmentbanker an der Spitze der beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse wäre das aber gleichbedeutend mit tödlicher Langeweile. Keine scharfen Luftnummern mehr in der virtuellen Wolke des Derivatezoos? Kein Zocken mehr, kein Gambling, keine Adrenalinschübe beim Wetten mit Milliarden? Kein Leben mehr auf der Überholspur oder als Geisterfahrer? Unvorstellbar. Deshalb wanken die Blinden und die Lahmen, Banker und Bundesrat, gemeinsam in den Abgrund.

Kommentare

Wenn sich Kunden dem Diktat der Diener unterwerfen, tragen sie ihren Teil dazu bei, dass die eigentlichen Diener sich als ihre uneingeschränkten Herren aufführen. Warum sich nicht an deren Formel halten: Geld gibt den Ton an? und wieder Kunde werden, statt Bonus-Spender zu sein. In der Beiz wird umgehend gerüffelt, wenn der Braten zäh ist. In Sachen Finanzen halten die meisten die Klappe als wären die Geldgeier donnernde Götter.

Sehr liebenswürdig ist Herrn Zeyers Bericht nicht. Er gefällt sich in einer Art Kritik, die mich abstösst. Es ist nicht zu bestreiten, dass in den schweizerischen Grossbanken - und vermutlich auch in kleineren Instituten - allerhand gelaufen ist, das keineswegs stubenrein war. Dass auch nicht alle Mitglieder unserer Landesregierung der höchsten Liga angehören, wissen vermutlich wir alle. Interessanter als die wiederholte Kritik von Herrn Zeyer fände ich, wenn er einige Pfosten einschlagen könnte, um einen Weg zu zeigen, den die grossen und auch kleineren Finanzinstitute gehen müssten, um aus ihren unbestrittenen Schwierigkeiten herauszukommen. Daran wäre ich sehr interessiert, zumal ich auch zu den Kunden eines der gescholtenen Institute gehöre und nicht gerne verlieren möchte, was ich ihm anvertraut habe.

Wenn alles nach dem selben einfältigen Programm abläuft in den Köpfen der finanziellen Obermacker, Gewinnen! Gewinnen! Gewinnen!, hat nichts mehr Platz daneben und je deutlicher die Leere der Lehre wird, desto fester klammern Geistlose sich an das Gewohnte und wiederholen es wie Gebetsmühlen. Lieber wechseln sie das dünnere gegen ein dickeres Brett vor dem Kopf aus, damit sie nicht sich selber betrachten müssen. Sie haben Schiss vor der Leere, die ihnen nichts zu bieten hat. Jedoch laden sie ihren Mist anderswo ab und vernichten nicht nur einen Haufen Geld dabei, sondern eine Menge Lebens-Energie. Angenehm wäre eine geschützte Spielstatt, die funktioniert wie echt, und die Mehrheit nicht mit den Süchten und Neurosen einer Horde von Las-Vegas-Zombies belastet. Wenn sie sich mangels Vielfalt so fürchterlich langweilen, die Ärmsten, sollen sie das mit sich selbst aus- und neuen Ideen Platz machen, die den Horizont weiter setzen als ihre Renditedenkweise das ermöglicht.

Normalerweise sind ja Freitage für stress und depressionsbewältigungs Übungen reserviert. Heute aber, Übungsabbruch. Eine Art "Caribbean Sunrice" Cocktail. Nach dem kundtun Ihrer Zeilen wäre zu hoffen ....Vom Adressaten gelesen und für gut befunden. Föhnfrisur wird gegen Dauerwelle getauscht .Exodus! Odier, der ein echter Priester gewesen sei, habe die Menschenmassen aus dem Tal der Tränen hinaus geführt, weil er die Anbetung von Götzenbildern und goldenen Kälbern verabscheute.

Alle erstrahlten und riefen:" Morgendämmerung!"

Seht, die Gräser wachsen zwischen Steinen. Seht, im kleinen Samenkorn drängt sich wunderbar das Leben. Seht, die Kinder schenken uns Vertrauen. Seht, wie Gott uns liebt.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.