In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Die Huffington-Post will Europa erobern
Von Ulrich Meister, Paris
Die amerikanische Internet-Zeitung "The Huffington Post" will mit einer speziellen Formel Europa erobern. Eine erste Ausgabe auf dem Kontinent erscheint seit einigen Tagen in Frankreich in Zusammenarbeit mit "Le Monde", der seinem eigenen Online-Portal damit selbst Konkurrenz macht.
Die "Huffington Post", die im Februar 2011 für über 300 Millionen Dollar vom AOL-Konzern aufgekauft worden war, begann ihre Erfolgsgeschichte 2005 in den Vereinigten Staaten, wo sie von der griechisch-amerikanischen Geschäftsfrau und Medienpolitikerin Arianna Huffington lanciert wurde. Arianna Huffington war 2003 in den Gouverneurswahlen von Kalifornien erfolglos gegen Arnold Schwarzenegger angetreten. Ihr neues Medium steht den Demokraten nahe, versteht sich aber als unabhängig und vertritt eine liberale bis linksliberale Richtung.
Einheimische Prominenz
Das erklärt die Partnerschaften in Europa mit "Le Monde" in Frankreich und, wie bereits geplant, mit "El Pais" in Spanien. Bisher existieren selbständige Ausgaben in Grossbritannien und Kanada ohne Partnerschaft. Weitere Ausdehnungen sind im Gespräch, so in Italien mit "L'Espresso", in Griechenland, in der Türkei und auch in Deutschland, wo der Partner aber noch nicht feststeht. Auch in Brasilien ist eine Ausgabe geplant. Die "Huffington Post" macht damit Ernst mit dem globalen Charakter der Internet-Medien, gibt sich aber gleichzeitig jeweils eine lokale und nationale Basis mit der Anlehnung an ein bestehendes bedeutendes Medienunternehmen.
Damit sichert man sich bei geringerem Aufwand und damit weniger Kosten den nicht immer leichten Zugang zur einheimischen Prominenz für die Mitarbeit. Denn die Formel der "Huffington Post" besteht darin, interessante und auch unterhaltende News aufzubereiten und mit Kommentaren und Blogs bekannter Persönlichkeiten und Journalisten zu mischen.
Anne Sinclair als Chefredaktorin
Für die französische Ausgabe wurde die bekannte TV-Starjournalistin Anne Sinclair als Chefredaktorin mit ihrem Adressbuch engagiert. Anne Sinclair hatte sich aus dem aktiven Journalismus zurückgezogen, als ihr neuer Ehemann, Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds in Washington wurde. Aber wegen dessen New Yorker Sexskandals, der ihm den Direktorposten kostete, blieb sie ungewollt im Rampenlicht. Sie versichert nun, dass ihr Privat- und Eheleben keinen Einfluss auf die Redaktionspolitik haben werde. Aber beim "Le Monde" schien dies einige Journalisten aus Sorge um den Ruf der eigenen Zeitung sichtlich zu stören.
Keine Honorare
Die Redaktion besteht aus acht jungen Journalisten und Journalistinnen, die entlöhnt werden. Anne Sinclair soll ein Erfolgshonorar bekommen, keinen festen Lohn. Die Kommentatoren und Bloggers der "Huffington Post" arbeiten dagegen überall ohne Honorare, obwohl diese in den USA 2011 einen Gewinn von 10 Millionen Dollar erwirtschaftet hatte. Dies ist unter den "pure players" - reine Online-Medien ohne Print- oder TV-Anhang - eine Rarität. In Frankreich kann nur "Mediapart" unter den fünf grösseren "pure players" einen bescheidenen Gewinn aufzeigen, weil er Abonnementsgebühren verlangt.
Die französische "HuffPost" soll innert zwei Jahren rentabel werden. Die Einnahmen sollen aus der Werbung und dem Sponsoring kommen. Grosse Firmen wie Orange und L'Oréal haben bereits ein solches Sponsoring zugesagt.
Panoptikum
Das bedeutet, dass sich der Überlebenskampf unter den französischen Medien noch etwas weiter verschärfen wird. Die Online-Ausgaben der bekannten Zeitungen liefern sich eine unerbittliche Schlacht um mehr Klicks. Ihre monatlichen Besucherzahlen liegen relativ hoch zwischen 5 und knapp über 7 Millionen. Der erste "pure player", "Rue89", kommt auf 1,8 Millionen Klicks, kann nach seinem Zusammengehen mit dem " Nouvel Observateur" aber nicht mehr als reiner "pure player" betrachtet werden. Zum Vergleich: die "Huffington Post" hat in den USA im Monat 37 Millionen Besucher und damit die "New York Times" mit 31 Millionen deutlich überholt. Dies war für AOL das Zeichen zum Aufkauf gewesen.
Die "HuffPost" muss gegen eine grosse Konkurrenz antreten. Sie tut dies mit grosser Selbstsicherheit und überrascht einmal mit einem Kommentar des früheren Justizministers Robert Badinter zum Armenier-Genozid, dessen Leugnung zum Ärger der Türkei unter Strafe gestellt werden soll, einmal mit einer Stellungnahme des früheren Fussballnationalmannschafts-Trainers Domenech. Sie hat mindestens fünf neue Blogs jeden Tag, wechselt zweimal den "Lead" und bietet ein bebildertes nervöses Panoptikum verschiedenster Nachrichten, wobei die Hierarchie nicht immer klar zu erkennen ist und es für den eiligen Leser an Gliederung fehlt. Allerdings wird versucht, mit Kapiteln wie "Präsidentschaftswahlen 2012", "Wirtschaft", "International", "Kultur", "Digitales Leben", "Tendenzen" eine gewisse Übersichtlichkeit darzustellen. Man kann der "HuffPost" jedenfalls nicht vorwerfen, sie biete zu wenig.






















