In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Der nigerianische Ölkrieg im Roman
Von Heinz Hug
In seinem spannungsreichen Roman „Öl auf Wasser“ befasst sich der nigerianische Autor Helon Habila mit dem Krieg um die Ölförderung im Nigerdelta. Anhand eines Entführungsfalls beleuchtet er dessen komplexe Hintergründe.
Taucht Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas, derzeit in den Schlagzeilen auf, geht es in der Regel um die Sekte Boko Haram und um scheinbar religiös motivierte Konflikte. Dabei tritt ein anderer Konflikt in den Hintergrund, der viel weiter zurückreicht und aufgrund der Verwicklungen westlicher Konzerne auch eine internationale Dimension aufweist: der Krieg um das nigerianische Erdöl, insbesondere im Nigerdelta.
Dieser Konflikt steht im Fokus des kürzlich auf Deutsch übersetzten Romans „Öl auf Wasser“ des 1967 im Nordosten des Landes geborenen Autors Helon Habila. Bevor er zu schreiben begann, arbeitete er als Journalist. 2003 übersiedelte er nach England, kurz zuvor hatte er mit der Veröffentlichung von Kurzgeschichten begonnen. In England erscheint dann sein erster Roman. Heute lebt Habila in den USA und lehrt kreative Writing. Sowohl für die Erzählungen als auch für die Romane hat er bedeutende Preise erhalten. Bei seinem 2010 im Original erschienenen Buch „Öl auf Wasser“ handelt sich um seinen dritten Roman.
Auf den ersten Blick erscheint „Öl auf Wasser“ als ein Thriller, der um die Entführung einer Engländerin, der Ehefrau eines hochrangigen Mitarbeiters einer ausländischen Ölgesellschaft, und um deren Suche durch eine Gruppe von Journalisten kreist.
Die „Rebellen“, die gegen die Ausbreitung der Ölförderung im Nigerdelta und gegen die Vertreibung der dort ansässigen Bevölkerung ankämpfen, haben die Journalisten zu einem Besuch aufgefordert, damit sie nach einem Gespräch mit der Entführten über die Situation im Delta und über die Beweggründe der Rebellen berichten. Dem Genre des Thrillers entspricht auch über weite Strecken Habilas Schreibweise: spannungsreich, schnell wechselnde Sequenzen, ein relativ einfacher Stil ohne rhetorischen Schmuck.
Doch bei den Ingredienzen des Genres Thriller lässt es Habila nicht bewenden. In der Gestaltung des zeitlichen Ablaufs des Plots – das fällt als erstes auf – weicht „Öl auf Wasser“ deutlich von einem herkömmlichen Thriller ab. Habila erzählt seine Geschichte keineswegs linear, auch nicht aus einer gewissen Distanz, die ansonsten mithilfe eines aussenstehenden Erzählers geschaffen wird. Erzählt wird Habilas Roman vom Ich-Erzähler Rufus, der als einer aus der Journalistengruppe im Zentrum des Geschehens steht.
Die zeitliche Struktur sowie die persönliche und emotionale Erzählweise führen dazu, dass der Roman durchaus beabsichtigt etwas Chaotisches zeigt: Die Erzählung springt zwischen verschiedenen Etappen des Handlungsstrangs der Entführung hin und her, und Rückblenden führen die Leser und Leserinnen zeitlich vor die Entführung zurück, unter anderem in die Lebensgeschichte des Erzählers, die ebenfalls in hohem Masse von den Konflikten um die Ölförderung in Nigeria geprägt ist. Habilas Entscheidung, den Entführungsfall von einem Ich-Erzähler berichten zu lassen, schafft die Möglichkeit, sowohl die Aussen- als auch die Innenschau des Erzählers überzeugend darzustellen.
„Öl auf Wasser“ ist zwar mit viel Tempo erzählt, doch kennt der Roman auch Momente des Innehaltens und der Poesie – vor allem wenn es um die Beschreibung von Landschaft oder um die bloss angedeutete Liebesgeschichte geht. So heisst es ziemlich am Anfang des Romans: „In der Flussmitte was das Wasser klar, näher an den Ufern aber stand es brackig, eingeschlossen von den Mangroven, in deren Zweigen der Dunst in Klumpen hing wie Baumwollbällchen. Vor uns wölbte er sich wie eine Brücke über das Wasser. Manchmal, wenn wir in einen besonders schmalen Seitenarm einbogen, wurde unser leichtes Holzkanu derart von diesem dichten, grauen Etwas umfangen, dass wir einander nicht mehr sehen konnten, während wir stumm durch das Wasser glitten. Ich war nass, mir war kalt und ich hatte Hunger, und ich fragte mich nicht zum ersten Mal, ob es eine gute Idee gewesen war, mit Zaq auf die Suche nach der entführten Engländerin zu gehen.“ Dank der vorzüglichen Übersetzung von Thomas Brückner sind die Feinheiten von Habilas Sprache auch im Deutschen nachvollziehbar.
Die komplexe Erzählweise ermöglicht einen thematischen Reichtum von „Öl auf Wasser“, der weit über die eigentliche Entführungsgeschichte hinausgeht. Der Roman befasst sich mit der Verwüstung des natürlichen Lebensraums und der Dorfgemeinschaften im Nigerdelta durch die Ausbreitung der Ölförderung; dem rücksichtslosen Vorgehen der Ölgesellschaften, die alles tun, um ihren Gewinn zu erhöhen, aber nie wirklich in Erscheinung treten; dem Entstehen eines vielfältigen Widerstands dagegen; der auch in der postdiktatorischen Zeit grausamen Repression des Staatsapparats, der keinen Unterschied zwischen bewaffneten Rebellen und dem passiven Widerstand in den Dörfern macht; dem ambivalenten Verhältnis zwischen Rebellen und der Bevölkerung; der Nähe von Kriminalität und politischem Widerstand (im Laufe des Romans wird deutlich, dass die Entführung zuerst ein rein krimineller Akt war, der erst später von den Rebellen übernommen wurde); dem eklatanten Unterschied zwischen dem Leben in den Dörfern und der Hauptstadt des Deltas (Port Harcourt); der Armut der Bevölkerung, die an dem von der Erdölförderung erzeugten Reichtum überhaupt nicht teilhat; der Gewalttätigkeit grosser Teile der nigerianischen Gesellschaft.
Zur düstern Geschichte und den problembeladenen Themen bildet das Leben einer animistischen Religionsgemeinschaft auf der Insel Irikefe einen deutlichen Kontrast. Hier zeigt Habila den Ansatz einer Utopie, die zwar dem Wüten der Militärs nicht entgeht, sich aber dadurch nicht geschlagen gibt.
In den Schilderungen dieser Themen bleibt Habila stets konkret. So spricht er nirgends allgemein von der Repression durch die nigerianische Armee. Er zeigt vielmehr die Folgen eines Racheakts der Militärs auf einer Insel, auf der eine militärische Erkundungsgruppe in einen Hinterhalt geriet. Er zeigt die Repression in der Figur des Majors, der die gefangenen Rebellen jeden Tag mit Benzin abspritzen lässt und sie dann der sengenden Sonne aussetzt. Als Rufus die persönliche Geschichte des Majors erfährt, wird klar, dass dessen Brutalität auch seine Kehrseite hat: nämlich eine zu jeder Gewalt bereiten Gesellschaft, deren Opfer seine Tochter wurde.
Wie die Erdölförderung sich auf das Leben der Dorfbewohner auswirkt, wie sie die Dörfer und die Umwelt zerstört, lässt Habila von einem Arzt erzählen, der diesen Prozess an einem Ort erlebt hat, in den er zwangsversetzt wurde: die Freude der Dorfbewohner, als das Öl entdeckt wird, die vorerst vergeblichen Versuche des Arztes, auf die Umweltzerstörung durch die Ölförderung hinzuweisen: „Der Direktor der Ölgesellschaft, ein Italiener, schrieb mir einen Scheck aus und meinte, nun befände ich mich auf ihrer Gehaltsliste. Er befahl mir weiterzumachen, doch sollte ich meine Ergebnisse ab sofort nur noch ihm mitteilen.“ Die Dorfbewohner beginnen wegen des Giftes in der Umwelt zu sterben oder gehen weg. Allmählich verschwindet das Dorf.
Dadurch, dass Habila eine Gruppe Journalisten auf die Suche der Entführten schickt, wird der Journalismus in Nigeria selber zu einem wichtigen Thema des Romans. Bald einmal bleiben von der Gruppe nur noch zwei Journalisten übrig. Die meisten, die nur die Sensation suchten und deren Zynismus grenzenlos ist, bringen sich möglichst schnell in Sicherheit. Die Reise in immer schwieriger zugängliche Gefilde und in immer gewalttätigere Verstrickungen setzen nur Brutus und Zaq weiter – getrieben einerseits von der Suche nach der grossen Story, andrerseits von der inneren Verpflichtung, die wirklichen Verhältnisse im Land zu recherchieren. Zaq war einst ein Starreporter – so hat ihn Rufus während seiner Ausbildung kennengelernt. Die schwierigen beruflichen und politischen Verhältnisse – vor allem zur Zeit der Abacha-Diktatur − sowie eine problematische Liebesgeschichte beförderten dann aber seinen jähen Abstieg. Er überlebt diese Suche nach der Entführten nicht.
Helon Habilas Roman „Öl auf Wasser“ erinnert an die Romane des gleichaltrigen Biyi Bandele-Thomas, deren Aktionsfeld allerdings die grossstädtischen Slums sind. Beide Autoren zeigen die schreckliche Zerrüttung Nigerias, das sich bis heute keineswegs von Bürgerkrieg und Militärdiktatur erholt hat.
Helon Habila: Öl auf Wasser. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Brückner. Verlag Das Wunderhorn. Heidelberg 2012 (AFRIKAWUNDERHORN), 231 S., ca. Fr. 37.90






















