In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Der Charme des Unzeitgemässen
Von Stephan Wehowsky
Das Liebenswerte gedeiht in Nischen. Dort wird es leicht unterschätzt und bisweilen zertrampelt. - Ein Plädoyer für die einfachen Schweizer Hotels.
Der Chef von "Schweiz Tourismus", Jürg Schmid, erklärte vor kurzem in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (23. Juli 2012), dass in Anbetracht der ohnehin schwierigen Lage der Schweizer Hotellerie die einfachen Hotels kaum Überlebenschancen hätten. Sie seien zu klein, zu wenig komfortabel und überhaupt zu zahlreich.
Man könnte auch sagen: zu altmodisch. In Anbetracht des weltweiten Massentourismus mit den weltweit vergleichbaren, also standardisierten Angeboten wirken sie geradezu skurril, wie aus der Zeit gefallen. Welche „Zielgruppe“ soll sich darin noch wohlfühlen? Anstatt auf Gruppen zu zielen, bemühen sich die kleinen Gasthäuser um Gäste. Kann man Managern erklären, was so wunderbar an diesen alten Hotels ist?
"Fliessend warm und kalt Wasser"
Ich will es versuchen. Am liebsten mag ich die - auch in den einfachen Hotels immer seltener werdenden - Zimmer, die sich hartnäckig gegen jede Renovierung gesträubt haben. Im Laufe der Jahrzehnte ist dieses oder jenes verändert worden, ein neuer Bodenbelag, eine neue Tapete, irgendwie wurde auch etwas an der Beleuchtung getan, aber es ist doch immer noch das alte Zimmer geblieben. Ausgestattet mit einem Waschbecken - früher wurde darauf mit einem Schild „Fliessend warm und kalt Wasser“ an der Front des Hauses hingewiesen - und die Toilette ist über den Gang zu erreichen.
Ein solches Zimmer erzählt Geschichten. Ich stelle mir vor, welche Gäste hier über die Jahrzehnte eingekehrt sind, manche von ihnen wahrscheinlich immer wieder. Die Liebe zur Landschaft, zum Wandern, zum Skifahren: Irgendwie hat das alles noch etwas Einfaches gehabt. Der Komfort war zweitrangig, denn man war ja in den Ferien.
Programmierte Erlebnisse
Heute wird in den Prospekten viel vom „Erlebnis“ geschwärmt. Damit ist nicht das Überraschende gemeint, sondern das Programmierte. Erlebnisse sind Teil der vorbereiteten Komfortzone. Also dürfen sie den pauschal buchenden Gästen nichts abverlangen.
Ich habe nichts gegen den Komfort, aber ebenso liebe ich den Kontrast dazu. In den einfachen Gasthöfen muss man sich immer ein bisschen anpassen. Als ich einmal kurz vor dem Glaspass in einer richtigen Biker-Beiz übernachtete, war die Gaststube voll. „Setz dich da an den Tisch zu dem Ehepaar.“ Es war laut und ein bisschen rau, und mein Zimmer war klein und gemütlich, direkt unter dem Dachgiebel, das Fenster mit einem rot-weiss-gemusterten Vorhang versehen.
Unerwarteter Musikgenuss
In einem Gasthof auf der Älggi-Alp – hochgeschätzt, denn die Älggi-Alp ist der geographische Mittelpunkt der Schweiz – trudelten nach und nach die Wanderer ein, die es sich durch das diesmal besonders schlechte Sommerwetter nicht verdriessen liessen und ihre einfachen Schlafgemächer bezogen. Wireless-Lan oder ein Spa-Bereich wurden von diesen Wanderern ganz sicher nicht vermisst. Müsste man sie mit den „überflüssigen“ Unterkünften dann gleich mit abschaffen?
Und in Müstair sollte gegenüber einem traditionellen Gasthof eine Kapelle aufspielen. Die Durchfahrtsstrasse war gesperrt, Tische und Bänke waren aufgestellt und eine kleine Bar eingerichtet. Als ich das sah, schwante mir nichts Gutes, aber als die überwiegend aus Bläsern bestehende Kapelle anfing, kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Die Musica Concordia Müstair hatte ein schönes Repertoire, überhaupt nicht provinziell, und das Können war durch eine Prise Humor wunderbar gewürzt.
Ich konnte das nur erleben, weil ich zufällig in einem einfachen Hotel gerade an diesem Ort war. Ein 4- oder 5-Stern-Hotel befindet sich in aller Regel nicht an einem Dorfplatz, auf dem heimische Kapellen aufspielen. Oder man hat ein bestehendes Haus so lange „aufgewertet“, bis es zur Unkenntlichkeit dem „gehobenen“ Geschmack gut zahlender Gäste gleichgemacht ist.
"Erlebniszentren" statt Erlebnis
Übrigens passte auch die Küche zu dem Ganzen. Traditionell, ohne Getue, aber alles mit Sorgfalt, einfach gut und zu einem vernünftigen Preis. Und ich mag auch die Art, wie ich in solchen Gasthäusern empfangen und bedient werde. Ich spüre immer wieder, wie ich als einzelner Reisender, der sich gerade für dieses Haus mit den liebevoll renovierten Zimmern entschieden hat, geschätzt werde.
Damit das Ganze wieder in unsere Zeit passen würde, müsste aus Sicht der Manager des Massentourismus wohl Folgendes geschehen: Diese Häuser und Gaststätten müssten, weil nicht mehr zeitgemäss, nach und nach verschwinden. Dann liessen sich Museen eröffnen, in denen man besichtigen und vielleicht in besonderen „Erlebniszentren“ hautnah spüren kann, wie man früher in der Schweiz reiste, beherbergt und bewirtet wurde. Vielleicht kriegten die Ausstellungsmacher dann auch den typischen Geruch wieder hin, der einen in den traditionellen Häusern willkommen heisst.
Low Budget
Aber lassen wir die Polemik. Man könnte auch, so sagte es jedenfalls Jürg Schmid, die einfachen Hotels irgendwie zusammenlegen. Solche Vorschläge klingen immer wieder gut. Dabei sollte man inzwischen gelernt haben, dass Zusammenlegungen meist nicht so effizient wie erhofft sind, aber mit Sicherheit auf eines hinauslaufen: Einheitsbrei. Der liesse sich dann aber noch unter „Low Budget“ verkaufen.
Warum ist es so schwer, das Besondere gerade an der einfacheren Schweizer Hotellerie zu schätzen, zu würdigen und entsprechend in die Werbung einzubeziehen? Im gängigen Managerjargon ist gerade die Parole „Stärken stärken“ en voque. Dazu müssten die Tourismusmanager sie allerdings erst einmal entdecken. Ist der Reiz des Einfachen nicht auch etwas, was zum Charme der Schweiz gehört?
Aber das zu sagen, klingt in Anbetracht des Massentourismus und der damit gesetzten „Standards“ arg nostalgisch. Wobei noch anzumerken ist, dass das, was heute als modern gilt, schneller veraltet, als sich die Zeitgenossen in der Tourismusbranche träumen lassen.






















