EURO-ENDE
René Zeyer

Das Rennen zum Ausgang

Blicken wir hinter die Kulissen des europäischen Hauses

Von René Zeyer

Völkerfreundschaft, Solidarität und Gemeinsinn. Reine Wortblasen. Denn unter Nationen gibt es keine Freundschaft. Nur Eigeninteresse und Revanchegelüste aus der Vergangenheit.

Während fürs Publikum weiter das Schmierenstück «Wir retten gemeinsam Europa» aufgeführt wird, belauern sich die Akteure gegenseitig und fragen sich, wer wohl als erster zum Notausgang rennt, also aus dem im Todeskampf zuckenden Euro austritt. Das Rencontre Monti – Merkel beim vorläufig letzten Krisengipfel hat schon einen Vorgeschmack darauf gegeben, was uns erwartet.

Gehst du, oder geh ich?

Bei der Auflösung einer wirtschaftlichen Staatengemeinschaft geht es nur um eins: Wer holt durch einen Abgang wie die meisten Vorteile für sich selbst heraus. Komplizierter wird die Sache dadurch, dass man sich auch Vorteile verschaffen kann, indem man mit dem Austritt aus dem Euro nur droht. Und schliesslich, sonst wäre es kein EU-Wahnsinn, kann niemand von den anderen rausgeschmissen werden, weil selbst dieses grundlegende Prozedere bei jeder vertraglichen Bindung in der Euphorie der EU-Gründung schlichtweg vergessen ging.

Fall Griechenland

Hier handelt es sich um einen Staat, der nichts mehr zu verlieren hat. Er kann also einerseits mit Austritt und Pleite drohen und darauf spekulieren, dass die dadurch bei den übrigen Euro-Staaten entstehenden Schäden als grösser im Vergleich zu weiteren Hilfsmassnahmen beurteilt werden. Oder aber, die Hellenen kommen zum Schluss, dass Bankrott, Rasieren der Gläubiger und Neustart lukrativer ist. Das ist natürlich völlig unabhängig von den Ergebnissen der Untersuchung der Sparmassnahmen durch die berühmte Troika, also IMF, EZB und EU-Kommission, die gerade stattfindet.

Die übrigen Mitglieder

Die Höhe des eigenen Haushaltsdefizits, die Auswirkungen auf die Handelsbilanz und das eigene Finanzsystem sind die drei wichtigsten Kriterien, nach denen sich die übrigen Euro-Staaten entscheiden, ob ein eigener Abgang nicht die sinnvollste Lösung wäre. Nimmt man den weiterhin garantierten Zugang zu den internationalen Finanzmärkten als wichtigsten Massstab, ist Deutschland in der besten Position, gefolgt von Österreich und, noch, Italien. Für Spanien und Frankreich hingegen wäre ein Austritt eher nicht zu empfehlen. Wenn wir uns auf die vier wichtigsten Nationalökonomien fokussieren, erklärt das natürlich die Unterschiede in der Politik zwischen Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien.

Wer mit wem gegen wen

Frankreich und Spanien haben also gemeinsame Interessen, Italien kann das Zünglein an der Waage spielen, und Deutschland steht, wie so oft in der Geschichte, ziemlich alleine da. Deshalb erhebt Frankreich, natürlich kräftig unterstützt von Spanien und wohlwollend begleitet von Italien, die Forderung nach einer weiteren Vergemeinschaftung der Schulden, sei das in Form von Eurobonds oder einer Bad Bank innerhalb der Europäischen Zentralbank. Begleitet von einem möglichst zahnlosen Fiskalpakt, dessen Vorschriften in der Tradition der Maastricht-Kriterien problemlos ignoriert werden könnten. Zu dritt sind wir stärker als Deutschland, ist die Devise.

Armes Deutschland

Schon heute müsste Deutschland am meisten bluten, wenn es selbst oder ein anderer Staat aus der Euro-Zone austritt. Bleiben die Deutschen aber drin, werden sie um die Übernahme weiterer finanzieller Garantien nicht herumkommen, da mag Merkel noch so oft darauf hinweisen, dass auch ihr Staat nicht unbeschränkt belastbar sei. Das ist vor allem Frankreich wurst, weil die durch die Zustimmung zur Wiedervereinigung erkaufte Aufgabe der DM nicht die gewünschten Resultate gebracht hat. Statt Völkerfreundschaft und Solidarität haben wir hier also einen Showdown wie im Western-Klassiker «The Good, the Bad and the Ugly».

Wer zieht zuerst?

Die Ausgangslage im Film wie in der Realität ist: Drei Pistoleros stehen sich gegenüber. Deutschland, Frankreich und Italien. In der Wirklichkeit wird die Lage noch weiter kompliziert, indem auch noch Spanien und der Zwerg Griechenland rumhampeln. Nun fragen sich alle: Wer zieht zuerst, und vor allem; wer schiesst auf wen? Verbünden sich Italien und Frankreich und schiessen auf Deutschland? Haben alle Beteiligten überhaupt geladene Pistolen, reicht es vielleicht noch für einen zweiten Schuss? Soll man zuwarten oder als Erster loslegen, aber wohin zielen? Oder könnte man sich allenfalls doch noch friedlich einigen? Das Ende sehen Sie demnächst nicht im Kino, sondern in der Wirklichkeit. Bis dahin herrscht nervenzerfetzende Spannung, bislang hat noch niemand geblinzelt. Ennio Morricone, bitte, das muss von Ihrer Musik begleitet werden!

Kommentare

Zyklisch ist sie, die Historie.

Zuerst sahen wir griechische Tragödien von Sophokles et al und viel Katharsis. Alles wegen unserer Gier nach Antworten zur bangen Frage "Wie es denn zugeht auf dieser Welt? Wie der Hase läuft?". Dann kamen Shakespeares Verstrickungen. Immerhin mit der Gewissheit dass es das gibt, den Fluch der bösen Tat.

Dann Grimms Märchen - hochsymbolisch - gefolgt vom noch symbolischeren Sigmund Freud. Dann die Western. Welche Lust, zu erahnen wessen Kugeln treffen und wessen eben nie und weshalb.

Dann die Polizei- und Gerichtsfilme mit aufrechten Anwälten. Auch Cinéma Noir wo es immerzu regnet. Dann die Mafia- und Finanzweltfilme mit Marlon Brando und Michael Douglas und Helden auf weissen Pferden.

Jetzt sind wir zurück in Griechenland, das sich tapfer gegen die Zumutungen der Katharsis zur Wehr setzt. Gleichzeitig schon wieder viel Cinema noir und wieder schlabbert regennass die Beinkleidung.

Meines Erachtens hat es nichts mit Hass zu tun wenn einer ungeschminkt die Wahrheit schreibt. Ausserdem ist Herr Zeyer nicht - und immer weniger! - der Einzige der das tut.

Es könnte vielleicht etwas mit gesunder Empörung zu tun haben, wenn einer wiederholt mit dem Finger auf die Machenschaften einer Elite hinweist die, wie wir Schweizer vorläufig noch bequem vor dem TV als Zuschauer erleben, immer mehr Menschen in Europa in ganz real erlebtes Elend reisst?

Erst wandern die "Kröten" von unten nach oben, dann wandern die Arbeitslosen von Süden nach Norden - und seit einiger Zeit erlebt man auch in den noch "gesunden Volkswirtschaften" die ersten Reaktionen auf (u.a.) diese Folgen der ständigen EU/Euro-Krise.

Für mich hat es überhaupt nichts mit Hass und Angst zu tun, wenn man täglich darauf hinweist, wie Milliarden Euro für Krisengipfel investiert werden, an denen mit immensen Mengen heisser Luft, Milliarden Euro hin- und her versprochen werden, die in Wahrheit ebenfalls aus Luft bestehen. Die kritische Sicht auf das sich immer schneller entwickelnde Desaster hat für mich viel mehr mit einem sehr realistischen Blick auf die Lage Europas zu tun. Dieser Blick erlaubt es, sich über die unausweichlichen Konsequenzen, welche die sich immer mehr zuspitzende Geschichte mit sich bringt Gedanken zu machen! Die europäischen Bürger in Italien, Spanien, England, Griechenland sammeln sich immer mehr in den Strassen - und sie tun das nicht aus Freude. Diese Menschen sind ganz direkte Opfer der Euro-Krise - und sie haben Angst - und wo Angst ist, da wächst früher oder später Verzweiflung, daraus entsteht Agression und die gipfelt schlussendlich im Hass gegen eine Elite die "99%" ausplündert und auf die Strasse stellt, während dem gleichzeitig an dieser Krise von etwa "1" Milliardenbeträge verdient werden. So etwa entsteht die Art von Angst und Hass, die schon öfters in der Geschichte schwere Folgen für die Menschheit hatte. Nachvollziehbar oder?

Hass ist ein widerliches Wort, man sollte es bewusst dort einsetzen wo es wirklich hingehört. Es auf Leute anzuwenden, die einfach nur die Realität beschreiben, ist eindeutig unpassend und lenkt vom Kern der Sache ab.

an Gast von 16:33:

bin zwar selber nur gast , aus dem €-Raum, sehe aber weit und breit niemanden der die brutale Gewalt dieser Wahrheit so einfach und klar darlegen kann, wie Hr Zeyer. Wahrscheinlich ist die €-Einführung auf ein ziemliches Lügengebäude aufgebaut und je länger versucht wird ,diese Lüge -und ihre Verwandten- aufrecht zu (er)halten , je gemeiner wird sie. Ich würde mir in den €-Ländern diesen Mut zur Wahrheit wünschen; Sehen Sie da was ? Ich nicht.

Herr Zeyer, Sie müssen von ungeheuerlicher Angst von ebensolchem Hass geleitet sein, dass Sie nun fast täglich über nichts anderes mehr herziehen können als über Europa und seine Währung. Leider wiederholen Sie sich mehr und mehr. Doch ihre zustimmenden Jünger wird das kaum stören. Sie laben sich an Ihren Worten. Ich würde wahrlich nicht behaupten, dass Sie Unrecht haben, aber dieses Herbeisehnen des Niederganges des Euro-Feind-Landes ist ziemlich trist. Nicht nur viele CEO's und Politiker hätten wohl mal einen Besuch beim Psychologen nötig.

Endlich mal eine klare, realistische Beschreibung der Lage, Herr Zeyer. Ich nehme nicht an, dass noch irgendeine friedliche Einigung in diesem "EU-Film" möglich ist. Am Ende von "The good, the bad and the ugly" bleibt einem ein befreiendes Lachen. Aber der Film hatte ja auch wirklich ein ausgezeichnetes Drehbuch und ein gute Regie.

Die EU und ihre Währung hingegen sind der Aufhänger für ein zuehmend schlampiger inszeniertes Dauerdrama, in dem schlechte Darsteller, die glauben Politiker zu sein, immer dieselben Texte wiederholen, die ihnen je länger je weniger geglaubt werden. Wie solche Dramen ausgehen wissen eigentlich alle, aber es wird trotzdem eisern weitergemacht, obwohl immer mehr Menschen unter den Konsequenzen dieser schlechten Inszenierung leiden müssen und alle mehr oder weniger heimlich nur noch den Notausgang aus dem Theater suchen. Das gerade wirft hinsichtlich der geistigen und seelischen Verfassung der Hauptakteure und ihrer fragwürdigen Motivation für ihre "Aufgaben" viele ernste Fragen auf.

Die Geschichte wiederholt sich, auch in der Richtung: die Oberfläche wird frisch gestrichen, der Inhalt bleibt der gleiche Mist, statt dass die Ursache an der Wurzel behandelt wird. Die Geschichte wiederholt sich darauf, in anderer Richtung. Und lieber schiessen sich die Betroffenen weiter gegenseitig über den Haufen oder schlachten Sündenböcke, hauen Prügelknaben, vermiesen einander das Leben. Diese Geschichten wiederholen sich in den Grundzügen seit Jahrtausenden, während die Dummheit erfolgreich Regie führt.

Sehr gut geschildert !! Es ist anzunehmen, dass hintenrum bereits Geheimabsprachen bzw Geheimabkommen zwischen den -sagen wir mal- Lateinern geschlossen werden, um im richtigen Zeitpunkt den Germanen in den Rücken zu fallen...

...die Geschichte scheint sich irgendwie zu wiederholen...

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