In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
100 Milliarden verrösten
Von René Zeyer
Gab es in der Weltgeschichte einen vergleichbaren Fall, wie 100 Milliarden völlig sinn- und zweckfrei verpulvert wurden? Ohne Krieg noch nie.
Manchmal konzentriert sich in einer komplexen Krise der Wahnsinn, der sie auslöst und befeuert, in einer einzigen Handlung. Die Zusage einer 100-Milliarden-Hilfe an spanische Banken ist so eine.
Nebensächliche Fragen
Es ist eigentlich unerheblich, dass niemand so genau weiss, wer für diese 100 Milliarden Euro geradestehen muss. Wann die wahren Gläubiger, die Steuerzahler im Euroraum (soweit er noch nicht unter einen Rettungsschirm geflüchtet ist), in irgend einer demokratischen Form um ihr Einverständnis gefragt wurden.
Es ist unerheblich, ob irgend jemand weiss, was diese 100 Milliarden genau bewirken sollen. Ob und wie ihre Verwendung kontrolliert wird. Welche Zinsen dafür wann und wie bezahlt werden. Ob das Einräumen einer Vorrangigkeit bei der Bedienung nicht schlichtweg illegal ist. Wann und wie der stolze Betrag wieder zurückbezahlt wird. Das sind im normalen Geschäftsleben zwar alles wichtige Fragen, aber was ist im Euroraum noch normal?
Der Markt reagiert
Der Finanzmarkt ist kein selbständig denkendes Wesen, die Marktteilnehmer sind es schon. Der Sinn einer Finanzspritze ist: Vertrauen schaffen, damit die Zinsen für den unterstützten Schuldner sinken. Der Zinssatz für 10-jährige spanische Staatsschuldpapiere ist seit der Ankündigung der 100-Milliarden-Hilfe auf bis zu 7,24 Prozent gestiegen: Todeszone!
Der Zins für kurzfristigere Papiere (Laufzeit 12 oder 18 Monate) stieg auf über 5 Prozent, Rekord. Deutschland zahlt im Vergleich dafür weniger als - kaum zu glauben! - 0,1 Prozent, Spanien zahlte vor der «Rettung» für einjährige Staatspapiere knapp 3 Prozent.
Wieso nicht "Stecker raus"?
Für Griechenland galt und gilt: Unabhängig von jeder Regierung ist ein Schuldner pleite, wenn er nicht mal die Zinsen für Schulden aus eigener Kraft zahlen kann und ihm niemand (ausser der verrückten EU) neue Kredite dafür gibt. Wieso soll das für Spanien nicht gelten? Aus einem so einfachen wie absurden Grund: Weil selbst alle Rettungsschirme zusammen den Bankrott einer so grossen Volkswirtschaft im Euroraum nicht abwenden könnten.
Nun mag der logische Leser einwenden: Aber das ist doch genau die unwiderlegbare Begründung dafür, dass Spanien bankrott gehen oder zumindest aus dem Euro austreten muss. Richtig, aber damit hat der logische Leser eine Ahnung vom brüllenden Wahnsinn bekommen, der die Handlungen der Eurokraten bestimmt.
Beratungsresistent
Wie jeder Irre, der sich in seiner Fantasiewelt verloren hat, sind die Eurokraten völlig beratungsresistent. Auf ihre Bevölkerung müssen sie nicht hören, da sich beispielsweise diese absurde 100-Milliarden-Hilfe ausserhalb jeglicher demokratischer Kontrolle abspielt. Auf gutes Zureden von anderen Regierungen wollen sie nicht hören. «Wir brauchen keinen Nachhilfeunterricht in Demokratie, wir brauchen keine Belehrungen», belferte EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso am G-20-Gipfeltreffen in Mexiko, wo sich Führer der bedeutendsten Wirtschaftsmächte der Welt besorgt zeigten, wieso Europa seine hausgemachte Krise nicht in den Griff bekommt.
Der Wüterich Barroso verdient immerhin 304 000 Euro im Jahr, um als oberster Europäer die EU diplomatisch und staatsmännisch zu repräsentieren. Ebenfalls rausgeschmissenes Geld.
Das Einmaleins
Wollen die Deutschen die Haftung für spanische Staats- oder Bankenschulden übernehmen? Sicher nicht. Kommt Spanien aus seiner selbstverschuldeten Finanzkrise in der Zwangsjacke Euro aus eigenen Kräften raus? Sicher nicht. Bietet die 100-Milliarden-Hilfe den geringsten Anlass zur Hoffnung, dass es Spanien dadurch auch nur einen Deut besser geht? Sicher nicht.
Kann man wenigstens davon ausgehen, dass Spanien diese 100 Milliarden zurückzahlt? Sicher nicht. Kommt Spanien innerhalb des Euro aus seiner fundamentalen Wirtschaftskrise mit horrenden Arbeitslosenzahlen heraus? Sicher nicht. Hat die spanische Bevölkerung auch nur ein Wort mitzureden, welche Hilfen unter welchen Bedingungen akzeptiert werden? Sicher nicht. Hat irgend ein Eurokrat auch nur das Mindeste aus der Griechenland-Katastrophe gelernt? Sicher nicht.
Und das Resultat
Werden Barroso oder irgend ein anderer dieser Totengräber Europas jemals für ihr übles Tun zur Verantwortung gezogen? Sicher nicht. Haben diese 100 Milliarden den Weg ins Desaster, den Zusammenbruch der Wirtschaft, den Zusammenbruch der Demokratien, den Zusammenbruch der sozialen Ordnung in Europa verkürzt? Aber sicher.






















